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MV aktuell Centogene-Chef: Wie das Rostocker Unternehmen weltweit Krankheiten heilen will
Nachrichten MV aktuell Centogene-Chef: Wie das Rostocker Unternehmen weltweit Krankheiten heilen will
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18:10 13.11.2019
Arndt Rolf ist Vorstandschef von Centogene und will mit dem Rostocker BioTech-Unternehmen stark wachsen. Quelle: OVE ARSCHOLL
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Rostock

Eine Sitzecke, ein Schreibtisch mit Telefon und Notebook und jede Menge Quietsche-Enten: Mehr braucht Prof. Arndt Rolfs nicht in seinem Büro in Rostock. Von dort aus – mit Blick auf den Stadthafen – lenkt der 60-Jährige die Centogene AG, eines der wertvollsten Unternehmen des Landes. Im OZ-Interview spricht er über den jüngsten Börsengang in New York und seine Ziele für das Unternehmen.

Im Großformat vor der Firmenzentrale, im Kleinformat in Ihrem Büro: Herr Rolfs, was hat es mit all den Quietsche-Enten auf sich?

Enten können nicht rückwärts laufen. Sie gehen immer vorwärts. Und das ist ein wenig auch mein Leitspruch für das Leben und die Firma: Es geht immer voran, immer vorwärts.

Centogene hat vergangene Woche ein neues Kapitel in der Firmengeschichte aufgeschlagen: Sie sind an die Börse gegangen – an die größte Börse der Welt, die Nasdaq in New York. Nun sind Sie nicht nur Mediziner, sondern auch Unternehmer: Wie haben Sie die Tage in den USA erlebt?

Das war ein herausragendes Ereignis. Aber am Ende war der Börsengang nur das Symbol für ein Jahr harter Arbeit. Wir haben das Unternehmen mehr als zwölf Monate auf diesen Tag vorbereitet, haben uns auf dem US-Markt positioniert, Investoren angesprochen und kennengelernt. Zum Börsengang hatten wir nun einige Mitarbeiter nach New York eingeladen – als Zeichen der Wertschätzung. Denn in einem Unternehmen, das sehr interdisziplinär aufgestellt ist, hängt alles vom Teamwork ab.

Warum sind Sie in den USA an die Börse gegangen? Warum nicht in Frankfurt?

Dafür gibt es zwei einfache Erklärungen: Das Verständnis für biotechnologische Unternehmen wie Centogene ist in den USA deutlich gereifter als in Europa und auch in Deutschland. Wir arbeiten schließlich an einer Vision – an der Vision, seltene Erbkrankheiten entschlüsseln und schnell diagnostizieren zu können. Die US-Amerikaner sind einfach deutlich professioneller darin, solche Visionen einzuschätzen – auch in wirtschaftlichen Zahlen.

Und der zweite Grund?

Am Ende ist es auch unser Ziel, Erbkrankheiten nicht nur diagnostizieren, sondern den Patienten auch eine Therapie anbieten zu können. Und 70 bis 80 Prozent der Therapeutika auf diesem Gebiet werden in den USA entwickelt. Deshalb wollen wir auf dem US-Markt sichtbarer werden, haben bereits 2018 eine Niederlassung in Cambridge eröffnet.

Die Pharma- und Chemie-Branche galten jahrzehntelang als deutsche Domänen. Nun sagen Sie, der überwiegende Teil der Therapeutika für seltene Krankheiten kommt aus den USA. Schwächeln wir im Moment auf diesem Gebiet?

Nicht nur im Moment. In der Biotechnologie spielt Deutschland keine besondere Rolle. Da sind weitestgehend der USA, Großbritannien, Israel und Japan führend. Deutschland kommt da im weltweiten Vergleich bestenfalls auf Platz sieben, acht oder neun.

Centogenes Aktien werden unter einem niederländischen Kürzel gehandelt. Wieso?

Das hat aktienrechtliche Gründe. Wir waren von Anfang an eine AG nach deutschem Recht. Aber das deutsche Aktienrecht ist komplett anders als das amerikanische, deutlich komplizierter. Der übliche Weg – um amerikanische Investoren nicht zu verschrecken – ist es, der deutschen AG eine niederländische Holding „überzustülpen“. Denn das niederländische Recht ist dem amerikanischen sehr ähnlich. Das macht es für Investoren leichter, die Regeln zu kennen.

Hauptsitz ist und bleibt aber Rostock?

Ja, das ist unverändert. Da ändert sich ganz und gar nichts. Wir expandieren ja auch am Hauptsitz, bauen nebenan weitere Räume für unser Unternehmen.

Centogene hat seit der Gründung 2006 noch keine Gewinne eingefahren …

In ersten Jahren sind Gewinne auch nicht das primäre Ziel eines BioTech-Unternehmens. Es geht viel mehr darum, Wissen zu generieren und Wachstum zu realisieren. Immer, wenn Sie als Global Player dabei sein wollen, brauchen Sie eine kritische Mindestgröße – und daran arbeiten wir. Wenn Sie uns mit fast allen amerikanischen BioTech-Firmen vergleichen, sind wir bestens positioniert: Die verbrennen zunächst Hunderte Millionen Euro, da sind wir im Vergleich relativ dicht an der schwarzen Null. Wie gesagt: Oberstes Ziel ist es, das Wissen zu mehren und unsere Patent-Situation zu verbessern.

Sie haben mehr als 50 Millionen US-Dollar durch den Börsengang eingenommen. Wofür genau brauchen Sie das Geld – für Maschinen, Personal, Gebäude?

Nein, es geht darum, bessere Lösung zu entwickeln: Wir wollen in der Diagnostik die Qualität und die Schnelligkeit erhöhen. Deshalb arbeiten wir an der Entwicklung von sogenannten Bio-Markern.

Was bedeutet das?

Wenn wir von Patienten ein bestimmtes Gen oder sogar das gesamte Erbgut aufschlüsseln, können wir sehr schnell sagen, ob der Betroffene an einer seltenen Erbkrankheit leidet oder nicht. Aber das ist eine Ja-/Nein-Antwort. Die sagt noch nichts über Prognosen der Erkrankung, das Voranschreiten, den Schweregrad oder Verbesserungen durch eine Therapie aus. Wir brauchen Marker, die sich über die Zeit verändern und so Rückschlüsse zulassen. Ein einfaches Beispiel: Viele Diabetiker messen die Blutzuckerkonzentration. Geht die hoch, brauchen sie viel Insulin. Geht die Konzentration runter, brauchen sie weniger. Die Blutzuckerkonzentration ist so ein Bio-Marker: Sie zeigt uns, ob es dem Patienten gut oder schlecht geht. Dieses Konzept wollen wir auf 5500 seltene, angeborene Krankheiten übertragen.

Sie sind nicht nur ein Bio-, sondern auch ein Technologie-Unternehmen. Auch in diesem Bereich wollen Sie wachsen …

Ja, vor allem in der Entwicklung der sogenannten künstlichen Intelligenz. Wir produzierenden Woche für Woche gigantische Datensätze aus der Analyse unserer Patientenproben. Wir reden da über 400 Terrabyte an Daten. Anders ausgedrückt: Jede Wochen machen wir 5000 Notebooks komplett mit Daten voll. Um diese Daten schneller auswerten zu können, brauchen wir künstliche Intelligenz, die uns unterstützt. Auch dabei ist das Ziel, eine schnellere Diagnostik. Früher haben wir für die Datenanalyse sechs Monate gebraucht. Heute schaffen wir das in zwei bis drei Tagen.

Ein Patient hat eine angeborene Erkrankung, die Ursache liegt in seinen Genen. Nun zeigen sich die Symptome. Kann die Medizin solche Erkrankungen überhaupt bekämpfen? Tauschen Sie dann das defekte Gen aus und der Patient wird wieder gesund?

Ja, im Prinzip ist das völlig richtig. Es gibt bereits einige Gentherapien – vor allem bei angeborenen Muskelerkrankungen. Der Patient bekommt dann Blutzellen injiziert, die eine gesunde Version, des bei ihm defekten Genes, in sich tragen. Der Körper integriert und reproduziert dann das gesunde Gen – und der Patient wird so geheilt. Bei einigen Krankheiten reicht eine einmalige Therapie.

2006 haben Sie Centogene gegründet. 13 Jahre später gehen Sie an die wichtigste Börse der Welt, die Investoren glauben an Ihr Unternehmen und Ihre Ideen. Was empfinden Sie ganz persönlich? Stolz, Befriedigung?

Stolz ist der falsche Begriff. Ich bin im Herzen Arzt. Weltweit leiden schätzungsweise 350 Millionen Menschen an einer seltenen angeborenen Erkrankung. Ein Drittel dieser Patienten stirbt vor dem fünften Lebensjahr, weil sie nicht richtig diagnostiziert werden. Unser oberstes Prinzip ist deshalb die Verbesserung der Diagnostik. Das ist spannend und herausfordernd – weil es so interdisziplinär geworden ist. Wir haben als Labor angefangen, heute sind wir viel mehr ein IT-Unternehmen. Wenn es uns weiter gelingt anhand der Daten ein besseres frühzeitiges Erkennen der Erkrankungen zu realisieren – ja, dann ist das befriedigend. Und wenn es uns dann noch gelingt in Zusammenarbeit mit Pharma-Unternehmen Therapien zu entwickeln, haben wir viel Gutes erreicht.

Also geht es am Ende doch um das, was jeden Arzt antreibt: Das Retten von Leben?

Ja. Das motiviert uns.

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