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MV aktuell Explosive Altlasten: Tausende Hektar in MV belastet
Nachrichten MV aktuell Explosive Altlasten: Tausende Hektar in MV belastet
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21:20 27.03.2019
Eine 500 Pfund schwere amerikanische Sprengbombe aus dem Zweiten Weltkrieg wird am Mittwochvormittag in der Rostocker August-Bebel-Straße entschärft. Quelle: Ove Arscholl
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Rostock

Brennende Häuser, die niemand löscht. Auf dem Bürgersteig liegen Leichen. Fast die gesamte Altstadt ist zerstört. Kurz gesagt: „Ein Tohuwabohu“. So erinnerte sich der Schriftsteller Walter Kempowski 2003 in einem Interview an die Bombardierung seiner Geburtsstadt Rostock im Zweiten Weltkrieg. 8600 Sprengbomben und 960 Tonnen Brandbomben warfen britische und amerikanische Bomber zwischen 1940 und 1944 über der Hansestadt ab. Und einige liegen da noch immer, verborgen im Boden. „Man kann von einem Blindgänger-Anteil von zehn bis zwanzig Prozent ausgehen“, sagt Robert Mollitor, Leiter des Munitionsbergungsdienstes in MV.

Die Bombe in der Baustelle im Rostocker Rosengarten wurde erfolgreich entschärft. Hier sind die Bilder von einer Stadt im Ausnahmezustand.

Liveticker: Alles zur Entschärfung der Bombe in Rostock

Bombenfunde nehmen landesweit zu

Auch 74 Jahre nach Kriegsende werden diese Altlasten noch immer regelmäßig ans Licht geholt. Tendenz steigend: 2009 mussten Mollitor und seine Kampfmittel-Experten noch 80-Mal zu planmäßigen Einsätzen ausrücken, um meist auf Baustellen Bomben und Granaten zu entschärfen. 2017 waren es bereits mehr als dreimal so viele Einsätze, insgesamt 250. Die Zahlen für 2018 liegen noch nicht vor. Auch die Soforteinsätze, nachdem Bauern etwa beim Pflügen alte Explosivgeschosse aus der Erde geholt haben oder Spaziergänger beim Waldspaziergang Verdächtiges fanden, nehmen zu. Rund 40 Tonnen Bomben und Munition kommen so jedes Jahr zusammen, die in den Zerlegebetrieben in Mellenthin auf Usedom und in Jessenitz bei Hagenow landen. Der Immobilienboom der vergangenen Jahre ist für diesen Anstieg verantwortlich. Die vielen Baugruben allerorts bedeuten auch für Kampfmittelbeseitiger eine Art Konjunkturprogramm.

Auf einer Baustelle am Rosengarten in Rostock ist eine Fliegerbombe gefunden worden.

Das Kampfmittelkataster für MV weist die höchste Belastung in Rostock aus. Betroffen sind noch Dutzende weitere Städte und Gemeinden, unter anderem Schwerin, Wismar, Neubrandenburg, Stralsund. Im südwestlichen Mecklenburg kommt es regelmäßig zu Waldbränden, bei denen alte Weltkriegs- und neuere Übungsmunition löschende Feuerwehrleute in Lebensgefahr bringt. Die größten Risikogebiete befinden sich allerdings auf See: etwa zwischen Poel und Kühlungsborn sowie nördlich von Zingst. Auf riesigen Flächen wurden nach 1945 große Mengen Waffen und Munition in die Ostsee gekippt. Insgesamt ist laut Innenministerium an Land und auf See bei 38 000 Hektar Fläche die Beseitigung erforderlich, bei 108 000 Hektor besteht „gegebenenfalls Handlungsbedarf“.

Manche Bomben sind noch bemalt

Mollitor wird öfter gefragt, wann Schluss ist und alle Blindgänger endlich ausgebuddelt sind. Das weiß niemand, lautet seine Antwort. Hinzu kommt, dass Bomben, die unter Luftabschluss metertief unter der Erde liegen, nicht selten sehr gut erhalten sind. „Manchmal ist sogar noch die originale Bemalung dran“, sagt Mollitor. Von selbst werde sich das Problem jedenfalls nicht lösen. Man dürfe nicht darauf vertrauen, dass sich die Sprengkörper durch Verfall sozusagen selbst entschärfen, warnt der Fachmann. „Wir haben keine andere Chance, als alles rauszuholen.“

Wie viele unentdeckte Bomben in der Erde stecken, bleibt ein großes Rätsel. Die bekannten Zahlen für Rostock – allein 8600 Sprengbomben – bezieht sich auf die Menge, die in die Flugzeuge geladen wurde. Aber nicht alle Maschinen erreichten ihr Ziel. Es kam auch vor, dass sie ihre todbringende Fracht irrtümlich woanders abwarfen als geplant. Ab 1950 führten die Behörden Buch über die Bergung und Entschärfung von Bomben. Mollitor hat allerdings keinen Zugriff auf diese frühen DDR-Statistiken. Und was zwischen 1945 und 1950 beseitigt wurden, sei nirgendwo erfasst wurden.

Rostocker Bombe: Standardmodell mit zwei Zündern

„AN-M64“ lautet die Typenbezeichnung der amerikanischen Sprengbombe, die am Mittwoch in Rostock entschärft werden soll. Die Mehrzweckbombe mit zwei Aufschlagzündern sei ein weit verbreitetes Standardmodell, die Entschärfung fast schon Routine, meint Mollitor. Vergangenen Sommer musste sein Team in Schwerin fünf Bomben dieser Größe auf einmal unschädlich machen. Der Fundort lag abgelegen am Stadtrand der Landeshauptstadt. Statt 10 000 Menschen wie in Rostock mussten damals lediglich 14 Bewohner evakuiert werden.

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