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MV aktuell Bis der Magen streikt: Die fünf besten Karussells auf der Hanse Sail im Selbsttest
Nachrichten MV aktuell Bis der Magen streikt: Die fünf besten Karussells auf der Hanse Sail im Selbsttest
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09:11 10.08.2019
Juliane und Jan Schultz im Selbstversuch bei den Schaustellern. Quelle: Dietmar Lilienthal
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Rostock

Selbst als größter Hanse-Sail-Verweigerer ist es kaum möglich, in Rostock zu wohnen und zu übersehen, dass das Volksfest stattfindet. Die riesigen Fahrgeschäfte erheben sich über der Stadt und erhellen den Abendhimmel. Jedes Jahr gibt es ein oder zwei Highlights auf der Flaniermeile am Stadthafen, die ganz besonders hoch sind und bedrohlich ihre Runden drehen.

Die OZ fand es eine Spitzenidee, zu testen, ob die Geräte ihr Geld wert sind oder ob sie sich als zahmes Schaf im Wolfspelz entpuppen. Mich qualifiziert rein gar nichts, dieses zweifelhafte Ehrenamt zu übernehmen. Meine letzte Karussell-Fahrt liegt zehn Jahre zurück. Seitdem vermeide ich Tätigkeiten, die mein Leben gefährden.

Habe ich das bereut? Absolut!

In diesem speziellen Fall galt es jedoch quasi eine Jungfrau zu retten, denn eigentlich fiel das Los auf Kollegin Lena. Sie war für den Test vorgesehen, doch sie protestierte zaghaft: „In einige dieser Geräte würde ich niemals freiwillig einsteigen.“ Schwuppdiwupp sagte ich also in einem Anfall von Ritterlichkeit: „Klar mache ich das für dich.“ Habe ich das bereut? Absolut! Zum Glück gibt es einen echten Jahrmarkts-Experten in meiner Familie und so kommt mein Neffe Jan mit zum Test – nur für den Fall von Kreislaufversagen, Höhenkoller oder kalten Füßen meinerseits.

1. Das Riesenrad – Erst mal einen Überblick verschaffen

Der Test bekommt schließlich noch eine sportliche Komponente: Wir haben zwei Stunden Zeit für fünf Fahrgeschäfte. Auf dem Weg zum Stadthafen diskutieren wir über die beste Strategie. Schnell ist klar: Wir wollen uns steigern. Das Riesenrad als Klassiker und fast schon Wahrzeichen der Sail muss mit dabei sein. Und da wir es für das harmloseste Fahrgeschäft halten, macht es den Anfang. 35 Meter ragt es in die Höhe. Der Fahrpreis beträgt 5 Euro.

Jan Schultz (28) im Riesenrad – ein harmloser Start der Testreihe. Die Übersicht ist prima, aber es geht noch viel besser. Quelle: Dietmar Lilienthal

Die Kabine ist kleiner als gedacht, das Tempo wiederum schneller. Eigentlich finde ich es nicht besonders aufregend, irgendwo hinaufzusteigen, nur um auf den Platz hinabzuschauen, auf dem ich gerade stand. Jan sieht es gelassen: „Zum Aufwärmen ist es doch ganz schön, man kann sich gut einen Überblick über das Fest-Gelände verschaffen.“ Ich frage, ob er noch einmal damit fahren oder das Riesenrad weiterempfehlen würde: „Ja“, sagt er, „aber nur zum Feuerwerk, um es von hier oben zu sehen.“

2. Flipper – Hoppla, das ist schnell

Wir gehen weiter und sind unschlüssig, was nun kommen sollte. Unser Blick fällt auf eine rotierende Scheibe: der Flipper. „Na, ich weiß nicht, sieht irgendwie nicht so doll aus“, mäkel ich ein bisschen rum. Doch Jan ist überzeugt, dass es ganz gut sein könnte. Dann mache ich einen folgenschweren Fehler: Nach dem Kartenkauf – 4 Euro pro Person – erwähne ich leichtsinnig, dass wir als Tester unterwegs sind. Der Ticketverkäufer ruft noch irgendwas mit „werden euch nicht enttäuschen“ hinterher.

Beim Einstieg in den Flipper noch Jan und Juliane Schultz noch bei bester Laune. Quelle: Dietmar Lilienthal

Wir sitzen eng aneinander und werden von Bügeln gehalten, die quer über den Bauch verlaufen. Die Kabinen sind auf einer Drehscheibe angebracht und drehen sich darauf ebenfalls. Nach zwei Runden Anlauf entfaltet der Flipper seine volle Wirkung. Die Fliehkraft presst unsere Körper mal in die eine, dann wieder in die andere Richtung. Es ist schnell und heftig und es macht durchaus Spaß – wenn es nur wieder aufhören würde.

Huuuuiiii, der Flipper war ein echtes Überraschungsei. Durchgerüttelt von den Fliehkräften hatten Juliane und Jan Schultz viel Spaß. Quelle: Dietmar Lilienthal

Runde um Runde dreht sich das Ding und will uns gar nicht wieder hergeben. Wir sind irritiert und dann sicher: Die Tester werden hier gerade selber getestet. Gerade noch rechtzeitig ist es dann doch vorbei und wir steigen lachend aus. „Das war überraschend“, sagt Jan. „Wir hätten uns das vorher mal ansehen sollen. Ich dachte, es dreht sich nur ein bisschen, aber das Gerät wirbelt einen echt stark durcheinander.“

3. Kettenkarussell – Plötzlich diese Übersicht

Die nächste Entscheidung ist einfach: Wir fahren mit dem Kettenkarussell. 80 Meter hoch soll es sein. Damit man es nicht vergisst, leuchtet die Zahl ganz oben an der Spitze. Für sechs Euro ist man dabei. Der Sitz ist ein Korb, aus dem die Beine baumeln. Sicherheit gibt ein Bügel in Bauchhöhe. „Willkommen im höchsten und schnellsten Kettenkarussell der Welt!“, ruft der Ansager durch das Mikro. Keine Ahnung, ob das stimmt. Doch so viel ist mal klar: Es ist das mit den dünnsten Ketten der Welt. Meine Güte, sind die dünn, dass das erlaubt ist – und nur vier davon an jedem Korb.

Die dünnsten Ketten der Welt? Kam Juliane und Jan Schultz jedenfalls so vor. Das Kettenkarussel dreht sich in 80 Meter Höhe. Ein wenig Nervenkitzen und der beste Ausblick der Sail. Quelle: Dietmar Lilienthal

Jan gesteht: „Ich habe ja eigentlich ein wenig Höhenangst. Mir ist nicht wohl, wenn meine Füße keinen festen Boden unter sich haben.“ Schnell geht es aufwärts. Der Blick ist traumhaft. Sogar ich finde das lohnenswert. Ganz oben ist die Drehgeschwindigkeit recht gemäßigt. Hier geht es mehr ums Schauen als um einen Nervenkitzel.

Nach einer gemütlichen Rundfahrt an der Spitze, drehte das Karussel in der Mitte noch einmal richtig auf. Quelle: Dietmar Lilienthal

Schließlich geht es wieder etwas tiefer und plötzlich fliegen wir doch an unseren Ketten durch die Gegend. Wenn mein Sitz jetzt abreißen würde, könnte ich völlig klimaneutral bis nach Dänemark fliegen. „Ich hätte es mir schlimmer vorgestellt“, sagt Jan am Ende. „Nur diese dünnen Ketten ... Aber für die empfundene Gefahr wird man mit dem Ausblick entschädigt.“

4. Soundmachine – Mitarbeit gefordert

Puuh, noch zwei Geräte. Mein leerer Magen meldet sich. Doch etwas Richtiges zu essen, traue ich mich nicht. Eine Handvoll gebrannter Mandeln müssen reichen und dann geht es zu einem sogenannten Breakdancer mit Überschlag. Bei diesem Anblick wird mir das erste Mal an diesem Tag wirklich mulmig. Wir bleiben bei der Strategie, uns die Fahrten vorab nicht anzusehen, sondern direkt einzusteigen. Pro Person zahlen wir 4 Euro und gehen zu unserem Waggon.

Die Bügel zeigen es: In der „Soundmachine“ wird es ernst. Quelle: Dietmar Lilienthal

Spätestens als der Körper mit dem Bügel über Schulter, Brust und Bauch in den Sitz gequetscht wird, ist klar: Es wird ernst. Und wie ernst! Ein Gerüttel und Geschüttel ist das. „Alles geht so ruckartig und nach jeder Bewegung eine neue Überraschung. Man weiß einfach nicht, was als Nächstes kommt“, beschreibt Jan es später.

Die „Soundmachine“ bietet vollkommen unvorhersehbare Bewegungen – sie rüttelt und schüttelt den Körper durch. Die Eitelkeit muss draußen bleiben. Quelle: Dietmar Lilienthal

Doch erst mal muss ich mitarbeiten: Der Überschlag wird hier nicht frei Haus geliefert. Nur durch engagiertes Schaukeln der Insassen gelingt er. Dazu muss man den gesamten Körper im richtigen Moment nach vorn und am Wendepunkt in die entgegengesetzte Richtung werfen, während sich die drehende Kabine auf einer Scheibe dreht, die auf einer Scheibe ... Ach, lassen wir das. Gerädert verlasse ich das Teil. Ich bin ziemlich erledigt und meine Hände zittern etwas. Jan sieht noch immer frisch aus und ist voller Tatendrang

Mit ein wenig Nachhilfe und Körpereinsatz, kann man sich in der „Soundmachine“ auch überschlagen. Quelle: Dietmar Lilienthal

5. V-Maxx – Um Himmels willen

Mein Körper will aufhören und allein der Ehrgeiz, es bis zum Ende durchzuziehen, treibt mich schließlich zur Höllenmaschine: Der V-Maxx sieht aus wie ein überdimensioniertes Testgerät aus der Raumfahrt. An den beiden Enden einer etwa 50 Meter langen Traverse sind jeweils acht Sitze angebracht. Jeweils vier Rücken an Rücken. Für sieben Euro pro Person dürfen wir einsteigen.

Das Finale: Der V-Maxx wird getestet. Ab hier ist es harte Arbeit, ein Lächeln gelingt nicht mehr. Quelle: Dietmar Lilienthal

Die engen Bügel sind im wahrsten Sinne atemberaubend. In den Sitz geschraubt werden wir senkrecht nach oben gehievt und hier wird es das erste Mal schlimm: Wir sitzen da, warten darauf, dass sich unten die Sitzplätze füllen, genießen kurz den Blick auf die Warnow und dann schießt es uns fast gleichzeitig durch den Kopf: Wie geht es eigentlich weiter?

Mann, Mann, Mann, hätten wir vorher mal drauf geachtet. „Werden wir jetzt fallen gelassen und sausen ohne Vorwarnung nach unten?“, frage ich Jan. Er erkennt meine Angst und beruhigt mich: „Glaub ich nicht, der wird erst mal Schwung holen.“ Nach quälenden Minuten geht es los, eine halbe Umdrehung fast harmlos und dann – rumms – kommt der freie Fall doch.

Zermürbendes Warten in 55 Meter Höhe: Was kommt jetzt? Der freie Fall? Quelle: Dietmar Lilienthal

Wir schreien – irgendwo muss man schließlich hin mit der Anspannung. Es ist schnell, viel, viel zu schnell. Kurze Momente des freien Fallens wechseln sich mit enormem Druck auf den Körper ab, wenn es wieder aufwärts geht. 120 Kilometer pro Stunde. Wohin soll man schauen? Alles fliegt vorbei, der Magen streikt. Und als es wirklich gar keinen Spaß mehr macht, wird es erst richtig schlimm: der Richtungswechsel. Oh Gott, wie konnten wir das nur vergessen. Eben ging es für uns vorwärts. Jetzt dasselbe rückwärts.

Hilfeeeeeeee! Es war schlimm, schlimm, schlimm. Quelle: Dietmar Lilienthal

Ich jammere, ich kreische, ich entschuldige mich bei Jan, ihn hier reingezogen zu haben und ich atme. Ich atme gegen die unerträglich werdende Übelkeit an. Das Atmen ist das Einzige, das ich noch kontrollieren kann. Und ganz, ganz kurz bevor ich nach Erlösung oder die Polizei gerufen hätte, hört es endlich auf.

Das Fazit – Unsere Empfehlungen

 Dreißig Minuten nach dem Test habe ich immer noch die Nase gehörig voll. Mir geht es nicht gut. Jan dagegen sucht etwas zu essen. Ich kann kaum den Bleistift halten, um zu notieren, wie es ihm gefallen hat. „Ich habe seit Wochen nicht mehr so viel gelacht“, stellt er fest und jetzt fällt es mir auch auf. Stimmt, es war insgesamt sehr lustig.

Jan ist bereit für ein Fazit: „Wenn ich jemandem nur zwei Karussells empfehlen müsste, wären es das Kettenkarussell – wegen der Aussicht – und der V-Maxx. Für mich war nur der Anfang zermürbend, weil ich nicht wusste, was passieren wird. Schlecht ist mir nicht geworden. Aber der Druck auf den Körper war heftig.“

Ich selber bin Stunden später immer noch zittrig. Für das typisch ausgelassene Rummelgefühl würde ich den Flipper empfehlen. Auch das Kettenkarussell wäre mein Tipp, insbesondere für Gäste, die nicht aus Rostock kommen, damit sie sehen, wie malerisch die Stadt liegt. Und vielleicht besteht eine minimale Chance, dass ich tatsächlich noch einmal in den V-Maxx einsteigen würde. Aber nur wenn ich sehr ausgeruht und unternehmungslustig bin.

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Von Juliane Schultz

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