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MV aktuell Cannabis als Medizin: Warnemünder Firma versorgt ganz MV
Nachrichten MV aktuell Cannabis als Medizin: Warnemünder Firma versorgt ganz MV
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18:30 21.08.2019
Aus den Blüten der Hanfpflanze wird ein Extrakt zu medizinischen Zwecken gewonnen. In MV vertreibt die Firma Pharmadrug Production Medizinal-Cannabis unter strengen Auflagen. Quelle: stutterstock
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Warnemünde/Groß Lüsewitz

Wer in Mecklenburg-Vorpommern medizinisches Cannabis zu sich nimmt, bekommt dieses unter anderem von einer kleinen Firma aus Warnemünde. Die Pharmadrug Productien versorgt Patienen in MV seit vergangenem Sommer mit den medizinischen Extrakten. „Unser Gebiet sind Cannabis-Blüten, die in Dosen à fünf Gramm als Rezepturarzneimittel – die keiner Zulassung bedürfen – von Apotheken aufbereitet und an den Kunden nach Rezeptvorlage ausgegeben werden“, erklärt Geschäftsführer Ronny Raasch. Eine Dose koste in der Apotheke zwischen 90 und 100 Euro.

Aktuell bezieht Pharmadrug Production die Ware aus den Niederlanden. „Nur aus kontrolliertem Anbau, wo die Blüten mit einem spezifischen THC-Gehalt angebaut und geerntet werden“, betont Raasch. In Zukunft wolle die Firma aber auch kanadischen Cannabis importieren. „Damit könnten wir verschiedene Sorten mit anderen Wirkungen auf den Markt bringen“, so der Chef. Auch Cannabis-Öl anzubieten, das präziser zu dosieren ist, werde angestrebt.

Medikament wird inhaliert

Die Warnemünder haben sich stattdessen auf die ganzen Blüten der Hanfpflanze spezialisiert. Diese werden erst zerkleinert und kommen anschließend in Vaporisatoren, also Verdampferkapseln. Darin werden sie auf 200 Grad erhitzt, so dass sich der Wirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC) herauslöst und sie inhaliert werden können. „Man kann es sich wie eine E-Zigarette vorstellen“, veranschaulicht Raasch. Natürlich gebe es beispielsweise auch medizinisches Cannabis als Tropfen und Tabletten, noch sei der Markt aber von Cannabis-Blüten dominiert.

Multi-Media-Reportage: Wird MV zur Cannabis-Modellregion?

Eigenen Anbau gibt es derzeit in MV noch nicht, auch wenn die Firma Pharmadrug Production das kürzlich mit Hinweis auf ihren Geschäftspartner Cannaphytica andeutete. Das Start-Up-Unternehmen züchtet und erforscht seit zwei Jahren die Verwendung von Hanfpflanzen für medizinische Zwecke in Groß Lüsewitz bei Rostock. Nun lässt dessen Geschäftsführer Ranjit Bhardwaj jedoch verlauten, dass es vorerst nicht so weit kommen werde – zumindest nicht in Deutschland.

Das muss beim Anbau beachtet werden

„Für den Anbau von Cannabis-Pflanzen müssen optimale Feuchtigkeits- und Lichtverhältnisse herrschen. Zudem – und das ist besonders wichtig – sind Verunreinigungen jeglicher Art unbedingt zu vermeiden. Immerhin geht das Endprodukt an schwer kranke Menschen“, erklärt Raasch, Geschäftsführer von Pharmadrug Production in Warnemünde. Er spreche hierbei vor allem von Schimmelsporen, die sich schnell ausbreiten können. Daher sei ebenso eine gute Belüftungsanlage notwendig.

Die Cannabis-Pflanze mit ihren markanten Blättern ist weltweit bekannt. Die Wirkstoffe stecken jedoch in ihren Blüten. Quelle: Abir Sultan/apa

Insbesondere der Trocknungsprozess sei eine kritische Phase und müsse streng kontrolliert werden. Es gebe unzählige Verordnungen seitens der Bundesopiumstelle des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). „Um für den Anbau zugelassen zu werden, braucht man etliche Zertifikate“, berichtet Raasch.

Millionen-Investitionen nötig

Eine weitere Schwierigkeit stellen die Sicherheitsvorkehrungen dar: Da die Pflanzen lediglich für den medizinischen Gebrauch angepflanzt werden dürften, müsste ein regelrechter Hochsicherheitstrakt konzipiert werden, der von außen nicht einsehbar ist. Für alle Maßnahmen wäre demzufolge eine Investition in Millionenhöhe notwendig.

Gelockerte Gesetzeslage seit 2017

Im Januar 2017 beschloss der Bundestag das Gesetz zur „Änderung betäubungsmittelrechtlicher und anderer Vorschriften“. Am 10. März desselben Jahres trat es in Kraft. Seitdem können Cannabisblüten, Extrakte aus Cannabis sowie Arzneimittel mit den Wirkstoffen Tetrahydrocannabinol (THC) und Nabinol von Ärzten zulasten der Gesetzlichen Krankenversicherung verschrieben werden.

Vor der neuen Gesetzeslage erhielten schwerkranke Patienten Medizinal-Cannabis nur mit einer Ausnahmeerlaubnis der Bundesopiumstelle im Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Die Kosten mussten die Patienten selbst tragen.

Zurzeit können Ärzte13 unterschiedliche Sorten Cannabis verordnen, die jedoch aktuell noch aus dem Ausland importiert werden müssen.

Verordnet werden darf medizinisches Cannabis laut dem Gesetzgeber Patienten mit „schwerwiegenden Erkrankungen“. Konkretisiert wird dieser Begriff allerdings nicht. Als Therapie findet es bisher vor allem bei chronischen Schmerzen, Multipler Sklerose, Epilepsie, Übelkeit sowie Appetitlosigkeit infolge von Chemotherapien oder HIV/Aids Anwendung.

Viele Ärzte sehen Cannabis-Arzneien kritisch, da es bisher keine klinischen Studien zu den in Hanfpflanzen enthaltenen Cannabinoiden in Bezug auf Wirkungen und Nebenwirkungen gibt.

In Deutschland fiel erst in diesem Jahr der Startschuss für den Anbau von Cannabis zu medizinischen Zwecken: Im April erteilte das BfArM erstmals Zuschläge in einem Vergabeverfahren. Drei Unternehmen dürfen nun im Zeitraum von vier Jahren insgesamt 10,4 Tonnen Cannabis ernten. Die erste Ernte wird es voraussichtlich Ende 2020 geben. Aus dem Norden ist die Firma Aphria Deutschland mit Sitz in Schleswig-Holstein vertreten.

Auch die Groß Lüsewitzer Firma Cannaphytica war unter den Bewerbern. „Es scheiterte daran, dass unsere Kostenrechnung, die wir vorgelegt haben, für die Cannabis-Agentur des BfArM zu hoch war“, meint Chef Bhardwaj. Doch es gebe bereits neue Pläne: „Wir haben mehrere Möglichkeiten im Ausland anzubauen – natürlich mit deutschem Standard“, gibt Bhardwaj bekannt. Welche Länder das betrifft, möchte er vorerst nicht verraten, es werde jedoch noch dieses Jahr losgehen. Die eigenen Pflanzen werden dann zur Extraktion der Substanzen und der Herstellung der Medikamente nach Groß Lüsewitz gebracht und unter anderem von der Pharmadrug Production vertrieben.

Strenge Kontrollen auch in Warnemünde

Die Warnemünder Firma unterliegt strengen Kontrollen, wie Raasch berichtet: „Wöchentlich müssen wir Meldungen an die Opiumstelle des BfArM übermitteln.“ Die engmaschige Überwachung ist richtig, meint der Geschäftsführer.

Nicht hundertprozentig nachvollziehen kann er aber die Bedenken gegenüber medizinischem Cannabis: „Die Pflanze ist in manchen Ländern bereits seit Jahrhunderten als Arznei- und besonders als Schmerzmittel erprobt. In Indien wächst Hanf an den Feldrändern wie bei uns Mohn.“ Zudem seien die Verschreibungen von medizinischem Cannabis laut der Gesetzlichen Krankenversicherung (GVK) in Vergleich zum Vorjahr um 66 Prozent gestiegen.

Ronny Raasch (41) ist Geschäftsführer von Pharmadrug Production in Warnemünde. Quelle: privat

Ein Problem sehe er darin, dass Cannabis von der Weltgesundheitsorganisation als gefährliche Droge eingestuft wird. „Dabei wird lediglich THC unterstellt, es mache süchtig. Der schmerzlindernde Inhaltsstoff Cannabidiol (CBD) hat keine bekannten Nebenwirkungen. Und die Pflanze enthält über 100 weitere sogenannte Cannabinoide, die man zu medizinischen Zwecken extrahieren kann. Sie alle machen nicht süchtig.“

Nach Raaschs Meinung erfolge allerdings ein Umdenken – auch in der Politik: „Es muss noch viel erforscht werden, aber wir sind auf einem guten Weg. Medizinisches Cannabis wird in den kommenden Jahren hoffentlich vollständig als Arzneimittel anerkannt werden.“

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