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MV aktuell 1943 im Krieg gefallen: Doberaner sucht Grab des Vaters
Nachrichten MV aktuell 1943 im Krieg gefallen: Doberaner sucht Grab des Vaters
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08:41 23.02.2018
Bild von Friedrich Prehn als Soldat
Bild von Friedrich Prehn als Soldat Quelle: privat
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Bad Doberan

9. April 1943 an der Ostfront. Bei der russischen Ortschaft Bachmutskij verteidigen Einheiten der Wehrmacht einen Abschnitt am Fluss Mius gegen die anstürmenden sowjetischen Truppen. Es ist früher Abend, als der Gefreite Friedrich Prehn in einer Kampfpause den Bunker verlässt. Die Explosion einer Granate zerreißt die Stille. Das zersplitternde Metall zerfetzt den Körper des 33-Jährigen. Prehn, der in Rostock zu Hause ist, hinterlässt eine Frau und zwei kleine Söhne. Im Schreiben des Kompaniechefs an die Witwe ist von soldatischer Pflichterfüllung und Heldentod die Rede. Den Schmerz der Hinterbliebenen lindert das kaum.

Herbert Prehn hat einen Wunsch: Er möchte wissen, wo sein Vater begraben ist. Dieser wurde 1943 als Wehrmacht-Soldat an der Ostfront in Russland getötet.

Mehr als eine halbe Million Opfer

Im Winter 1942/43 opfert Adolf Hitler bei Stalingrad 22 Divisionen seinem Durchhaltebefehl. Etwa 150 000 Soldaten fallen in den Kämpfen, erfrieren oder verhungern. Rund 91 000 Mann geraten in sowjetische Kriegsgefangenschaft – nur etwa 6000 überleben. Auf sowjetischer Seite sterben mehr als 400 000 Soldaten.

„Bis zum heutigen Tag leide ich darunter, dass ich ohne Vater aufwachsen musste. Er hat mir in vielen Dingen des Lebens gefehlt. Daran ändert auch nichts, dass sich mein Onkel meiner annahm“, sagt Herbert Prehn (81), der heute in Bad Doberan wohnt. „Gerade in diesen Wochen, da sich die Schlacht von Stalingrad zum 75. Mal jährt, wäre es wichtig gewesen, dass von deutscher Seite daran erinnert wird. Vor allem junge Menschen sollten wissen, was damals geschah und dass sich so etwas nicht wiederholen darf“, betont der gelernte Betonbauer und spätere Bauingenieur. Stattdessen herrsche offizielles Schweigen.

Nach dem Krieg müssen Herbert Prehn und seine Familie in Ungewissheit leben. Lange Zeit halten die Angehörigen nur die Todesnachricht in den Händen. „Unsere Mutter und wir Söhne litten immer darunter, dass wir sein Grab nicht besuchen konnten“, so der Rentner. Er wendet sich im März 2006 an den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. „Mein Wunsch ist es, einmal in meinem Leben an die Stätte zu treten, wo mein Vater, wie viele andere auch, das Leben ließ“, schreibt er. Und erhält sechs Monate später eine Antwort aus Berlin. Die Deutsche Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht teilt ihm mit, dass Friedrich Prehn auf dem Soldatenfriedhof im russischen Bischlerowka, 2. Reihe, 10. Grab von links, beigesetzt wurde. Der Ort liegt nördlich von Taganrog nahe der ukrainischen Grenze.

Von nun an setzt Prehn alle Hebel in Bewegung, um dorthin reisen zu können. Dabei kommt ihm die Bekanntschaft seiner in Berlin lebenden Tochter mit einer aus Russland stammenden Familie zu Hilfe. „Ludmilla, die Mutter von Galina und Igor Kasnetshej, wurde mir eine wertvolle Reisebegleiterin bei meiner Fahrt nach Bischlerowka.“

Im September 2007 reisen Prehn und Ludmilla an den Ort des tragischen Geschehens. Begleitet von zwei Mitarbeitern der russischen Kriegsgräberfürsorge suchen sie die Grabanlage. Prehn notiert in seinem Tagebuch: „Am Ziel angekommen, gibt es eine große Enttäuschung. Von einer Anwohnerin werden wir über ein Gartenfeld geführt, wo Kartoffeln und Tomaten wachsen.“ Von einem Vertreter der Ortsverwaltung erfahren sie, dass ein Teil der 350 hier bestatteten Gefallenen in einer Gedenkstätte ihre letzte Ruhe gefunden hat. Friedrich Prehn ist nicht unter ihnen. Den Namen des Vaters findet der Sohn aber auf einer der dort aufgestellten Stelen.

Zum Abschied erhält Herbert Prehn von einem der Begleiter Gegenstände, die dieser auf dem ehemaligen Schlachtfeld gesammelt hat: Knochenstücke, Uniformknöpfe, Metallteile – und einen Granatsplitter. „Der steht für mich für den Tod meines Vaters“, sagt der Doberaner. Er bewahrt die Fundstücke sorgsam in einer Schachtel auf: „Sie bedeuten mir unendlich viel!“

Prehns Reise nach Bischlerowka erregt Aufmerksamkeit in russischen Medien. Eine Zeitung berichtet, ein Filmteam, das einen Streifen über die Kriegsgeschehnisse in Rostow am Don dreht, reist nach Bad Doberan, um Prehn vor die Kamera zu holen. „Wir hatten immer gehofft, dass Vater nicht in den Krieg muss. Leider ist er ums Leben gekommen. Ich möchte nicht, dass Menschen erneut ein ähnliches Schicksal erleiden müssen“, sagte er damals den Filmleuten. Daran hält er bis heute fest.

Werner Geske