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MV aktuell Ausprobiert: So kann man Distelfalter selbst aufziehen
Nachrichten MV aktuell Ausprobiert: So kann man Distelfalter selbst aufziehen
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17:00 22.06.2019
Nicht nur die Vierjährige ist begeistert vom Erlebnis der Schmetterlingszucht. Am Ende steht aber natürlich das Freilassen der Tiere. Quelle: Claudia Labude-Gericke
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Rostock

Die Postfrau schaut ein bisschen komisch – und ich kann es ihr nicht verdenken. Schließlich steht auf dem Paket, das sie mir überreicht, in großen Buchstaben geschrieben: „Achtung, lebende Insekten. Bitte sofort nach Erhalt öffnen!“ Ein bisschen fühlt es sich an, wie die Vorbereitung aufs Dschungelcamp. Dabei hatte ich die Insekten nicht bestellt, um sie zu essen. Vielmehr wollte ich unserer Tochter zeigen, dass die Geschichte der Raupe Nimmersatt in der Natur tatsächlich passiert.

Diverse Online-Händler haben den Geschäftszweig erkannt und bieten für rund 20 Euro Sets mit fünf Raupen an. Die kommen in einer Art Joghurtbecher mit Luftlöchern und einer Futtermasse am Boden. Alles, was man tun kann, ist auf eine gute Temperatur von rund 24 Grad zu achten, direkte Sonneneinstrahlung auf den Becher zu vermeiden und dann zu warten.

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Die bekanntesten Schmetterlinge in MV und wo sie zu finden sind:

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Das Futter nimmt ab – die Raupen schnell zu

Rund eine Woche lang sind wir live dabei, wie die Futtermasse kleiner und die Raupen dafür schnell größer werden. Immer wieder spinnen sie kleine Netze im Becher. Vier stehen sichtbar gut im Futter – eine will offenbar ihre Sommerfigur erhalten. Sie wird es später – genau wie eine weitere Raupe – auch nicht schaffen, sich zu verwandeln.

Die Verpuppung läuft bei uns etwas anders als im beiliegenden Handbuch. Zwar hängen sich zwei Raupen an den Becherdeckel und sehen dabei aus, wie das vorgeschriebene „J“, doch schon nach einem Tag fallen sie ab und bleiben am Boden.

Erst, als die dritte Raupe etwas später ihre Verpuppung abgeschlossen hat, öffnen wir den Becher und legen die Puppen in eine Vorrichtung, die einem stehenden Wäschenetz ähnelt. Die eigentliche Geburt passiert dann ein paar Tage später über Nacht im Kinderzimmer. Als unsere Tochter morgens zum Netz stürmt, hängt an der Seite ein Distelfalter, der vorsichtig versucht, seine Flügel auszubreiten. Ein faszinierendes Schauspiel – findet übrigens auch unsere Katze.

Angemessener Abschied für die „Adoptiveltern“

Nummer zwei und drei folgen in den kommenden Nächten. Wir füttern mit Obst und Zuckerwasser und erfreuen uns an den munteren Faltern. Ein bisschen Sorge machen uns große rote Flecken am Boden des Netzes, die wir für Blut halten. Doch das Begleitheft sagt, dass es sich dabei tatsächlich um einen Rest Farbe handelt und dies ein Zeichen für gesunde Schmetterlinge wäre.

Da der Lebenszyklus der Falter nicht so lang ist, lassen wir sie nach ein paar Tagen frei. Kaum weht frische Luft um das Netz, nimmt das Trio sichtbar Flatter-Takt auf. Sie können es scheinbar kaum erwarten, loszuflattern. Nummer eins ist schneller weg, als wir schauen können. Wenigstens der zweite Distelfalter bleibt noch ein bisschen auf der Hand des Kindes und scheint sich angemessen bei uns als seinen Adoptiveltern zu verabschieden, bevor er davonflattert. Nummer drei legt dann wieder einen Raketenabflug hin.

An der Massenschwemme von Distelfaltern, die gerade das Land erobert, sind wir mit unserer Aufzucht sicher nicht schuld. Aber, wie formulierte es unsere Kleine so schön: „Jetzt hat die Natur drei Schmetterlinge mehr, ist das nicht schön?“ Ja, mein Kind, das ist wunderbar.

Claudia Labude-Gericke

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