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Kultur Promis in der Kunsthalle Rostock: Ist das noch Kunst?
Nachrichten Kultur Promis in der Kunsthalle Rostock: Ist das noch Kunst?
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16:33 28.01.2019
Ex-Bildchef Kai Diekmann (v. l.), der Rostocker Kunsthallen-Chef Jörg-Uwe Neumann und Springer-Vorstand Mathias Döpfner sitzen auf der Bild-Couch in der Kunsthalle Rostock. Quelle: Ove Arscholl
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Rostock

Was ist Kunst? Was darf Kunst? Über dieses Thema gibt es Abhandlungen wie Skandale. Dem einfachen Menschen ist oft eben das nicht Kunst, von dem er denkt: „Das kann ich auch!“ Demnach wären Ueckers Nagelwerke keine Kunst. Während die Porträts aus der Bild-Redaktion in der Kunsthalle Rostock Kunst sein müssten. Man kriegt Kohl, Merkel, Gorbatschow, Kevin Costner, Pamela Anderson nicht so leicht vor die Kamera. Ist also Promi-Fotografie als Inszenierung automatisch Kunst, nur weil sie Popularität erzeugt?

Früher reichte Darstellung von Nacktheit zum Aufreger

Eher sagt es etwas über unser Zeitalter aus. Kunst kommt vom Schöpferischen, von der meisterhaften Umsetzung eines ästhetischen Grundtriebs. Die Moderne bemüht sich zwar seit jeher, diesen Kunstbegriff zu schreddern. Dabei hilft der Skandal.

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Im Blick auf die Aufreger in der Kunst wird der Paradigmenwechsel in den Gesellschaftsformen deutlich. Zu Zeiten eines Manets und Courbets konnte allein die Darstellung menschlicher Nacktheit zum Aufreger genügen. Wobei es auch da auf Sehgewohnheiten und Konformitäten ankam.

Courbets „L’Origine du Monde“ erregte 1866 die Gemüter wegen der drastisch offenen Darstellung der weiblichen Scham.

Gustave Courbets Gemälde "L'Origine du Monde" (Der Ursprung der Welt), 1866. Öl auf Leinwand. Quelle: Grand Palais / dpa

Manets „Olympia“ regte 1863 wegen der ästhetisch überhöhten, aber züchtigen Nacktheit niemanden auf. Er war aber der erste Künstler, der weibliche Akte außerhalb eines mythologisch-allegorischen Rahmens präsentierte. Seine Nackte war eine Prostituierte und keine Nymphe. Und das wollte in der Pariser Bourgeoisie niemand sehen.

Bei Liebermanns Jesus-Skandal 1879 genügte ein verdrecktes Jesuskind zum Aufreger. Damals Blasphemie, heute Langweiler.

„Der zwölfjährige Jesus im Tempel“, Gemälde / Öl auf Leinwand (1879) von Max Liebermann [1847-1935] Quelle: Hamburger Kunsthalle

Andersherum benötigte das Waterhouse-Gemälde „Hylas und die Nymphen“ von 1896 rund 120 Jahre, eine #meToo-bewegte und PR-geschulte Kuratorin, um zum Aufreger zu genügen. 2018 entwickelte sich um das Gemälde in der Art Gallery Manchester wegen seiner vermeintlich sexistischen Darstellung ein Medienhype. Es wurde abgehängt, wieder aufgehängt und zu einer Mitmachaktion erniedrigt, bei der Besucher ihre Meinung auf Post-its kleben durften.

John William Waterhouse (1849-1917) „Hylas und die Nymphen“ (etwa 1896) Quelle: WHA UnitedArchives

Ihr wollt nicht wissen, wie wir es treiben? Dann seht her!

Nacktheit hat in der Post-Moderne kaum noch aufgeregt und die Phase der physischen Destruktion in der Kunst hat auch schnell gelangweilt. Sexuelle Revolution, Porno, Body Art haben maximal abgestumpft. Ein Künstler wie Mapplethorpe hat die Nicht-Akzeptanz seiner Homosexualität in ästhetisch ebenso überhöhten Bildern wie in sexuell radikaler Schwulen-Darstellung zelebriert. Motto: Ihr wollt nicht wissen, wie wir es treiben? Hier seht her, ecce homo homosexual! Aufregt hat das in den sexuell überhitzen 80ern nur einen konservativen US-Senator, dessen Anti-Schwulen-Kampagne die homoerotischen Bilder auch in der liberal geprägten Hetero-Gesellschaft salonfähig gemacht hat.

220 Gäste bei der Vernissage zur Ausstellung „bildRaum“ in der Kunsthalle – eine Schau, die äußerst kontrovers diskutiert wird.

Abramović, Achternbusch, Moiré, Flatz, Stark, Brus – der menschliche Körper ist in der Kunst bis zum Exzess vermessen im Hinblick auf seine Aufregerqualitäten, ob pornographisch, sado-masochistisch, religiös, feministisch. Das lockt keinen Spießer mehr. So lange Helene Fischer nicht nackt durch Rostock läuft, wie das Volkstheater kürzlich tagträumte, bleiben alle vor den Smartphones hocken.

Der digital geprägte Mensch bekommt hingegen einen sozialen Reflux, wenn ein Promi mit Begriffen wie Nude, Ex oder Sex verbunden wird. Die Kunst hat längst alles hinter sich gelassen: Gekreuzigte Frösche, entweihte Kirchen, geschändete Holocaust-Denkmäler, Hitlergruß am Meese-Fließband, eierspuckende Vaginas, Pädophilie, Masturbations-Phantasien, Orlans feministische Courbet-Paraphrase „L’origine de la guerre“. Die Mechanik des Kunst-Skandals der Digital-Moderne hat wenig mit dem zu tun, was im Fin de Siècle erregte. Hinter der Ausstellung des „Sonderbundes Westdeutscher Kunstfreunde und Künstler“ 1912 mit van Gogh, Cézanne, Gauguin, Munch, Picasso steckte die Veränderung in der Schule des Sehens. Sie wurde zum Skandal.

Die Schauspielerin zeigt ihre Arbeiten in der Kunsthalle der Hansestadt

Woran stirbt der Kapitalismus? An Bedeutung?

Heute geht es um Effekt und ums Gesehenwerden. Und das funzt auch ohne Provokations-Quatsch. Die Rostocker Kunsthalle kriegt an zwei Tagen die Bude voll mit Promi-Status von Katja Flint bis Bild. Dazu lässt man Springer-Vorstand Döpfner vor MV-Prominenz erzählen, dass „die DDR an einem Mangel an Ästhetik“ zugrunde gegangen ist. Woran stirbt dann der Kapitalismus? An einem Mangel an Bedeutung? Am Untergang der Qualität? Über Kunst schwatzen, darf erlaubt sein. Die Epoche, in der wir leben, könnte aber als Digital-Dilettantismus in die Kunstgeschichte eingehen.

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Michael Meyer