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MV aktuell Arbeiten im Astronauten-Look: Rostocker rücken illegalen Graffiti zu Leibe
Nachrichten MV aktuell Arbeiten im Astronauten-Look: Rostocker rücken illegalen Graffiti zu Leibe
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19:27 13.11.2019
Beeindruckendes Arbeits-Outfit: Richard Kraus (li.I) und sein Kollege Martin Tiede aus Bentwisch bei Rostock entfernen mit einer speziellen Sandstrahltechnik illegale Graffiti. Quelle: Frank Söllner
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Rostock

In seiner Arbeitskleidung sieht Richard Kraus (30) aus, als wäre er gerade aus seinem Ufo geklettert. Mit Helm, Sichtschutz, Handschuhen und orangen Schutzmantel entfernt Kraus unerwünschte Graffiti von Rostocker Hauswänden. Seine Auftraggeber sind Firmen und Privatleute. „Die Nachfrage ist gut“, sagt der gelernte Tischler. Vor zehn Jahren hat er mit einem Partner in Bentwisch (Landkreis Rostock) die Firma „Schlau gereinigt“ gegründet. Mittlerweile gehören sieben Angestellte zum Unternehmen.

Um die Bilder und Schriftzüge, die er mit einem mehlartigen Spezialmittel im Sandstrahlverfahren von den Fassaden beseitigt, tut es Kraus in der Regel nicht leid. Noch viel weniger, wenn es sich um rechtsradikale Parolen oder Symbole handelt. Vor echter Graffitikunst hat er allerdings jede Menge Respekt. Sie gehört schließlich auch zu seinem Berufsalltag. Der 30-Jährige und seine Kollegen beschichten hin und wieder Flächen, auf denen später große Wandbilder entstehen sollen.

Berufsausbildung noch

Hausbesitzer gehen mittlerweile dazu über, sich mit Auftrags-Fassadenmalerei und kunstvollen Graffiti vor den illegalen Schmierereien zu schützen – weil gute Bilder in der Regel respektiert und nicht übersprüht werden. Aber auch für die Branche der Graffiti-Wegmacher läuft es gut derzeit. Allein für Rostock zeigt eine Suche im Internet ein halbes Dutzend Firmen an, die diese Leistung anbieten. Viele, die hier arbeiten, sind wie Richard Kraus als Quereinsteiger unterwegs. „Es gibt dafür noch keine Berufsausbildung. Das ist schade“, sagt der Firmenchef.

Bildergalerie: Graffiti in Rostock

In Rostock sind viele Ecken mit illegalen Graffiti übersäht. Hausbesitzer gegen dagegen vor: Sie rufen eine Beseitigungsfirma oder einen Fassadenmaler.

Hausbesitzer rüsten auf

„Das Problem ist nicht kleiner geworden“, sagt Lutz Heinecke, Präsident von Haus und Grund MV, dem Landesverband der Hauseigentümer. In besonders betroffenen Gegenden haben viele Hausbesitzer aufgegeben und sparen sich die Entfernung der Schriftzüge und Bilder von ihren Immobilien. „In zwei Wochen wäre dann wieder etwas neues da“, erklärt Heinecke. Viele setzen daher lieber auf Vorbeugung: Muss die Fassade ohnehin neu gemacht werden, greifen Eigentümer immer öfter auf angeblich Graffiti-sicheren Spezialputz zurück. Ungewollte Farbe lässt sich davon ganz einfach mit Wasser abwaschen, werben die Hersteller.

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Zehn Anzeigen am Tag

Knapp zwei Strafanzeigen wegen Sachbeschädigung durch illegale Graffiti nimmt allein die Rostocker Polizei jeden Tag auf. MV-weit sind es im Schnitt zehn Anzeigen pro Tag. Während die Zahl im Land stagniert, ging sie laut Rostocker Polizeiinspektion in der größten Stadt des Landes zurück, von 860 (2016) auf 660 im vergangenen Jahr.

Einen drastischen Rückgang von Graffitidelikten verzeichnet die Bundespolizei an Bahnanlagen und Zügen in Mecklenburg. Von Rostock bis Hagenow sank die Zahl der Anzeigen von 480 im Jahr 2014 auf nur noch 180 (2018). In Vorpommern müssten demzufolge mehr Züge besprüht worden sein, denn im gesamten Bundesland blieb die Zahl der Anzeigen mit rund 700 jährlich etwa konstant.

Wandbilder auf Bestellung

Mit Wandbildern auf Bestellung verdient der Greifswalder Enrico Pense (34) seit zwölf Jahren seinen Lebensunterhalt, mittlerweile gehören zwei weitere Leute zu seinem Team. „Mit Graffiti hat das, was wir machen, eigentlich nichts zu tun“, sagt Pense. Fotorealistische Wandbilder sind seine Spezialität, die er mit Airbrush, Pinsel und Farbrolle anfertigt. Sein bisher größtes Werk misst 1000 Quadratmeter. Im Auftrag der Bahn AG schuf ein riesiges Bild auf einem ehemaligen Stellwerk in Neubrandenburg. Zurzeit gestaltet er Wände in Innenräume nach den Vorstellungen seiner Auftraggeber um, im Hospiz der Uniklinik Greifswald.

Legales Sprayen in Rostock

Rostock gab im Oktober die Einrichtung legaler Sprayerflächen bekannt. Niemand müsse sich strafbar machen, „wenn er seinem Graffiti-Hobby nachgehen möchte“, sagte Sozialsenator Steffen Bockhahn. Die „Legal Walls“ befinden sich meist an Turnhallen. Manche können dauerhaft besprüht werden, andere nur bis zu ihrer Sanierung. „Wir verstehen Graffiti als künstlerische Ausdrucksform“, erklärt Bockhahn.

Gleichzeitig sei klar, dass unerwünschte Graffiti verboten sind und als Straftaten von der Polizei verfolgt werden. Graffiti-Sprayer können sich außerdem in Rostock Vorschläge für Wandbilder an kommunalen Gebäuden einreichen.

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