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MV aktuell 30 Jahre nach Mauerfall: Vielen in MV geht es besser – Unzufriedenheit aber bleibt
Nachrichten MV aktuell 30 Jahre nach Mauerfall: Vielen in MV geht es besser – Unzufriedenheit aber bleibt
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07:39 08.11.2019
Viele Menschen demonstrierten Ende 1989 in Rostock für mehr Freiheiten in der DDR. Heute sind viele unzufrieden mit dem Erreichten. Quelle: Achim Treder
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Rostock

30 Jahre nach dem Mauerfall ziehen die Menschen in MV eine durchwachsene Bilanz: Fast drei Viertel geben an, dass es ihnen heute besser geht als 1989. Dennoch sind ebenso viele nicht mit den Ergebnissen der deutschen Einheit zufrieden.

Befragt wurden Menschen über 45 Jahre. 17 Prozent wünschen sich sogar manchmal die DDR zurück. Dies ist das Ergebnis einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag von OSTSEE-ZEITUNG und NDR.

Wähler von AfD und Linke haben am meisten Frust

Deutlich verbessert sehen 47 Prozent der Befragten ihre persönliche wirtschaftliche Situation, 25 Prozent leicht verbessert. 18 Prozent schätzen die Lage als unverändert seit 1989 ein, elf Prozent sogar schlechter.

Dem steht offenbar ein großes Frust-Potenzial gegenüber. 63 Prozent der Befragten gaben an: Ihre Hoffnungen von 1989 hätten sich nur zum Teil erfüllt, bei zwölf Prozent gar nicht. 20 Prozent sehen ihre Erwartungen von damals voll und ganz erfüllt.

Auffällig: Die Unzufriedenheit ist vor allem bei Anhängern von Linke und AfD groß – 28 und 26 Prozent hadern komplett mit den Folgen der Wiedervereinigung. Forsa hat im Zeitraum vom 18. bis 23. September 2019 insgesamt 1002 Wahlberechtigte landesweit befragt – repräsentativ.

Ursachen: geringe Löhne, schlechte Infrastruktur

Wenke Brüdgam (Linke) sieht geringe Löhne und Renten als Triebfeder der Unzufriedenheit. Aber auch schlechte Infrastruktur. „Wenn die Post oder der Arzt nicht mehr da ist, läuft etwas gehörig falsch.“ Leif-Erik Holm (AfD) glaubt, dass Menschen merkten, wenn „echte Freiheit“ fehle. Er sieht durch politische Korrektheit Meinungs- und Versammlungsfreiheit gefährdet.

CDU-Landeschef Vincent Kokert sieht’s dagegen positiv: „Die große Mehrzahl der Menschen spürt klare wirtschaftliche Vorteile.“ Sicher sei „die Euphorie der ersten Jahre“ verflogen. Julian Barlen (SPD) erklärt: Ziel seien gleichwertige Lebensverhältnisse. Er hebt sinkende Arbeitslosigkeit und wirtschaftliche Entwicklung hervor. Da sei vieles besser geworden.

Fast jeder zweite Arbeiter sehnt sich nach der DDR zurück

Viele Menschen aus MV sind noch nicht im vereinten Land angekommen. Fast jeder fünfte Wahlberechtigte aller Altersgruppen wünscht sich manchmal die DDR zurück. 15 Prozent in Mecklenburg, 22 in Vorpommern. Dies gilt sogar für jeden zehnten 18- bis 29-Jährigen; Menschen, die die DDR nie erlebten. Spitzenwert: 40 Prozent der Arbeiter sehnen sich nach der alten Zeit. Auch hier liegen Linke- und AfD-Wähler weit vorn: 40 und 38 Prozent.

„Ein erschreckender Befund“, findet Prof. Wolfgang Muno, Politologe der Universität Rostock. Viele hätten wohl die „Ein-Parteien-Diktatur mit Unterdrückung, Überwachung und Zwangsadoption“ vergessen.

41 Prozent der Menschen im Land sehen sich als Ostdeutsche

Ein wechselvolles Bild ergibt sich bei der Frage nach Identität. 71 Prozent der Linken-Wähler sehen sich als Ostdeutsche, 51 Prozent der AfD-Wähler. MV gesamt: 41 Prozent. Andere Parteien-Präferenzen: SPD 45, FDP 43, CDU 28, Grüne 20 Prozent. Ein Großteil der Bevölkerung in MV versteht sich aber als Deutsche/r: insgesamt 56 Prozent. Spitzenwert: 18- bis 29-Jährige – 70 Prozent.

Für Prof. Wolfgang Muno zeigen diese Zahlen: Es habe sich in den vergangenen zehn, 15 Jahren eine Identifikation als Ostdeutscher herausgebildet. „Das gab es früher nicht“, so Muno. Er sehe darin eine „klare Abgrenzung zu Westdeutschen“.

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Von Frank Pubantz