Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
MV aktuell Steinmeier in Vorzeigedorf und auf den Spuren des Rechtsextremismus
Nachrichten MV aktuell Steinmeier in Vorzeigedorf und auf den Spuren des Rechtsextremismus
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:45 06.06.2019
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier geht mit Patrick Dahlemann (SPD), Parlamentarischer Staatssekretär für Vorpommern, an leeren Wohnblocks in der Innenstadt von Anklam vorbei. Quelle: Jens Büttner/dpa
Ducherow/Anklam

Pralles Dorf- und Vereinsleben mit engagierten Menschen einerseits und einer dauerhaft rechtsextremen Szene andererseits – so hat sich Vorpommern am Donnerstag dem Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier gezeigt. Das Staatsoberhaupt war auf seiner siebenten Tour „Land in Sicht“ seit 2018 diesmal im Landkreis Vorpommern-Greifswald unterwegs. „Mehr als 50 Prozent der Menschen in Deutschland leben auf dem Lande“, sagte er. Und diese hätten andere Erwartungen an die Politik als die Einwohner in Städten und Ballungszentren.

Mit der ersten Station Ducherow besuchte er kein typisches Dorf: Die Gemeinde ist mit 2500 Einwohnern vergleichsweise groß und hat eine gute Infrastruktur. Bürgermeister Bernd Schubert (CDU) zählte auf: Kita, Schule, Einkaufsmöglichkeiten, zwei Allgemeinmediziner und zwei Zahnärzte, Alten- und Pflegeheim, Bahnstation, Handwerksbetriebe, die Diakonie mit einer Behindertenwerkstatt, die Agrargesellschaft.

Der Bundespräsident in Vorpommern – die Bilder

Bildergalerie: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zu Besuch in Vorpommern

Gespräch im Haus der Vereine

„Die Jugend aus dem ländlichen Raum begrüßt Sie“, sagte Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) und wies auf einen kleinen Jungen im Kinderwagen. Maltes Mutter Katrin Ulrich, noch in Elternzeit, trainiert im Karnevalsclub die Funkengarde, die für den Staatsbesuch im Sonnenschein vor dem Sportzentrum tanzte. Auch der Fußballklub, die Jugendfeuerwehr und junge Imker stellten sich vor. Eine Frau führte zwei Alpakas an der Leine, deren Wolle sie zum Weben und Stricken verarbeitet. Im Haus der Vereine, dem Domizil für Jugendclub und Landfrauen, trafen sich Steinmeier und Schwesig zum Gespräch mit Einheimischen. 

Das für 650 000 Euro hergerichtete Haus ist ein Ergebnis des Projektes „UniDorf“ der vorpommerschen Region, der Hochschule Neubrandenburg und der Universität Greifswald. Ziel war es, Akteure in den Kommunen mit Wissenschaftlern und Studenten zusammenzubringen und den Wandel in ländlichen Regionen zu gestalten. Ein Jugendbeirat sei gegründet worden, der drei Jahre Bestand hatte, wie das einstige Mitglied Laura Hollunder berichtet.

Projekte für Jugendliche schwer zu erreichen

Als die erste Generation aus der Schule war und das Dorf verließ, fanden sich keine Nachfolger. Der Jugendclub ist aktiv, aber Jugendliche aus der Umgebung ohne Fahrzeug haben es schwer, ihn zu erreichen, sagte ein Mädchen. Pastorin Mona Rieg berichtete, dass sie 19 Dörfer mit zwölf Kirchen betreue, in sieben predige sie.

Ansonsten werden dem Staatsoberhaupt keine Probleme präsentiert. Dabei will er sich über das dörfliche Leben informieren, in einer Region, die sich oft „abgehängt“ fühlt von der Landespolitik in Schwerin und die als rechte Ecke gilt. Auf der Fahrt hat er die Augen offengehalten. Es seien viele leere Häuser zu sehen, sagte er, eine Folge des Bevölkerungsschwundes.

Dahlemann: Mehr Zu- als Wegzüge

Dieser sei zumindest in Anklam gestoppt, sagte Staatssekretär Patrick Dahlemann (SPD) beim gemeinsamen Besuch des Regionalzentrums für Demokratie in Anklam. Es gebe mehr Zuzüge als Wegzüge. Das Zentrum berät insbesondere Multiplikatoren wie Lehrer und Erzieher, wie sie den Alltag demokratischer gestalten können und mit extrem rechten Strukturen umgehen können. Die rechtsextremistische Szene in Vorpommern sei demnach im Wandel.

„Sie agiert nicht mehr so martialisch wie in den 1990er Jahren. Aber die Menschen sind da“, sagte Leiterin Delphine Wollenberg im Gespräch mit Steinmeier. Eine Strategie der extrem Rechten sei die Bildung wirtschaftlicher Netzwerke. Immer mehr würden sie in Elternvertretungen sitzen und soziale Berufe ergreifen. Dahlemann warnte davor, die NPD und die AfD zu unterschätzen. Nur weil die NPD in Parlamenten keine Sitze mehr habe, sei sie nicht verschwunden.

Birgit Sander