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MV aktuell Charme-Offensive in Sibirien: Die Zeit läuft für Gazprom
Nachrichten MV aktuell Charme-Offensive in Sibirien: Die Zeit läuft für Gazprom
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11:02 25.05.2019
Gasfeld des russischen Erdgas-Konzerns Gazprom auf der Halbinsel Jamal, Sibirien. Von hier kommt das Gas über die Nord-Stream-Pipeline nach MV. Quelle: Gennadi Litvinov
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Moskau/Bovanenkovo

Als „liebe Freunde“ begrüßt Igor Melnikov Besucher in Bovanenkovo auf der Halbinsel Jamal. Er ist Chef der für Erdgasförderung dort zuständigen Tochter-Firma von Gazprom, dem russischen Staatskonzern. Charme-Offensive in Sibirien, mitten in Eis und Schnee, wo bei bis zu minus  50 Grad Celsius acht Monate im Jahr Winter herrscht. Ende Mai taut es.

Gazprom-Leute sind da, Vertreter der Tochter Nord Stream 2, Investoren, kritische Journalisten aus Europa. Man isst gemeinsam Rentier und trinkt Saft aus heimischen Beeren. Medienvertreter bekommen den perfekten Ort serviert, dazu ein Unternehmen mit perfekten Absichten. EU-Sanktionen und politische Fronten spielen hier Nebenrollen.

Auf der Halbinsel Jamal, Sibirien

Genehmigung Dänemarks steht noch aus

Gazprom hat viel mit Europa vor. Der Streit um die Erdgas-Pipeline Nord Stream 2, die wie ihr Vorgänger Nord Stream 1 in Lubmin (Mecklenburg-Vorpommern) anlanden soll, zieht sich hin, da Dänemark zwei Routen durch die Ostsee bisher nicht genehmigt hat. Ob die Fertigstellung der zwei 1230 Kilometer langen Röhren bis Ende des Jahres gelingt, steht in den Sternen.

Vor der Europawahl hat der Streit um die Leitung politisch an Schärfe zugenommen. Einige Länder fürchten Abhängigkeit von russischem Gas, wenn Nord Stream 2 erst einmal liefert. Andere weisen auf den wachsenden Gas-Hunger des Kontinents hin.

Gas kommt aus 1700 Metern Tiefe

Mittendrin ein Konzern, der auf riesigen Erdgas-Vorkommen sitzt. 4,9 Trilliarden Kubikmeter, die bis ins Jahr 2128 reichen sollen, rechnet Melnikov für Jamal vor. 119 Milliarden Kubikmeter würden jetzt pro Jahr erzeugt. Vor zehn Jahren war es die Hälfte.

Behutsam wüchsen die drei bestehenden Gasfelder in die karge Tundra hinein, auf derzeit mehr als 500 Förderstellen. Gas werde aus 1700 Metern Tiefe geholt, durch eine 250 Meter dicke Permafrost-Schicht, dauerhaft gefrorenen Boden. Das gereinigte Methangas wird in das Netz gepumpt. Die Umwelt nehme keinen Schaden, versichert Gazprom: Mit Rentier-Hirten gebe es Übereinkünfte zur Passage und Versorgung von Herden.

Bovanenkovo – eine Kleinstadt mitten im Eis

Mitten in die Schnee-Wüste hat Gazprom eine Kleinstadt gebaut – Bovanenkovo, benannt nach einem Wissenschaftler. Mit eigenem Flughafen, Unterkünften, Klinik, Kirche, Schwimmhalle. Alles innen blitzblank.

1500 Arbeiter sind derzeit hier in wechselnden Schichten beschäftigt: 30 Tage Job, 30 Tage frei. Persönlich fragen können Journalisten diese allerdings nicht. Nur „autorisierte Personen“ dürfen Antwort geben. Fast alle tragen Gazprom-Kleidung, auch die Chefs, wie uniformiert. Überall steht Security.

Kritische Stimmen gibt es rund 4000 Kilometer Luftlinie von Berlin entfernt nicht. Oder nur gebremst. Klar sei der Trip inszeniert, sagt Uwe Hobohm, Energieexperte bei Prognos, einem unabhängigen Wirtschaftsforschungsunternehmen in Berlin. Alles in allem mache Bovanenkovo aber einen guten Eindruck.

Pläne für eine dritte Ostsee-Pipeline

Gazprom will ein bestmögliches Bild verkaufen. Die Absicht ist klar: Europa soll mehr Gas abnehmen. Viel mehr. Dazu sei Nord Stream 2 wichtig, erklärt Gazprom-Manager Dimitri Khandoga in Moskau. Weitere rund 55 Milliarden Kubikmeter Gas, die pro Jahr gen Westen strömen.

Russisches Gas sei „deutlich umweltfreundlicher als LNG“, so Khandoga. Ein Fingerzeig Richtung USA, wo Fracking-Gas verflüssigt und dann verschifft wird.

Sogar eine dritte Pipeline, Nord Stream 3, wäre zwischen Sibirien und Deutschland denkbar, wenn die Kunden dies wollten, sagt Khandoga. Ein Firmensprecher rollt mit den Augen. Kein guter Moment für diese Nachricht im angespannten Europa kurz vor der Wahl.

Khandoga redet weiter. Etwa über die Ukraine-Debatte. Niemand habe gesagt, dass Gazprom die Pipeline dort abschalten wird, antwortet er ruhig. „Es wird Platz sein auch für den Ukraine-Transit.“ Rein wirtschaftlich gesehen, mache Nord Stream 2 absolut Sinn, schon weil die Trasse über die Ostsee 2000 Kilometer kürzer sei als über das Festland.

Gazprom-Partner: Russisches Gas verringert CO2-Ausstoß

Auftritt der Befürworter. „Natürliches Gas reduziert CO2-Emissionen“, erklärt Reinhard Mitschek, Vize-Chef des Erdöl- und -gasunternehmens OMV, eines Gazprom-Partners. Ganz sicher im Vergleich zu Kohle.

Argumente für russisches Gas

8 Milliarden Euro lassen sich Gazprom und die anderen Investoren Wintershall, Uniper, Engie, OMV und Shell die Erdgas-Pipeline Nord Stream 2 durch die Ostsee kosten.

57 000 Vollzeitjobs sollen dadurch allein in Europa entstanden sein.

1230 Kilometer ist die Ostsee-Pipeline lang. Sie besteht aus zwei Strängen.

26 Millionen Haushalte könne Nord Stream 2 mit Gas versorgen – 55 Milliarden Kubikmeter. Dies spare die CO2-Emissionen von 30 Millionen Autos gegenüber LNG, in Summe 45 Millionen Tonnen.

50 Prozent weniger CO2werde beim Einsatz von Naturgas im Vergleich zu Kohle bei der Energiegewinnung freigesetzt. Bei Umwandlung in Strom könnten 160 Millionen Tonnen CO2 weniger entstehen.

Die Inbetriebnahme von Nord Stream 2 wird die Großhandelspreise in Europa nach Schätzungen des Kölner Instituts ewi Energy Research & Scenarios deutlich senken.

Laut einer Studie des Bundesumweltamtes wird bei Verflüssigung und Transport von Gas, wie in den USA, deutlich mehr CO2 freigesetzt als bei Gewinnung und Transport von Gas, wie aus Russland. Fazit: „Aus Klimaschutzsicht ist daher aktuell die Nutzung von leitungsgebunden transportiertem Gas gegenüber LNG ... zu bevorzugen.“

Henning Kothe, Chef von Nord Stream 2, verweist auf die vielen Jobs, die durch das Projekt mit Anschlussprojekten, wie den Opal-Leitungen, entstünden. 57  000 über fünf Jahre allein in Europa, davon 24  000 in Deutschland. Kothe warnt vor explodierenden Gaspreisen in Europa, wenn LNG dominieren sollte. 20 Millionen Euro Mehrkosten für Verbraucher pro Tag. Sagt er.

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Gazprom-Chef: Rechtlich auf der sicheren Seite

Journalisten haken nach. Was, wenn die USA mit Sanktionen gegenüber an Nord Stream 2 beteiligten Firmen Ernst machen? Wenn Dänemark die Zustimmung zur Pipeline verweigert? Wenn die EU das Projekt doch torpediert? Man wolle nicht spekulieren, kommt als Antwort.

Immer wenn es kritisch wird, übernimmt Gazprom-Mann Khandoga. Er spricht von „Albträumen“. Dänemark habe federführend Nord Stream 1 genehmigt. Rechtlich habe sich nichts verändert. Daher sei die aktuelle Haltung Dänemarks „befremdlich“.

Dann wird er wieder zuversichtlich: Die Leitung wachse schließlich jeden Tag um acht Kilometer. Die Zeit läuft für Gazprom.

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