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Nachrichten MV aktuell Das ist der Mobbing-Schulhof von Crivitz
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08:13 13.03.2019
Der Pausenhof der Regionalen Schule Crivitz. Hier sollen Kinder vier Jahre lang ein Mobbing-Ritual betrieben haben, ohne dass Lehrer etwas bemerkten. Quelle: Juliane Schultz
Crivitz

Die „Straße der Freundschaft“ in Crivitz wirkt am Dienstagvormittag wie leergefegt: Kein Auto fährt, kein Fußgänger ist unterwegs. Aus einer Kita weht fröhliches Gelächter rüber. Auf dem Gelände der Regionalen Schule herrscht Totenstille. Sogar der Sportplatz liegt verlassen da.

In einer Seitenstraße schaut eine Journalistin immer wieder Richtung Schulgebäude und macht sich Notizen. Der Fernsehsender RTL war bereits mit einer Kamera hier. Plötzlich ruft ein Kind durch einen Fensterspalt: „Keine Fotos!“

Anfang März 2019 wurde bekannt, dass sich Kinder hier jahrelang mit einem Ritual mobbten. Die Schulleitung wusste von den Vorfällen seit September 2018. Einige Eltern klärten die Vorgänge intern auf.

Auf dem Schulhof stehen viele Bäume, unter ihren Ästen hat sich ein erschreckendes Ritual abgespielt. So verstörend, dass es den Menschen der kleinen Stadt Crivitz die Sprache verschlägt. Auch an Tag zwei nach Bekanntwerden der Ereignisse wollen sich Rektor und Lehrer nicht äußern. Einige Eltern brechen allenfalls anonym ihr Schweigen.

Mehr Betroffene als angenommen

Vier Jahre lang überwältigten Sechstklässler schwächer wirkende Fünftklässler. Sie hoben die jungen Mitschüler hoch und rieben deren Schritt an einem Baum. Im darauffolgenden Schuljahr wiederholte sich das sexualisierte Ritual. Nun wurden die früheren Opfer zu Tätern und schlugen ihrerseits zu. Am Ende waren Zehn- bis 13-Jährige von der 5. bis zur 6. Klasse betroffen. Bis zum vergangenen Herbst ahnten Eltern nicht, was ihren Kindern auf dem Schulgelände während der Hofpausen widerfuhr.

Und offenbar sind noch mehr Kinder vom Mobbing-Ritual in Crivitz (Ludwigslust-Parchim) betroffen als die bislang namentlich bekannten 30 Schüler. Einen Tag nach Veröffentlichung des Falls in der Ostsee-Zeitung, haben sich weitere Eltern telefonisch und auf einer Elternversammlung zu Wort gemeldet: Sie haben erst am Montag von ihren Kindern erfahren, dass diese Zeugen oder sogar Opfer der Vorgängen an der Regionalen Schule Crivitz seien. „Wir waren geschockt, als unser Kind am Montag mit der Sprache rausrückte“, sagt eine Anruferin.

Elternrat hat reagiert

Christiane Gotte ist die Vorsitzende des Schulelternrats. Sie ist bereit zu reden. Der Mutter von drei Kindern ist wichtig klarzustellen, dass die Elternvertretung nicht untätig war. „Ich verwehre mich dagegen, dass wir nicht gehandelt haben“, sagt die 45-Jährige. „Wir haben sofort reagiert, als wir im Oktober von den Vorgängen erfuhren. Im Fokus stand von Anfang an der Schutz unserer Kinder. Wir haben die Schulleitung und einige Lehrer informiert und versucht, alle Betroffenen zu erreichen.“ Dem Elternrat sei bekannt, dass einige Lehrer auf der Stelle den Kontakt zu den Schülern ihrer Klasse gesucht haben, versichert die studierte Erziehungswissenschaftlerin.

Gotte berichtet weiter: „Viele Eltern haben sich bei uns gemeldet. Wir haben mit ihnen und den Kindern gesprochen.“ Außerdem habe man sich von der Polizei beraten lassen. „Die Eltern entschieden daraufhin, die Namen der Kinder nicht herauszugeben, um sie zu schützen. Nach Aussage der Staatsanwaltschaft wäre das Verfahren sowieso eingestellt worden. Die Jungen waren ja noch keine 14 und deshalb nicht strafmündig. Das Ergebnis wäre also dasselbe gewesen.“

Stattdessen habe man sich professionelle Hilfe beim Kriminalpräventionsrat geholt. Der habe geholfen – durch Beratung und Informationsmaterial. Außerdem organisierte die Elternvertretung eine Präventionsveranstaltung und der Kreis- sowie Landeselternrat wurden über den Fall informiert. Und schließlich habe sich im Oktober der offene Elternstammtisch gegründet. Der tage seitdem monatlich und soll die Eltern besser vernetzen.

Bürgermeisterin stärkt Eltern den Rücken

In den Schilderungen der engagierten Mutter findet Schulleiter Egbert Dähn selten Erwähnung. Auch in der schriftlichen Stellungnahme von Britta Brusch-Gamm zum Vorfall, wird der Rektor mit keinem Wort erwähnt. Die Bürgermeisterin von Crivitz, die die Mobbing-Vorfälle in der Schule schriftlich bestätigte, würdigte stattdessen die Arbeit der Eltern und sprach sich für die Wahl eines Vertrauenslehrers durch die Schüler aus.

Eine Mutter, die lieber anonym bleiben möchte, erhebt dagegen schwere Vorwürfe gegen Rektor Dähn: „Auf dem Schulhof findet nicht bei jedem Wetter eine Aufsicht statt. Die Kinder müssen grundsätzlich vor die Tür, die Lehrer nicht. Außerdem seien die großen Pausen die einzige Gelegenheit, sich der Schulsozialarbeiterin anzuvertrauen, doch dann dürfen die Kinder nicht zu ihr gehen.“

Vielleicht finden alle Beteiligten bei einem geplanten Treffen ihre Sprache wieder. Die Elternschaft hat das Lehrerkollegium dazu eingeladen. „Es ist dem Schulelternrat in dieser Situation wichtig, auf den Schulleiter zuzugehen“, versichert Christiane Gotte. Egbert Dähn hat sein Kommen zugesagt.

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Juliane Schultz

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