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MV aktuell Auf der Flucht — Nordosten oft nur „Zwischenstation“
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00:00 21.09.2015
2015: Für die meisten Flüchtlinge ist MV nur eine Zwischenstation. Sie wollen weiter nach Skandinavien. Quelle: Jens Büttner/dpa
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Greifswald

Es gibt sie noch heute — die Spuren der Flucht nach Kriegsende vor 70 Jahren: Der im Museumshafen Greifswald vertäute Segler „Alfred“ war Rettungsboot für 55 Menschen, die am 5. März 1945 als letzte Einwohner des westpommerschen Bad Stepenitz (Stepnica) vor der Roten Armee flohen. Der Zweite Weltkrieg entwurzelte europaweit zwölf Millionen Menschen aus den östlichen Reichs- und Siedlungsgebieten. Als Flüchtlinge und Vertriebene zogen sie von Ostpreußen, Hinterpommern oder Schlesien in kraftraubenden Trecks nach Westen — Bilder, die an aktuelle Flüchtlingsströme aus Syrien oder Afrika erinnern.

Eine Million Menschen, so sagt der Geschichtsprofessor Thomas Stamm-Kuhlmann von der Uni Greifswald, blieb in Mecklenburg-Vorpommern. Die Bevölkerungszahl verdoppelte sich damit. Die landwirtschaftlich geprägten Gebiete im Norden und Bayern nahmen 1944/1945 — so der Historiker — die meisten Flüchtlinge auf. „Hier gab es Platz, wenige Zerstörungen durch Bombenangriffe und agrarische Überschüsse.“

Auch heute gibt es im Nordosten Platz: Nach der Wende sank die Bevölkerung um mehr als 300 000, die Jungen gingen für einen Job in den Westen. MV droht zu vergreisen. Baden-Württembergs Regierungschef Winfried Kretschmann (Grüne) und Hamburgs Sozialsenator Detlef Scheele (SPD) forderten deshalb, mehr Flüchtlinge im Osten unterzubringen. Dort gebe es ausreichend leerstehende Gebäude.

Doch ob MV Heimat von Flüchtlingen aus Syrien oder Eritrea wird, ist fraglich. Anders als nach 1945, als eine Industrialisierungswelle und Bodenreform-Parzellen Arbeit und Verwurzelung boten, fehlen heute Angebote, sagt Stamm-Kuhlmann. „Wenn das Land die Flüchtlingswelle als Chance sehen will, muss es Strukturen schaffen: Arbeitsplätze mit Perspektive und Qualifikationsmöglichkeiten.“  

Loitz ist eine Stadt, die seit der Wende fast die Hälfte ihrer Einwohner verloren hat. Vor 70 Jahren fanden hier mehrere tausend deutsche Flüchtlinge eine neue Heimat. Die Bevölkerung verdoppelte sich von 4000 auf rund 8000 Bewohner, berichtet Bürgermeister Michael Sack (CDU). Schulen entstanden, die Infrastruktur wuchs. Heute leben in Loitz 70 Flüchtlinge. Sie wohnen in einem Neubaublock zusammen mit deutschen Familien. „Die Hilfsbereitschaft ist groß“, sagt Sack. Loitzer spenden Kleidung und Spielzeug oder geben Deutschkurse.

Loitz ist für einen Teil der Flüchtlinge nur Zwischenstation — wie damals vor 70 Jahren. Denn MV war auch nach 1945 immer auch Durchreiseland, sagt Stamm-Kuhlmann. „Ostpreußen und Schlesier waren hier genauso fremd, wie sie in Niedersachsen oder Schleswig-Holstein fremd waren. Was sollte sie also hier halten?“ So etwas wie „Heimatgefühl“ gab es vor allem für Vertriebene aus Hinterpommern.

Regionale Bindungen zur Ostsee haben die Flüchtlinge, die jetzt aus Krisengebieten kommen, nicht. Anders als in westlichen Großstädten gibt es hier kaum Kulturgemeinschaften von Auswanderern, in denen sie aufgefangen und ein Stück Heimat erleben können.

Freuen würde sich Sack schon über Bevölkerungszuwachs: „Ich bin für alles offen“, sagt er. Wer sich im Ort niederlassen wolle, bekomme Unterstützung, egal ob Syrer oder Deutscher. „Ob die Flüchtlinge eine Chance sind, das wird man in fünf Jahren sehen.“

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Martina Rathke

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