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MV aktuell Azubis klagen über Stundenausfall an Berufsschule
Nachrichten MV aktuell Azubis klagen über Stundenausfall an Berufsschule
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15:08 22.02.2019
Symbolbild: Azubis und IG Metall beklagen viele Ausfallstunden an Berufsschulen. Grund: Sind Lehrer erkrankt, mangelt es oft an einer Vertretung. Quelle: dpa
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Stralsund

Große Sorge haben Auszubildende aus Technikberufen, dass sie ihre Prüfungen nicht bestehen. Grund: Über Monate hätten an der Berufsschule in Stralsund Lehrer gefehlt, seien viele Unterrichtsstunden ausgefallen. Laut Gewerkschaften ein generelles Problem landesweit.

Eigentlich könnte er sich ja über Ausfall freuen, scherzt Julian Löber (21). „Dann hätte ich mehr Freizeit.“ Doch er freue sich nicht. Über Monate seien an der Berufsschule Stunden ausgefallen. Von vier Blöcken á 90 Minuten täglich mindestens eine, da Lehrer lange krank gewesen seien. Vertretung habe es teils gegeben, aber nicht adäquat.

Julian Löber (22), Azubi: „Uns fehlt viel Stoff für die Prüfungen.“ Quelle: privat

Englisch statt Technik – das sei zwar gut für seine Fremdsprachenkenntnisse, nicht aber für den Lehrabschluss, sagt Löber. Er lernt Fertigungsmechaniker im zweiten Lehrjahr bei den MV Werften. Das mache Spaß - der theoretische Teil an der staatlichen Berufsschule aber bereite ihm Kopfzerbrechen. Denn nach Monaten haben er und andere Azubis festgestellt: „Uns fehlt viel Stoff für die Prüfungen.“ Kaum jemand habe dies zu Hause aufgeholt.

Schüler: 90 Prozent der Stunden ausgefallen

Ähnliches schildert Nico Lenz (22) aus Ueckermünde, der in einer Gießerei eine Ausbildung zum Industriemechaniker macht. „Ungefähr ein halbes Jahr“ lang habe an der Berufsschule sein Klasse- und Fachkundelehrer wegen Krankheit gefehlt. Folge: Pro Woche seien 90 Prozent der zwölf Stunden, in denen es um Technik und Metall geht, ausgefallen.

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Ersatz durch Mathe- und Physiklehrer habe dies nicht ansatzweise kompensiert. Lenz fordert: „Wir brauchen Fachlehrer als Ersatz.“

Gewerkschaft schlägt Alarm

Die Gewerkschaft IG Metall schlägt jetzt Alarm: „Die Auszubildenden erreichen die Ausbildungsziele nicht und dürften eigentlich nicht zur Prüfung zugelassen werden“, erklärt Guido Fröschke. Dieser Zustand sei „nicht hinnehmbar“, schon gar nicht in Zeiten, da Fachkräfte händeringend gesucht werden. Die Landesregierung müsse handeln, mehr Lehrer einstellen, die Schule besser ausstatten.

Frösche hat sich mit anderen Gewerkschaftern an Bildungsministerin Birgit Hesse (SPD) gewandt, per Brief. Julian Löber und Nico Lenz sind Mitverfasser. Lehrer seien krank und überlastet, steht da. 30 bis 37 Schüler säßen in einer Klasse – untragbar. Betroffen von den schlechten Umständen seien unter anderem rund 70 Azubis der MV Werften. Fachlehrer fehlten in mehreren Berufsschulen: auch in Rostock, Sassnitz und Neubrandenburg. Ingo Schlüter, Vize-Chef des DGB Nord, fordert eine zügige Analyse der Situation. „Der Mangel an Berufsschullehrern wird zu einem ständigen Problem erster Ordnung.“

MV Schlusslicht bei Ausgaben für Berufsschulen

4000 Euro hat MV im Jahre 2016 je Schüler für Ausbildung in die Berufsschulen gesteckt und war laut Statistischem Bundesamt damit Schlusslicht im Ländervergleich. Der Durchschnitt aller Bundesländer lag bei 4900 Euro, Spitzenreiter Thüringen steckte je Schüler 6800 Euro in die Berufsschulen. Im Vergleich der Ausgaben für alle Schulformen rangiert MV mit 6900 Euro je Schüler unter dem Bundesschnitt von 7100 Euro.

1339 Lehrer gibt es laut Bildungsministerium an den Berufsschulen im Land, 20 Stellen seien derzeit unbesetzt (Stand Mitte Januar). Im Schuljahr 2017/18 habe der Stundenausaufall bei 6,4 Prozent gelegen. Häufigster Grund: Erkrankung von Lehrkräften.

177 Berufsschullehrersollen laut Ministerium bis zum Jahre 2023 ausscheiden. Eine eigene Prognose aus dem Jahre 2015 ging allerdings von einem Bedarf von 448 Lehrkräften bis 2023 aus, bis 2030 sogar von 1035.

Das bestätigt Simone Oldenburg, Fraktionschefin der Linken im Landtag: Bis 2030 schieden mehr als 1000 Berufsschullehrer aus. Die Ausbildung der Berufsschullehrer sei „eine Katastrophe“, so Oldenburg. Messbar an Zahlen bei Absolventen und Studienanfängern im Land. Logische Folge: Verbliebene Lehrkräfte müssten das Problem ausbügeln. Die Mehrarbeit hat sich nach Angaben des Ministeriums im vergangenen Jahr um zehn Prozent erhöht: auf landesweit 17500 Überstunden. Oldenburg: „Gleichzeitig sind aber zehn Prozent des Unterrichts an den Beruflichen Schulen ausgefallen oder mit Klassenzusammenlegungen und Stillarbeit kompensiert worden.“

Verbliebene Lehrkräfte müssten das Problem ausbügeln. Die Mehrarbeit hat sich nach Angaben des Ministeriums im letzten Jahr um zehn Prozent erhöht: auf landesweit 17500 Überstunden. Oldenburg: „Gleichzeitig sind aber zehn Prozent des Unterrichts an den Beruflichen Schulen ausgefallen oder mit Klassenzusammenlegungen und Stillarbeit kompensiert worden.“

Schüler wollen mit Bildungsministerin sprechen

Die beiden Azubis Julian Löber und Nico Lenz wünschen sich ein Gespräch mit der für Lehrer zuständigen Bildungsministerin Birgit Hesse (SPD). Diese geht auf OZ-Anfrage aber nicht direkt auf den Hilferuf ein. Sie verweist auf ein „Zukunftsbündnis“, über das ab März drängende Fragen in MV diskutiert werden sollen. Zudem verweist sie auf aktuelle Ergebnisse des DGB-Ausbildungsreports: „Laut der Studie ist die Zufriedenheit unter den Auszubildenden gestiegen.“ Allerdings steht darin auch: Nur 59 Prozent der Jugendlichen finden die Qualität der Ausbildung an Berufsschulen gut oder sehr gut, der Rest nicht. Der DGB fordert mehr Investitionen und Personal.

Die Personalsituation an den Berufsschulen des Landes verschärft sich auch laut Ministerium. In den kommenden fünf Jahren würden 177 der 1339 Lehrkräfte aus Altersgründen ausscheiden. Es sei schwer, geeignete Bewerber zu finden. Die Zahl zweifelt Oldenburg an: Laut Prognose des Ministeriums von 2015 seien es etwa doppelt so viele.

Bald keine Ausbildung von Berufsschullehrern in MV mehr?

DGB-Vize Schlüter fürchtet gar ein Ende der Ausbildung von Berufsschullehrern in MV, da der Hochschulpakt mit dem Bund 2020 ausläuft. „Um die Finanzierung der Ausbildung auch künftig abzusichern, sind wir aktuell im Gespräch mit dem Bildungsministerium“, sagt Prof. Wolfgang Schareck, Rektor der Uni Rostock.

Die MV Werften seien „generell zufrieden mit der Ausbildung unserer Azubis“, so Sprecher Stefan Sprunk. Man habe gute Kontakte zu den Berufsschulen. „Natürlich sind weniger Ausfallstunden und mehr Berufsschullehrer immer besser als das Gegenteil“, so Sprunk. Was die Werft angeht, hat Julian Löber, auch kein Problem. Im Gegenteil. Dort holten die Azubis mit ihrem Ausbilder manches Versäumte aus der Berufsschule nach.

Frank Pubantz