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MV aktuell Angst vor Bedeutungsverlust? So quält sich die SPD in MV durch den Sommer
Nachrichten MV aktuell Angst vor Bedeutungsverlust? So quält sich die SPD in MV durch den Sommer
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08:40 12.08.2019
„Komm’, wir machen 30 Sekunden“, sagt Manuela Schwesig nach einem Termin mit vielen Gesprächen bei Grillwurst und Bier in Mönkebude zu Vorpommern-Staatssekretär Patrick Dahlemann. Beide versenden nach fast jedem gemeinsamen Auftritt launige Videobotschaften via Facebook. Quelle: Benjamin Fischer
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Mönkebude

Hinweise darauf, dass es sich an diesem sonnigen Spätnachmittag um eine politische Veranstaltung handelt, fallen beim flüchtigen Blick über die Festwiese zunächst gar keinem ins Auge. Irgendwann findet sich doch ein SPD-Wimpel. Gut zwei Meter hoch zwar, aber beinahe verschämt unauffällig platziert.

Vorpommern-Staatssekretär Patrick Dahlemann hat die Menschen in der Region zu Bratwurst, Bier und zum Reden eingeladen. „AbendbROT“ nennt er sein Programm, mit dem er von Zeit zu Zeit in verschiedenen Dörfern Vorpommerns die Zelte aufschlägt. Heute ist Mönkebude am Haff dran. Ministerpräsidentin Manuela Schwesig schaut dann stets vorbei.

Grünes Wasser, miese Umfragen

So schieben sich die Sozialdemokraten durch diesen auch parteipolitisch recht trockenen Sommer in MV – auf der Suche nach Menschen, die mit der SPD noch etwas anfangen können und nach allen anderen auch. Erstere will die Partei bestärken, der roten Linie treu zu bleiben, letztere wohl bekehren.

Die Genossen fahren dazu in diesem Jahr ein beachtliches Programm auf. Außer Dahlemann mit seiner „AbendbROT“-Reihe haben Schwesig und Verkehrsminister Christian Pegel Sommertouren hingelegt, die ihnen zugleich durchaus schöne Fotos in den Lokalausgaben der drei großen Zeitungen im Land bescheren. Die SPD-Bundestagsfraktion hat zusätzlich eine Dialog-Tour gestartet.

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Keine andere Partei ist in der Urlaubszeit auf der Straße derart verfügbar. Man hat den Eindruck, als wolle sie so ihre zuletzt schwindende Relevanz einem Selbsttest unterziehen. Im August liegt die SPD in den Umfragen bundesweit zwischen 12 und 13 Prozent, gleichauf mit der AfD.

„Ich will keine lange Rede halten, sondern direkt mit Ihnen am Tisch sprechen“, sagt Schwesig zur Begrüßung in Mönkebude. Sie bleibt mehr als zwei Stunden. Das Dorf hat sich in den vergangenen Jahren zu einer Perle am Stettiner Haff entwickelt. Urlauber, denen es auf den Inseln Usedom oder Rügen zu voll ist, kommen gern.

Es gibt seit Jahrzehnten eine weithin bekannte Eisdiele. Sie soll schon zu DDR-Zeiten das beste Softeis in der Region angeboten haben. Segelboote liegen im hübschen Hafen auf von blühenden Algen stark grün verfärbtem Wasser gleich neben der Wiese, wo die SPD zum Grillfest parat steht. Bei der Kommunalwahl im Mai dieses Jahres haben noch 7,7 Prozent der Menschen im Dorf für die Sozialdemokraten gestimmt. Die CDU kam auf 45,3 Prozent, gefolgt von der AfD (15,6 Prozent).

„Die Wurst schmeckt doch“

Insofern wirken die rund 150 Menschen, die Schwesig und Dahlemann an den Biertischen zusammengebracht haben, überraschend zahlreich. Eine Frau, ihren Namen will sie lieber nicht in der Zeitung lesen, merkt erst später, dass sie hier auf einer Parteiveranstaltung gelandet ist. Sie müsse zurzeit ihre 90-jährige Mutter rund um die Uhr betreuen, weil es sonst keine ausreichende Versorgung gebe. „Zweimal ist die Pflegestufe abgelehnt worden. Ich wollte heute einfach mal raus“, sagt sie. Nachfrage: „Und dann kommen Sie zur SPD?“ Antwort: „Warum nicht? Die Wurst schmeckt doch.“

An einem der Nachbartische gehen die Gäste mit der Partei härter ins Gericht. Adelheid und Wilfried Kaiser aus Berlin sind mit den Enkeln in Mönkebude gelandet. Beide finden, dass die SPD ihre Rolle als Kümmerpartei ernster nehmen und „das Führungsproblem in den Griff kriegen“ sollte.

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„Warum sollen wir eine Partei wählen, die ihr Spitzenpersonal so oft auswechselt. Stellen Sie sich das mal in einem Unternehmen vor“, poltert Frau Kaiser. Andrea Nahles sei mit ihrem Jargon als Parteichefin mehr als ungeeignet gewesen. „Wo gibt’s sowas, dass öffentlich Dinge gesagt werden wie: Ab morgen gibt’s in die Fresse.“ Nahles hatte das nach der verlorenen Bundestagswahl in Richtung CDU geraunt, als die SPD noch zurück in die Opposition wollte. „Dass sie den Gabriel gestürzt haben, war falsch“, murrt Adelheid Kaiser weiter.

Schwesig hat an diesem Tag einen Tross Hauptstadtjournalisten im Schlepptau. Sie interessieren sich mehr für die ungelöste Vorsitzendenfrage als für die Menschen in Mönkebude. Die Ministerpräsidentin strahlt indes aus, dass hier im Land andere Dinge ebenso von Bedeutung sind.

Auch Umfragen seien das eine, genauso entscheidend sei jedoch, ob die Stimmung der Menschen bei Veranstaltungen wie in Mönkebude kippt. Das habe sie nicht wahrgenommen. Ihr gegenüber lästern nur wenige über die SPD. „Gesprochen wurde über Themen des Alltags. Grundrente, Feuerwehr, Radwege“, erklärt Schwesig hinterher den aus Berlin mitgereisten Medienleuten.

„Ein Problem der SPD ist, dass wir für alles eine Lösung haben sollen“

Ellen und Heinz Müller, beide Mitte 60, fragen sich, was eines Tages aus ihrem Dorf wird, wenn’s so weitergeht. Sie sind aus Lübs herübergekommen. „Für uns hat es seit der Wende keine Verbesserung gegeben“, sagt Ellen Müller.

Lübs, anders als Mönkebude ein typisch unspektakuläres Dorf, sterbe doch aus. „Es gibt nicht mal einen kleinen Kaufmannsladen.“ Ihr Mann setzt hinzu: „Wenn keine Gemeinschaft mehr existiert, ist das Dorf tot.“

Die Angst der Älteren vor Vereinsamung auf dem Land, spätestens dann, wenn sie nicht mehr Auto fahren können – das sollte die Politik umtreiben. Ihre Haltung zur SPD geben die Müllers nicht preis, aber Dahlemann loben sie. „Der kümmert sich und ist sympathisch“, betont Ellen Müller.

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Hier in Mönkebude wird anschaulich, warum die Landes-SPD gern Dahlemanns Wahlkreis als Gegenbeweis hochhält, wenn in regelmäßigen Abständen öffentlich betont wird, dass die Sozialdemokraten im ländlichen Raum Vorpommerns so gut wie bedeutungslos seien. Trotzdem bleibt Dahlemanns Aufstieg ein Sonderfall, für den der Mann härter gearbeitet hat als andere in der Partei.

Schwenk nach Greifswald: Dort macht einige Tage später die sozialdemokratische Bundestagsfraktion Station, um ebenfalls mit den Leuten zu reden. Zum ersten Mal schickt die Fraktion in diesem Jahr einen mit SPD-Fanartikeln beladenen Mercedes Sprinter übers Land.

Greifswald ist in Mecklenburg-Vorpommern die letzte Station der Tour. Sonja Steffen, sie ist die zuständige Abgeordnete, lässt sich aber entschuldigen. Ihre Wahlkreismitarbeiter stehen etwas verlassen da, während die meisten Menschen vorbeiziehen.

„Viele Leute wundern sich, dass wir hier sind, obwohl keine Wahl vor der Tür steht“, sagt Beatrix Hegenkötter. Sie lebt in der Nähe von Stralsund und führt seit Kurzem den Kreisverband Vorpommern-Rügen an. „Ein Problem der SPD ist, dass wir für alles eine Lösung haben sollen, während die CDU vor allem in Wirtschaftsfragen glänzen muss.“ Damit sei ein Teil der CDU-Klientel schon zufrieden. „Die Ansprüche an die SPD sind andere.“

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