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MV aktuell Ehemaliger Todesstreifen: MV-Regierung prüft Schutz des „Grünen Bandes“ als Naturmonument
Nachrichten MV aktuell Ehemaliger Todesstreifen: MV-Regierung prüft Schutz des „Grünen Bandes“ als Naturmonument
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20:05 31.07.2019
Im Schatten des einstigen DDR-Todesstreifens konnte sich die Natur weitgehend unberührt entwickeln. Nun prüft die Landesregierung MV einen Vorschlag, das Grüne Band zum Naturmonument zu erklären (Archivbild, 2006) Quelle: dpa
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Erfurt/Nürnberg/Schwerin

Der frühere Todesstreifen zwischen der ehemaligen DDR und der Bundesrepublik, gerät dieser Tage in den Fokus der Politik. 30 Jahre nach dem Mauerfall werden Überlegungen laut, die ehemalige innerdeutsche Grenze zum Nationalen Naturmonument zu erklären.

Auch in der Landesregierung Mecklenburg-Vorpommerns wird diese Idee gegenwärtig geprüft. Wie ein Sprecher des Umweltministerium gegenüber der OSTSEE-ZEITUNG bestätigte, ist hierzu Anfang September ein Gespräch von Minister Backhaus mit dem BUND geplant.

Einmalige Chance auf Einheitsdenkmal

Thüringens Umweltministerin Anja Siegesmund (Grüne) geht noch einen Schritt weiter: Sie sieht darin die einmalige historische Chance, dass sich Deutschland ein ganz besonderes Einheitsdenkmal schafft: Eine „Brücke zwischen den Bundesländern“ und ein Erinnerungsort an die Schrecken der deutschen Teilung und ihre Opfer. „Das wäre doch das Denkmal“, findet die Politikerin.

Die ehemalige Grenzen zwischen DDR und Bundesrepublik Deutschland wird als Grünes Band bezeichnet

Beim Grünen Band handelt es sich um eine Perlenkette verschiedener Biotope mit insgesamt 1200 bedrohten Tier- und Pflanzenarten, aber auch um den vielerorts noch erhaltenen Kolonnenweg sowie die Wachtürme der DDR-Grenzposten. Von Mecklenburg-Vorpommern bis Bayern zieht es sich auf fast 1400 Kilometern Länge durch Deutschland.

In Mecklenburg-Vorpommern sind 70 Prozent der ehemaligen Grenze geschützt – teils durch Vorschriften zu Naturschutzgebieten, als Biosphärenreservate oder Biotope.

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Grünes Band in MV

Eine große Bedeutung hat das Grüne Band für den Erhalt bedrohter Arten. Der ehemalige innerdeutsche Grenzbereich von Mecklenburg-Vorpommern und die gesamte Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommerns sind Teil dieser „Lebenslinie“. Auf der östlichen Seiten entstanden bis zum Fall der Mauer zahlreiche Rückzugsräume für bedrohte Tier- und Pflanzenarten.

Wie lang ist das Grüne Band?

Der 50 bis 200 Meter breite ehemalige innerdeutsche Grenzstreifen ist von Süd nach Nord exakt 1393 Kilometer lang. Davon liegen nach Angaben des BUND:

– 137 Kilometer zwischen Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein

– 36 Kilometer zwischen Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen

– 43 Kilometer innerhalb Niedersachsens (Amt Neuhaus)

– 30 Kilometer zwischen Brandenburg und Niedersachsen

– 343 Kilometer zwischen Sachsen-Anhalt und Niedersachsen

– 112 Kilometer zwischen Thüringen und Niedersachsen

– 270 Kilometer zwischen Thüringen und Hessen

– 381 Kilometer zwischen Thüringen und Bayern

– 41 Kilometer zwischen Sachsen und Bayern

Laut BUND weist das Grüne Band auf etwa 170 Kilometern Lücken auf – durch Straßen, Gewerbegebiete oder intensive Landnutzung.

 In Jahrzehnten ungestörter Entwicklung haben sich entlang des Eisernen Vorhangs Lebensräume für seltene und vom Aussterben bedrohte Arten wie den Eisvogel und die Grüne Keiljungfer, eine extrem seltene Libellenart, entwickelt.

Am Schaalsee sind noch über 40 Tagfalter heimisch. In den Elbtalauen tummeln sich Fischotter und Laubfrösche. Auf den naturnahen Grünlandbereichen zieht der üppige Blütenreichtum Insekten aller Art an. Schmetterlinge und Heuschrecken sind wiederum Beute für Fledermäuse und insektenfressende Singvögel wie das Braunkehlchen. An trockenen und nährstoffarmen Standorten wachsen auf sogenanntem Magerrasen wie auf der Halbinsel Teschow südlich des Dassower Sees zahlreiche vom Aussterben bedrohte Pflanzenarten.

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Das Luftbild zeigt das Grüne Band, wo es auf dem Priwall an die Ostsee trifft. Die früheren Grenzsicherungsanlagen und Sperrgebiete trennten nicht nur Ost- und Westdeutschland, sondern zogen sich auch im Bereich der DDR noch über weite Strecken entlang der Küste. Quelle: Klaus Leidorf

Enteignungen befürchtet

Mancherorts gibt es gegen das Projekt Naturmonument Widerstand. Kritiker halten die bestehenden Schutzgebiete für die Natur, die sich im Schatten der ehemaligen Grenze entwickeln konnte, für ausreichend oder verweisen auf bestehende Lücken durch Gewerbegebiete oder Straßen.

Grundstückseigentümer fürchten Enteignungen, Bauern Nutzungseinschränkungen, Kommunen Zusatzkosten. Am Streit darüber wäre kürzlich fast die Regierungskoalition von CDU, SPD und Grünen in Sachsen-Anhalt zerbrochen. Nun liegt zumindest ein Gesetzentwurf, der den 343 Kilometer langen Grenzabschnitt in Sachsen-Anhalt als Naturmonument einstufen will, im Magdeburger Landtag. Zwischen CDU und Grünen hatte es zuvor aber ordentlich gekracht.

In MV ist Grünes Band gut geschützt

Der Naturschützer Kai Frobel – der Franke gilt als „Vater des Grünen Bandes“ – ist besorgt wegen des Streits. „Die entscheidende Lücke ist Sachsen-Anhalt“, sagt der Geoökologe. In Sachsen seien die 41 Kilometer Grenzstreifen bereits gut geschützt, das gelte auch für die 173 Kilometer in Mecklenburg-Vorpommern. Brandenburg hat laut Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) nur einen kleinen Abschnitt von 30 Kilometern zu Niedersachsen. „Diese drei Länder brauchen eigentlich nur noch das Prädikat.“

Selbst in Hessen hat sich die schwarz-grüne Koalition die Ausweisung eines Nationalen Naturmonuments auf die Fahne geschrieben. Derzeit laufe die naturschutzrechtliche Prüfung, so das Umweltministerium in Wiesbaden.

Lebendiges Denkmal

Frobel gehörte zu denen, die sich im Dezember 1989, als die Mauer und die Grenzzäune löchrig wurden, am ersten Treffen von etwa 400 Naturschützern aus Ost und West im fränkischen Hof beteiligten. Ihr Ziel bereits damals: Der Schutz der Natur am ehemaligen Todesstreifen, der zu einer „Lebenslinie“ werden sollte.

Er habe die Hoffnung nicht aufgegeben, „dass der unselige Todesstreifen der DDR zum durchgehenden Naturmonument wird“, sagt Frobel, der für den BUND in Bayern arbeitet. Angesichts des Artensterbens sei ein zusammenhängendes Schutzgebiet wie das Grüne Band wichtiger denn je. „Es ist auch international eines der bekanntesten deutschen Naturschutzprojekte“, so Frobel. Er spricht wie BUND-Chef Hubert Weiger von einem lebendigen Denkmal der deutschen Geschichte.

Thüringen ist Vorreiter

Rot-Rot-Grün in Thüringen ist beim Projekt Naturmonument – eine Schutzkategorie, die es seit 2009 im deutschen Naturschutzgesetz gibt – Vorreiter. Im November 2018 erhob der Landtag in Erfurt – nach mehr als einjähriger kontroverser Debatte – den 763 Kilometer langen Grenzstreifen zwischen Thüringen, Bayern, Hessen und Niedersachsen in den neuen Schutzstatus. Immerhin ist damit bundesweit bereits mehr als die Hälfte des maximal 200 Meter breiten Streifens durchgehend geschützt.

Auch in Thüringen war das kein Selbstläufer. Ein Jahr lag das Gesetz im Landtag, es gab Anhörungen und Siegesmund musste wie ihre Ministerkollegin in Sachsen-Anhalt, Claudia Dalbert (Grüne), einen Werbefeldzug für das Schutzprojekt organisieren. „Auch bei uns stand das böse Wort ‚Enteignung‘ im Raum. Davon kann keine Rede sein“, sagt Siegesmund. Einen Großteil der Flächen erhielt Thüringen vom Bund, 15 Prozent gehören dem Land, 40 Prozent Kommunen oder Privatbesitzern. Zwei Millionen Euro hat das Land seiner Stiftung Naturschutz überwiesen, um das Naturmonument zu betreuen.

Und die Kunde von dem Projekt gelangte bis nach Südkorea: Vertreter des südkoreanischen National Nature Trusts reisten dafür im vergangenen Herbst tausende Kilometer ans Grüne Band in Thüringen. Schließlich könnte das deutsche Modell Vorbild für das noch geteilte Süd- und Nordkorea sein, hatten sie die weite Reise begründet.

Simone Rothe, dpa/Juliane Schultz