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MV aktuell Tödlicher A 20-Unfall bei Tribsees: Fahrer hatte 300 Meter zum Bremsen
Nachrichten MV aktuell Tödlicher A 20-Unfall bei Tribsees: Fahrer hatte 300 Meter zum Bremsen
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17:00 17.09.2019
Der völlig zerstörte Kleinwagen, in dem am 5. August 2018 zwei Frauen starben. Jetzt wurde der Unfallverursacher angeklagt. Quelle: Polizei Stralsund
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Tribsees

Mehr als ein Jahr nach dem schrecklichen Unfall am Loch von Tribsees auf der A 20 kommt jetzt die juristische Aufarbeitung in Gang. Die Staatsanwaltschaft Stralsund erhob Anklage gegen den damals 37-jährigen Unfallverursacher.

Der Däne war am 5. August 2018, einem Sonntag, mit seinem zwei Tonnen schweren Toyota Hilux am Stauende in einen stehenden Kleinwagen VW up! gerast. Im VW saßen zwei Frauen aus Rostock, die 34 Jahre alte Fahrerin und die 31-jährige Beifahrerin, beide starben.

Durch die Wucht des Aufpralls wurde ihr Fahrzeug in die Luft geschleudert. Vier weitere Personen wurden schwer verletzt: ein 61 Jahre alter Motorradfahrer, eine 21-jährige Autofahrerin, ein Kind und der Unfallfahrer selbst.

Stauende war aus 300 Metern zu sehen

„Laut Gutachten war das Stauende aus 300 Meter Entfernung zu sehen“, sagt Martin Cloppenburg, Sprecher der Staatsanwaltschaft Stralsund. Der dänische Fahrer des Pickups hatte demnach genügend Zeit zu bremsen.

Was ihn so ablenkte, dass er das nicht tat, bleibt unklar. Laut den Ermittlern gebe es keinen Hinweise darauf, das der Mann mit einem Smartphone beschäftigt gewesen sein könnte. Bei der Vernehmung sagte der Mann bereitwillig aus und räumte seine Schuld sofort ein. „Das ist nicht oft der Fall“, sagt Cloppenburg.

Baustelle ist Unfallschwerpunkt

Die Baustelle rund um das ehemalige „Loch von Tribsees“ gilt noch immer als Unfallschwerpunkt. 2018 ereigneten sich hier sieben Unfälle mit 17 Verletzten und zwei Toten. Dieses Jahr gab es bereits 38 Unfälle mit 19 Verletzten.

Die Polizei reagiert mit Geschwindigkeitskontrollen, so Sprecherin Stefanie Peter von der Polizeiinspektion Stralsund. Weil der Stau so lang war, gab es am Ort des tödlichen Unfalls offenbar noch kein Tempolimit – weil die Baustelle noch relativ weit entfernt war.

Außerdem gab es zu wenige Stau-Warnungen. Darauf deutete jedenfalls die Situation an der Stelle am Tag nach dem fatalen Auffahrunfall hin, wie sie Reporter vorfanden. Inzwischen habe das Straßenbauamt weitere Schilder aufgestellt und den Bereich mit Geschwindigkeitsbegrenzungen vergrößert, so Polizeihauptkommissarin Peter.

60 Personen an Untersuchung beteiligt

„Wir bedauern diesen Unfall zutiefst und fühlen mit den Angehörigen der Opfer“, sagt Sprecherin Renate Gundlach vom Schweriner Verkehrsministerium. Aber auch jahrzehntelange Erfahrung mit Vorschriften, Schildern und Regeln im Straßenverkehr könnten leider nicht verhindern, dass es immer wieder zu Unfällen kommt.

Wie gefährlich sind Mecklenburg-Vorpommerns Straßen? Jeden Tag ereignen sich durchschnittlich 157 Unfälle in Mecklenburg-Vorpommern. Diese traurige Bilanz macht Hoffnungen zunichte, die durch deutlich rückläufige Unfallzahlen und weniger Verkehrstote zu Jahresbeginn entstanden waren. Wie das Innenministerium in Schwerin unter Bezugnahme auf die vorläufige Unfallstatistik bekanntgab, stieg die Zahl der Unfälle auf rund 28 600.

Der Prozess am Schöffengericht des Stralsunder Amtsgerichts findet voraussichtlich noch dieses Jahr statt. Die Dauer der Ermittlungen hängt mit den vielen Beteiligten zusammen. 60 Personen und Organisationen waren in die Untersuchung eingebunden, viele Zeugen, Opfer, Gutachter und auch mehrere Versicherungen. Ein Prozesstermin stehe noch nicht fest, so ein Gerichtssprecher.

Haftstrafe eher unwahrscheinlich

Bei einer Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung drohen dem Dänen theoretisch bis zu fünf Jahre Haft. Gefängnisstrafen werden nach tödlichen Unfällen aber meist nur dann verhängt, wenn weitere Faktoren dazu kommen, beispielsweise wenn der Verursacher betrunken oder im Drogenrausch unterwegs war. Das war hier nicht der Fall. Der heute 37-Jährige soll auch kein notorischer Raser sein.

Häufig kommt es zu Geld- und Bewährungsstrafen, was in der Öffentlichkeit nicht selten Kritik auslöst. Im Straßenverkehr sei es nun mal gefährlich, man könne jederzeit verletzt oder getötet werden, heißt es zur Begründung in Justizkreisen. Oft führten nur kleine Fehler, die in einem Sekundenbruchteil begangen werden, zur Katastrophe.

Debatte über SUVs

Sechs Tage nach dem Unfall von Tribseesstarben auf der A 20 bei Kröpelin zwei Menschen auf ähnliche Weise. Eine 63-Jährige und ihre 13-jährige Enkelin aus Ostholstein kamen in einem VW Golf ums Leben, als eine 46-Jährige aus Bad Segeberg mit einem US-Geländewagen Dodge Ram auf das am Stauende stehende Fahrzeug fuhr. Ein Alkoholtest bei der Unfallverursacherin ergab einen Wert von 1,5 Promille.

Die Landesverkehrswacht und die Grünen in MV forderten daraufhin, dass Bremsassistenten für schwere Autos, die neu zugelassen werden, zur Pflicht werden. Ein Unfall mit einen Pseudo-Geländewagen vor anderthalb Wochen in Berlin mit vier toten Fußgängern löste eine bundesweite Debatte über Einschränkungen und Innenstadt-Verbote für sogenannte Sport Utility Vehicles (SUV) aus.

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