Corona: Wann das Virus nach MV kommt und warum Abriegeln wenig hilft
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Corona: Wann das Virus nach MV kommt und warum Abriegeln wenig hilft

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21:50 26.02.2020
Schutz vor dem Coronavirus: Die Schwestern Silke (28), Pia (24) und Uta (29) Schneider aus Syrgenstein in Bayern sind gerade zu Besuch bei Ihrer großen Schwester in Rostock – und schützen sich vor dem Erreger aus China. Quelle: Frank Söllner
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Rostock/Schwerin

Das Coronavirus kommt immer näher: Nachdem nun auch Fälle aus Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen gemeldet wurden, bereiten sich auch die Behörden in Mecklenburg-Vorpommern intensiv auf einen Ausbruch der Erkrankung im Nordosten vor. „Das Virus wird auch zu uns kommen. Das ist nur eine Frage von Tagen, höchstens Wochen“, sagt Prof. Dr. Emil Reisinger, Infektionsmediziner an der Uni-Klinik in Rostock. Behörden und Ärzte warnen aber vor überzogener Sorge vor dem Virus.

Gibt es schon Fälle in MV?

„Nein“, sagt Gesundheitsminister Harry Glawe (CDU) und versichert: „Es gibt momentan keinen Anlass zur Beunruhigung. Das Gesundheitssystem ist auf die aktuelle Lage gut vorbereitet.“ Ende der Woche soll eine gemeinsame Corona-Arbeitsgruppe der Landesregierung die Arbeit aufnehmen.

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Wer ist zuständig, wenn das Virus in MV auftritt?

Zunächst sind die Gesundheitsämter der Kreise und kreisfreien Städte zuständig – auch bei Verdachtsfällen. Sie stehen im engen Austausch mit dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lagus) und dem Robert-Koch-Institut als Seuchenschutz-Einrichtung des Bundes. „Die Gesundheitsämter ermitteln – auch zu den Kontaktpersonen eines Infizierten – und ordnen die erforderlichen Maßnahmen an“, sagt Gunnar Bauer, Sprecher des Gesundheitsministeriums. Rechtsgrundlage ist das Infektionsschutzgesetz.

Bildergalerie: So denkt MV über das Coronavirus

Das Coronavirus macht Menschen in MV bisher kaum Angst. Eher locker nehmen viele in Kauf, dass das Virus sich auch in Europa mehr und mehr verbreitet. Manche finden andere Krankheiten, wie Masern oder Grippe, bedrohlicher als das Coronavirus. Trotz des Risikos einer Ansteckung gibt es kaum Änderungen im Alltag der Menschen. Obwohl viele mehr auf Hygiene achten, große Maßnahmen in Vorbereitung eines Virusausbruchs in MV werden selten getroffen.

Wo werden Erkrankte behandelt?

Alle Krankenhäuser im Land bereiten sich vor, heißt es aus Schwerin. Eine Schwerpunkt-Klinik werde es nicht geben. „Bei nur wenigen Patienten bietet es sich aber an, diese in den großen Krankenhäusern zu behandeln“, sagt Bauer. Gemeint sind allen voran die Uni-Kliniken in Greifswald und Rostock. Dort sind auch die Schnelltests für den Corona-Erreger Sars-CoV-2 verfügbar. Landesweit stehen insgesamt fast 200 Isolationsbetten in den Kliniken zur Verfügung. 59 davon verfügen sogar über eine eigene Luftversorgung.

Wer ist besonders gefährdet?

„Betroffen sind alle Personengruppen. Komplikationen und Todesfälle werden vor allem bei Personen, die älter sind oder die zuvor an chronischen Grunderkrankungen litten, beobachtet“, sagt Anja Neutzling, Sprecherin des Landesamtes für Gesundheit.

Was ist mit den Angehörigen?

In jedem Verdachtsfall sind die Gesundheitsämter verpflichtet, Ermittlungen anzustellen: Mit wem hatte der Infizierte Kontakt? Wo hat er sich angesteckt? „Das Gesundheitsamt hat die Kontaktpersonen zu erfassen und trifft auch schon eine erste Einschätzung, wie gefährdet diese Personen sind“, sagt Bauer.

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Gegebenenfalls könnte dann auch die Angehörigen, Freunde oder Arbeitskollegen unter Quarantäne gestellt werden. Als „erhöht gefährdet“ gelten, so Rostocks Sozialsenator Steffen Bockhahn (Linke), Personen, die 15 Minuten direkten Kontakt mit einem Erkrankten hatten.

Riegelt MV auch ganze Orte ab?

Uni-Experte Reisinger rät von solchen Maßnahmen ab: „Das bremst das Virus nur aus, hält es aber nicht auf.“ Solange keine wirksame Impfung gefunden sei, würde die Krankheit ähnlich wie eine Grippe durch die Lande ziehen. „Nach einer gewissen Zeit werden mehr und mehr Menschen Antikörper gegen das Virus entwickeln. Wir sprechen dann von einer ,Herden-Immunisierung’. Je schneller wir diesen Zustand erreichen, desto besser.“ Auch aus dem Ministerium heißt es hinter vorgehaltener Hand, dass die Quarantäne ganzer Dörfer oder Städte wenig sinnvoll sei.

Wie sind die Behörden vorbereitet?

Die größte Stadt des Landes beispielsweise hat einen so genannten „Pandemieplan“ für den Ausbruch einer schweren Erkrankung. In dem ist klar geregelt, welche Maßnahmen zu welchem Zeitpunkt ergriffen werden müssen, so Stadtsprecher Ulrich Kunze. „Für den Pandemiefall stehen dem Rettungsdienst und der Feuerwehr ausreichend Handschuhe und antivirale Desinfektionsmittel zur Verfügung“, heißt es von Senator Bockhahn. Er muss aber auch einräumen: „Die in großer Menge bevorrateten Schutzmasken und chirurgischen Masken sind allerdings teilweise überlagert und bedürfen einer Erneuerung.“ Auf Deutsch: Rostocks Schutzmaterial ist abgelaufen.

OZ-Telefonforum mit Uni-Experten

Ihre Fragen am Telefon: Experten der Universitätskliniken in Greifswald und Rostock beantworten gemeinsam mit der OSTSEE-ZEITUNG Leser-Fragen zum Coronavirus. Am Freitag (28. Februar) in der Zeit von 14 bis 15 Uhr stehen Ihnen die Mediziner für Tipps und Hinweise am Telefon zur Verfügung. Unter der Rufnummer 0381-365 100 können Sie sich direkt informieren und beraten lassen.

Die Experten am Telefon sind Prof. Dr. Emil Reisinger, Wissenschaftlicher Vorstand der Unimedizin Rostock und Infektionsmediziner, Dr. Micha Löbermann (Oberarzt in der Abteilung für Infektiologie und Tropenmedizin), Prof. Dr. Nils-Olaf Hübner (Leiter der Krankenhaushygiene an der Uniklinik Greifswald) sowie der Greifswalder Virologe und Infektionsepidemiologe Prof. Dr. Karsten Becker.

Ab wann werden Kitas, Schulen und Unis geschlossen?

Die Behörden tun sich schwer damit, diese Frage zu beantworten. „Das ist pauschal nicht zu beantworten“, sagt Ministeriumssprecher Bauer. Aus dem Lagus heißt es dazu: „Diese Entscheidung würde durch die Gesundheitsbehörden in Absprachen mit dem Lagus und den Ministerien anhand der konkreten Gefährdungssituation getroffen“, so Lagus-Sprecherin Neutzling. Aber ja: Das Infektionsschutzgesetz ermögliche auch Einschränkungen der Grundrechte – zum Beispiel der Versammlungsfreiheit.

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Von Andreas Meyer

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