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MV aktuell Ärger über Autobahn-Baustellen: „Warum arbeiten da nie mehr als drei Leute?“
Nachrichten MV aktuell Ärger über Autobahn-Baustellen: „Warum arbeiten da nie mehr als drei Leute?“
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07:30 20.06.2019
Parkplatzpause nach dem Baustellen-Marathon in Richtung Ostsee: Tuan Hoang Truong, Luca Bleicker, Eric Kreitlow aus Neuenhagen bei Berlin. Quelle: Dietmar Lilienthal
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Güstrow

Sieben Großbaustellen gibt es zurzeit auf der A 19 zwischen Berlin und Ostsee. Vom Kreuz Oranienburg bis zur Petersdorfer Brücke bremsen Warnbaken, Lichter und Tempo-60-Schilder die Urlauberwelle, insgesamt wird gerade zwischen Hauptstadt und Rostock an fast jedem vierten Autobahnkilometer gebuddelt. Und das auch in der Ferienzeit. Was sagen die Autofahrer dazu? Halb so wild, meint Janine Ayer (40). „Bei uns in der Schweiz ist das noch viel schlimmer, da gibt es viel mehr Baustellen“.

Die Ruhe vor dem Sturm

Sie und ihr Vater Heinz Ayer (67) sind am Vormittag in Berlin losgefahren. Nun sitzen sie bei knapp über 30 Grad an der Raststätte bei Güstrow im Schatten, essen Eis und freuen sich darüber, wie es ruhig es auf der Mecklenburger Autobahn zugeht. Fast alle Tische sind leer, kaum Autos auf dem Parkplatz, wenig Verkehr auf der A 19. Ziemlich entspannt hier, sagt Heinz Ayer, der in Rerik aufgewachsen ist, mit 14 Jahren in das Land seiner Eltern, die Schweiz, zog und jetzt seiner Tochter zu deren 40. Geburtstag seine alte Heimat zeigt.

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Es ist so etwas wie die Ruhe vor dem Sturm. Donnerstag starten die Ostseebäder mit Schulferienbeginn in Berlin und Brandenburg endgültig in die Hochsaison. Der ADAC rechnet mit zahlreichen Staus.

Mehr lesen: Volle Autobahnen und Staus in MV zum Ferienstart erwartet

„Nie mehr als drei Leute arbeiten“

„Es muss nur einen Unfall geben und schon geht nichts mehr“, sagt Tom Klein (58), Maurer aus Sachsen-Anhalt. 80 000 Kilometer im Jahr war Klein früher mit dem Auto unterwegs. Inzwischen fährt er weniger. Regelmäßige Besuche bei seiner Tochter, die in Binz auf Rügen lebt, gehören aber zum Pflichtprogramm. Am roten BMW-Cabrio hängt der alte Wohnwagen, schnell fahren geht nicht. Aber die vielen Baustellen nerven trotzdem. „Ich sehe da nie mehr als drei Leute arbeiten. Und ab Sonnabend passiert gar nichts mehr. Warum stellt man nicht 100 Leute ein? Dann würde es solche Baustellen wie an der Petersdorfer Brücke, die Jahre dauern, nicht geben“, sagt der 58-Jährige. Eine Teil der Antworten auf seine Fragen kennt er schon: zu wenig Geld in den öffentlichen Kassen, zu wenige Baufirmen, zu wenige Facharbeiter.

„Bis die A 14 fertig ist, bin ich Rentner“

Klein steht auf der anderen Seite der Raststätte Recknitz-Niederung, in Richtung Berlin. Eine schöne Woche hat er mit seiner zukünftigen Ehefrau Bärbel Kliegel (47) auf Rügen verbracht. Nun geht es wieder nach Hause, einmal durch den Baustellen-Marathon. Wenn weiter westlich die A 14 zu Ende gebaut wäre, würde Tom Klein viel Zeit und Nerven sparen. „Bis die fertig ist, bin ich längst Rentner“, sagt er.

Kommentar: Baustellen-Marathon auf dem Weg zur Ostsee

Bauen in den 1990ern ging schneller

Henry Kotzur, ebenfalls aus Sachsen-Anhalt, regt das alles nicht mehr auf. Seit mehr als drei Jahrzehnten ist der Kraftfahrer auf den Straßen unterwegs. Gerade hat er mit seinem Autotransporter eine Fuhre Gebrauchtwagen nach Waren an der Müritz gebracht, jetzt geht es nach Rostock, acht weitere Autos holen. Auftraggeber ist eine Internet-Ankauffirma. „Nach der Wende wurden im Osten die Autobahnen neu gebaut, das ging richtig schnell“, sagt der 55-Jährige. Heute dauert es manchmal ein Jahr oder länger, um eine fertige Autobahn zu sanieren. Diesen Unterschied findet Kotzur bemerkenswert, mehr aber auch nicht.

Liegestütze auf dem Asphalt

Eric, Tuan und Luca sehen das ähnlich locker. Die drei Schüler aus Neuenhagen bei Berlin und zwei weitere Freunde sind sozusagen die Vorhut der großen Urlauberwelle. Direkt nach der Zeugnisausgabe an ihrem Gymnasium hat sich die Clique in zwei Autos gesetzt und ist losgedüst in Richtung Ostsee. „Nicht so prickelnd“ waren die endlosen Baustellen, erzählt Eric Kreitlow an einem Parkplatz kurz hinter Linstow, also nach gut drei Viertel der Strecke. Aber was soll’s? Vor den fünf Jungs liegen zwei fröhliche Wochen auf dem Campingplatz in Graal-Müritz. Alle sind in Hochstimmung, Tuna Hoang Truong, der Kleinste der Gruppe, aber mit den breitesten Schultern, macht vor lauter Übermut Liegestütze auf dem kochend heißen Asphalt. Jetzt geht es um „viel feiern“, die Freundinnen sind zu Hause geblieben. Wen stören da ein paar Baustellen?

Gerald Kleine Wördemann

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