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Autor Stanišić mit Usedomer Literaturpreis ausgezeichnet: „Literatur ist immer politisch“

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20:59 06.02.2020
Usedomer Literaturpreisträger 2020: Autor Saša Stanišić Quelle: Katja Sämann
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Ahlbeck

Der Schriftsteller Sasa Stanisic (41) erhält für seinen Roman „Herkunft“ am 4. April in Ahlbeck den mit 5000 Euro dotierten Usedomer Literaturpreis.

Für Ihren autobiografisch gefärbten Roman „Herkunft“ wurden Sie 2019 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Sie sind mit 14 während des Bosnienkrieges nach Heidelberg geflohen. Was bedeutet Herkunft für Sie?

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Einer aufgeklärten, toleranten Gesellschaft müsste nicht die Frage „Wo kommst du her?“ wichtig sein, sondern „Was bist du für ein Mensch?“ Für mich ist Herkunft die Antwort auf genau diese Frage: Was hat mich im Leben so beeinflusst, welche Menschen und Entscheidungen habe ich getroffen, welche Ideen und Moral verinnerlicht, um der Mann zu sein, der diese Frage beantwortet.

In Ihrer Dankesrede zum Deutschen Buchpreis haben Sie die Vergabe des Literaturnobelpreises an Peter Handke scharf kritisiert, der sich wiederholt auf die Seite Serbischer Nationalisten gestellt und Kriegsverbrechen geleugnet hat. Darf man als Schriftsteller politisch sein oder sollte man ethische und moralische Überlegungen von der „reinen Literatur“ trennen?

Literatur ist immer politisch. Arztromane sind politisch, darin, wie sie antiquierte Geschlechterrollen selbstverständlich darstellen, Fantasy ist politisch mit ihren zahlreichen Allegorien unserer Gesellschaft. Gerade in der heutigen Zeit, in denen an den Grundfesten der freiheitlichen Demokratie gegraben wird, Geschichte verharmlost und Geschichten instrumentalisiert werden – braucht es politische Literatur. Wenn ein Autor aber diese Freiheit, alles – auch das Politische – mitdenken und mitschreiben zu dürfen, nutzt, um am Anstand und an der Wahrheit vorbei sich die Welt so zurechtzulegen, dass sie in sein Weltbild passt, muss man auch das mit Vehemenz benennen und um ein aufgeklärtes Lesen solcher Texte bitten.

In ihrem Roman „Herkunft“ kann der Leser am Ende selbst entscheiden, wie das Buch ausgeht. Wie funktioniert das?

Es funktioniert wie im Leben auch sonst: Unsere Biografie wirkt, von außen betrachtet, linear. Entlang des Weges gibt es aber eine Menge Kreuzungen, an denen Entscheidungen getroffen werden, von uns, aber auch von anderen über uns. Wir lenken und werden gelenkt von Wichtigem und Unwichtigem, und wie oft im Leben hat man sich im Nachhinein die Frage gestellt: „Was wäre ich für ein Mensch geworden, wenn ich mich damals nicht dazu entschlossen hätte, nach Usedom zu ziehen?“ Mit diesen Varianten eines Weges spielt das interaktive Ende meines Buches, es soll die Abhängigkeit von Zufall und Fremdeinwirkung auf unser Leben simulieren.

Sie sind der diesjährige Usedomer Literaturpreisträger. Was bedeutet Ihnen die Auszeichnung und wann und wo können Literaturfans sie bei den Usedomer Literaturtagen erleben?

Gerade auf Usedom ausgezeichnet zu werden, einem gesellschaftlich und geografisch extrem interessanten, mannigfaltigen Ort, finde ich wirklich sehr schön im Zusammenhang mit meinem zerklüfteten, brüchigen Werdegang, in dem sich so viele Einflüsse – wie eben auf Usedom – niederschlagen. Ich werde am Tag der Preisverleihung vor Ort sein, und freue mich sehr darauf.

Stimmt es, dass das Schreiben ein Kindheitstraum von Ihnen war?

Meinen ersten Roman habe ich mit elf geschrieben. Eine Schulgeschichte und ein Fußballroman. Der Held heißt Aleksandar (alle nennen ihn Saša) und er schießt das entscheidende Tor bei der Schulmeisterschaft, worauf sich das klügste und schönste Mädchen der Schule in ihn verliebt. Seit ich also weiß, dass Literatur auch einen ungelenken, nicht gerade gut aussehenden Jungen zum Helden machen kann, will ich nichts anderes als das: Welten erschaffen, in denen alles gleichzeitig möglich und unmöglich scheint.

Von Stefanie Büssing