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MV aktuell DDR-Kommunalwahlen 1989: Wie die Rostocker die Nein-Stimme entdeckten
Nachrichten MV aktuell DDR-Kommunalwahlen 1989: Wie die Rostocker die Nein-Stimme entdeckten
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05:01 03.05.2019
Dr. Klaus-Michael Bull vor der Rostocker Petrikirche, in der sich schon 1989 die Evangelische Studentengemeinde (ESG) traf. Quelle: Frank Söllner
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Rostock

Als im Mai 1989 die Kommunalwahlen in der DDR anstanden, hatten Rostocker Studenten und Jungakademiker eine geradezu revolutionäre Idee: Sie nahmen sich vor, die Wahlen tatsächlich ernst zu nehmen.

„Die meisten Wähler sind damals einfach nur hingegangen und haben, ohne weiter nachzudenken, ihre Wahlzettel eingeworfen. Nicht teilzunehmen galt damals schon als Systemkritik“, erinnert sich Klaus-Michael Bull, der damals als wissenschaftlicher Assistent an der Theologischen Fakultät der Uni Rostock arbeitete. Also verfassten die in der Evangelischen Studentengemeinde (ESG) engagierten jungen Leute ein Info-Blatt, auf dem sie die relevanten Paragrafen des DDR-Wahlrechts auflisteten – und betraten damit Neuland: „Wir mussten erst mal erklären, wie man eine Nein-Stimme abgibt.“

Keimzelle der Opposition

Die Studentengemeinde, die sich damals wie heute in der Rostocker Petrikirche traf, war so etwas wie eine Keimzelle der oppositionellen Bewegung. „In der ESG war es immer ein Anliegen, nicht nur zu diskutieren, sondern auch etwas zu tun“, erzählt Bull.

Schon bei der öffentlichen Aufstellung der Kandidaten für die Kommunalwahl waren Bull und seine Mitstreiter aktiv geworden: „Eigentlich standen die Kandidaten der ‚Nationalen Front‘ ja schon vorher fest. Aber formal war es möglich, auch andere Kandidaten vorzuschlagen.“ Also gingen Mitglieder der ESG zu den verschiedenen Veranstaltungen und taten genau dies. „Manche von uns wurden einfach rausgeschmissen.“

Bull selbst machte jedoch eine interessante Erfahrung: „Ich schlug einen selbstständigen Handwerker vor, der auf der Ersatzliste stand. Als der Mann das hörte, war er total entsetzt, weil er nicht damit gerechnet hatte.“

Die Versammlungsleiterin ließ jedoch Bulls Antrag nicht zu – ein klarer Verstoß gegen das Wahlgesetz. „Also schrieb ich eine Eingabe an den Vorstand der Wahlkommision, die mich dann ins Rathaus einlud und sich wortreich entschuldigte. Die Versammlungsleiterin saß mit versteinerter Miene daneben.“

Ungewohnte Wahlkabinen

Bei den Wahlen selbst stellte die Gruppe Wahlkabinen im Wahllokal des Studentenwohnheims in der Rostocker Südstadt auf. „In den meisten Wahllokalen gab es damals überhaupt keine Kabinen“, so der Theologe. Dabei waren auch in der DDR die Wahlen zumindest dem Gesetz nach geheim.

Kommunalwahlen im Mai 1989

Die Kommunalwahlen in der DDR 1989 fanden am 7. Mai 1989 statt. Es wurden die Volksvertreter in Gemeinden, Städten und Kreisen gewählt. Es war die letzte Wahl in der DDR, die nach Einheitslisten der Nationalen Front stattfand.

Das offizielle Wahlergebnis von 98,85 Prozent Zustimmung galt als das schlechteste Wahlergebnis in der Geschichte der DDR. Die erstmals bewiesene Wahlfälschung stärkte die Oppositionsbewegung in der DDR. Am 7. jedes Monats kam es fortan in Ost-Berlin vor Kirchen zu Demos gegen den Wahlbetrug.

Auch die Sache mit der Nein-Stimme war damals komplizierter, als man sich das heute vielleicht vorstellen kann: Auf dem Wahlzettel stand eine Liste der Kandidaten der sogenannten „Nationalen Front“. Wer mit der Liste einverstanden war, brauchte nur den Zettel zu falten und in die Urne zu werfen. „Wer jedoch mit Nein stimmen wollte, musste jeden Kandidaten einzeln streichen. Einfach alle Namen mit einem großen Kreuz durchzustreichen, machte den Wahlzettel ungültig“, erinnert sich Bull.

Ergebnis konnte nicht stimmen

In rund zehn Wahllokalen überwachten die ESG-Mitglieder auch die Stimmauszählung. „Die Zahl der Neinstimmen lag bei fünf bis zehn Prozent“, sagt Bull. Das waren allein in diesen wenigen Wahllokalen fast so viele, wie nachher im offiziellen Ergebnis für ganz Rostock auftauchten. „Das konnte also gar nicht stimmen. Mit so einer dreisten Wahlfälschung hätten wir nicht gerechnet. Wir dachten auch: Wie blöd sind die eigentlich? Selbst das echte Ergebnis hätte ja nicht am Machtanspruch der SED gerüttelt.“

Einige ESG-Mitglieder hatten nach der Wahl wegen ihres Engagements unter Repressionen zu leiden. Viele wurden von der Stasi vorgeladen, einer sogar 24 Stunden festgehalten. Für Bull war die Kommunalwahl ein Wendepunkt: „Mir ist klar geworden, dass es in der DDR-Regierung kein Interesse gab, Perestroika oder Glasnost zuzulassen. Von oben würde sich also nichts ändern, solange die alten Herren an der Macht sind.“

Kontakt zu SED-Reformkräften

Daher suchten die Aktivisten auch das Gespräch zu Reformkräften innerhalb der SED. Zu ihnen zählte Sybille Bachmann, die damals am Lateinamerika-Institut der Uni arbeitete. „Wenn man damals Stadt und Gesellschaft beobachtet hat, musste einem das Wahlergebnis unglaubwürdig erscheinen“, sagt sie heute. Auch ihr wurde im Mai 1989 klar: „Es geht nicht in Richtung Öffnung.“

Also überlegte Bachmann, wie es weitergehen könne, und entschied sich zu einem gewagten Schritt: „Im Juni richteten wir in der ESG ein Seminar zum Thema ‚Theologie der Befreiung und die DDR‘ aus.

Obwohl die Theologie der Befreiung in Lateinamerika zu Hause ist, war allen klar, dass es bei dem Seminar eigentlich um die Zustände in der DDR ging. „Danach gab es richtig Ärger mit der Stasi – nicht für mich, sondern für manche Zuhörer“, erinnert sich Bachmann, „manche mussten als Schikane mit der Rasierklinge den Rasen schneiden.“

Mitbestimmung fehlt bis heute

Die Wendezeit prägte Bachmann auch politisch. 30 Jahre nach den damaligen Ereignissen kandidiert sie derzeit für den Posten des Rostocker Oberbürgermeisters. „Damals forderten wir mehr Mitbestimmung, alle Menschen sollten in die politischen Entscheidungen eingebunden werden.

Dieses Problem ist bis heute nicht gelöst.“ Ihr wichtigstes Ziel, sollte sie gewählt werden, sei daher: „Wir müssen wieder zu einer solidarischen Gesellschaft werden und dürfen nicht weiter auseinanderdriften.“

Axel Büssem

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