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MV aktuell 30 Jahre nach dem Mauerfall: Geringe Löhne sorgen für großen Frust in MV
Nachrichten MV aktuell 30 Jahre nach dem Mauerfall: Geringe Löhne sorgen für großen Frust in MV
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07:40 08.11.2019
Für bessere Bezahlung demonstrierten tausende Beschäftigte des öffentlichen Dienstes in diesem Jahr in Schwerin. Quelle: Jens Büttner/dpa
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Rostock

Frust im Job: 30 Jahre nach dem Mauerfall erhalten Beschäftigte in MV durchschnittlich immer noch rund 20 Prozent weniger Lohn und Gehalt als gleich Qualifizierte in westlichen Bundesländern. Das stößt vielen Menschen auf, wie eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag von OSTSEE-ZEITUNG und NDR zeigt.

65 Prozent der Befragten seien sehr verärgert, weitere 24 Prozent etwas. Summe: 89 Prozent. Das Ergebnis zeigt sich durchweg bei Anhängern verschiedener Parteien sowie in allen Berufsgruppen. Spitze: 94 Prozent der befragten Arbeiter sehen die Lohnschere kritisch.

Psychologe: Ungleiche Lebensverhältnisse als Ärgernis

„Ungleiche Lebensverhältnisse.“ Psychologe Prof. Hendrik Berth. Quelle: Stephan Wiegand

Das überrascht Prof. Hendrik Berth, Psychologe an der Technischen Universität Dresden, nicht. Er führt mit Kollegen seit langem eine vergleichende Studie zu Auswirkungen der Einheit bei Menschen durch. Erkenntnisse: Zunehmend werde die Vereinigung insgesamt besser bewertet, aber nicht in Detailfragen. Dabei sei das Lohngefälle – „die materiellen Voraussetzungen“ – bestimmendes Thema.

„Die Lebensverhältnisse sind immer noch ungleich“, sagt Berth. Menschen im Osten erhielten weniger Lohn, weniger Rente, besäßen folglich zum Beispiel weniger Immobilien. Erst wenn sich dies ändere, werde die Zufriedenheit entscheidend steigen.

Das gilt auch für einen weiteren Aspekt der OZ-Umfrage. Thema: anteilig wenige Ostdeutsche in Führungspositionen. Die Mehrheit der in MV Befragten, 52 Prozent, glaubt, dass Ostdeutsche schlechtere Karrierechancen im Beruf hätten als Westdeutsche, ja sogar benachteiligt werden. Dies denken übrigens 65 Prozent der 18- bis 29-Jährigen, 68 Prozent der Linke- und 59 Prozent der AfD-Wähler.

Politikwissenschaftler: neue Ost-Identität als Abgrenzung

„17 Prozent der Menschen in Deutschland sind Ostdeutsche“, so Berth. Folglich müsste der Anteil auch bei Spitzenjobs so hoch sein. Dabei gebe es Ursachen für die heutige andere Situation: Nach der Wende sei „die komplette Elite“ im Osten wegen SED-Zugehörigkeit aussortiert worden. Es kamen viele Bewerber aus dem Westen. Die neuen Chefs „begünstigten ihre eigenen Leute, die so sind wie sie selbst“, so Psychologe Berth.

Er sei sicher: Mehr Chefs aus dem Osten „könnten für den Osten gut sein“. Denn diese verstünden Reaktionen und Stimmungslagen von Beschäftigten hier besser. Dennoch ist Berth überzeugt: Die deutsche Einheit schreite voran – wenn auch langsamer als von vielen erhofft.

Das Lohngefälle zwischen Ost und West sieht auch Prof. Wolfgang Muno, Politologe an der Universität Rostock, als Hauptursache für Unzufriedenheit in MV. Dies begründe sich aber auch in geringerer Produktivität gegenüber anderen Regionen. Viele Menschen hier sähen sich „als Bürger zweiter Klasse“. So sei er überrascht, dass so viele „eine systematische Benachteiligung Ostdeutscher“ in Führungspositionen beklagen, einen „Opfer-Mythos“ herausbildeten, für den es keinen Beleg gebe.

Wirtschaft sieht gute Chancen für Berufskarrieren

In der Wirtschaft spricht man nicht so gern über die Lohnlücke. Diese sei „zweifelsohne in vielen Bereichen gegeben“, so Sven Müller, Vereinigung der Unternehmensverbände MV. „Doch die Schere schließt sich zusehends.“ Müller will lieber über Positives reden: Durch den Generationswechsel gebe es in MV „unendlich viele Chancen, auch für Karrieren“.

In der Politik werden die Umfragewerte sehr verschieden bewertet. Für CDU-Landeschef Vincent Kokert steht fest: „Wer aus Malchin kommt, hat genauso viele Chancen wie jemand, der in München geboren wurde.“ Ostdeutsche seien wohl aber bei Karriere-Fragen „sehr bescheiden“. Die Lohnlücke müsse geschlossen werden. Durch Ausbau von Infrastruktur, Breitband und Forschung. „Wer gute Arbeit leistet, soll auch gut verdienen“, erklärt Julian Barlen (SPD). Der Mindestlohn helfe, reiche aber nicht. Karrierechance in MV seien „deutlich besser geworden“.

Linke fordert Ostquote für Spitzenjobs

Die Opposition hält dagegen. Wenke Brüdgam (Linke) fordert mehr Tariflöhne, einen Mindestlohn von zwölf Euro und eine Ostquote für Spitzenjobs. „Wir brauchen mehr Professoren, Geschäftsführer und Richter mit ostdeutscher Biografie, denn diese wissen, wie die Menschen ticken.“ Der „Austausch der Eliten“ nach 1989 müsse korrigiert werden.

AfD-Landeschef Leif-Erik Holm macht eine „völlig verfehlte Wirtschaftspolitik der vergangenen 30 Jahre“ für die Lohnschere verantwortlich. Es hätte im Osten steuerliche Anreize für mehr Investitionen geben müssen. Dass sich zunehmend eine ostdeutsche Identität ausbildet, begründet Holm mit einer „regelrechten Hetzjagd“ nach AfD-Erfolgen im Osten.

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Von Frank Pubantz