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MV aktuell „Tupfer in den Po“ – Das müssen Patienten in MV über den neuen Erreger wissen
Nachrichten MV aktuell „Tupfer in den Po“ – Das müssen Patienten in MV über den neuen Erreger wissen
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13:32 25.09.2019
Die Universitätsmedizin Greifswald ist von den MRGN-Bakterien in besonderem Maße betroffen. Quelle: Tilo Wallrodt
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Greifswald

Der in MV neu aufgetretene multiresistente Krankenhaus-Erreger Klebsiella vom Typ 4MRGN hat in den vier betroffenen Kliniken und Krankenhäusern zu einer Reihe von Vorsichtsmaßnahmen geführt, um eine weitere Ausbreitung des Erregers zu verhindern. Dennoch dürfte sich die Zahl der Menschen, bei denen eine Ansteckung nachgewiesen werden kann, weiter erhöhen. Längst nicht alle müssen aber daran erkranken.

Wir erklären die wichtigsten Fakten:

1. Wie gefährlich sind MRGN-Bakterien?

Bei den aktuell fünf betroffenen Patienten an der Universitätsmedizin Greifswald handelt es nach Angaben von Professor Nils Hübner, dem Chefhygieniker der Klinik, um Menschen mit schweren Grunderkrankungen. Bei vier dieser Patienten sei der Erreger nachgewiesen, ohne dass sie bisher an ihm erkrankt sind. Ein Patient leide an einer Infektion durch den Keim.

Für gesunde Menschen ist das Bakterium Hübner zufolge ungefährlich. Bei jedem dritten Menschen gehöre es sogar in seiner natürlichen Form zur Darmflora. Zum Infektionserreger werde es erst, wenn das Bakterium bei schwerkranken Menschen mit geschwächtem Immunsystem in Lunge, Harnwege oder Wunden gelange. 4MRGN-Bakterien sind vor allem eine Gefahr, weil sie gleich gegen vier verschiedene Antibiotika-Gruppen resistent sind und sich ausgerechnet in Krankenhäusern sehr gut vermehren und ausbreiten können. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass der Keim auf Oberflächen selbst nach einer Reinigung mit Desinfektionsmitteln überleben kann.

Der Erreger kann von Mensch zu Mensch übertragen werden, hauptsächlich über ungewaschene Hände. Die Häufung der Fälle gilt als sehr ungewöhnlich.

2. Welche Symptome zeigen Erkrankte?

Je nachdem, wo eine Infektion mit MRGN-Erregern auftritt, können die Krankheitsanzeichen verschieden sein. Möglich sind Fieber, Wundinfektionen und Entzündungen der Harn- und Atemwege. Ein MRGN-Infektion verläuft oft langwierig und kann mit einer erhöhten Sterblichkeit verbunden sein.

3. Kann der Erreger eine Sepsis auslösen?

Eine Sepsis ist eine der häufigsten Todesursachen bei Infektionen, weil der Körper mit seiner Abwehrreaktion auch die eigenen Organe angreift. MRGN-Erreger können eine Sepsis auslösen. Diesen Fall gibt es unter den 14 betroffenen Patienten in Vorpommern bislang aber nicht. Alle sind zwischen 50 und 84 Jahre alt.

4. Wie wird eine MRGN-Infektion behandelt?

Mit sehr speziellen Antibiotikapräparaten gegen die die Keime noch empfindlich sind, was nach Angaben der Unimedizin Greifswald bisher auch funktioniert. Drei Varianten dieser Mittel werden zurzeit eingesetzt. Eine vierte soll demnächst hinzukommen.

Gewöhnliche Antibiotika sind gegen MRGN-Stämme machtlos. In einem der 14 Fälle werden auch probiotische Nahrungsmittel ausprobiert, um die Darmflora des Patienten zusätzlich widerstandsfähiger zu machen.

5. Wo tritt der Krankenhaus-Keim bislang auf?

Bisher sind Patienten in vier Einrichtungen im Landkreis Vorpommern-Greifswald betroffen: der Universitätsmedizin Greifswald, dem Herzzentrum Karlsburg, dem Krankenhaus Wolgast und der BDH-Rehaklinik in Greifswald. Der Keim könnte sich durch Verlegungen von Patienten zwischen diesen Häusern ausgebreitet haben. Weitere der insgesamt 36 Krankenhäuser und 59 Reha-Kliniken im Land haben bisher keine Fälle gemeldet.

6. Was tun die betroffenen Krankenhäuser und Kliniken jetzt?

Besonders in der Unimedizin Greifswald, wo der Erreger am 17. September zuerst nachgewiesen worden ist, laufen derzeit umfangreiche Maßnahmen, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern. So müssen Patienten, die neu zur Behandlung aufgenommen werden, je nachdem ob sie einer entsprechenden Risikogruppe angehören, eine mikrobiologische Voruntersuchung über sich ergehen lassen.

Auch Patienten, die vor einer Entlassung stehen, werden auf MRGN-Bakterien untersucht. „Dazu gibt es einen Tupfer in den Po, weil diese Bakterien nun mal im Darm vorkommen“, sagt Hygiene-Experte Hübner.

Mit diesem Screening sollen die Wege kontrolliert werden, auf denen der Keim ins Klinikum hinein- oder herausgelangen kann. Zusätzlich werden derzeit nur Patienten verlegt, wenn dies unbedingt erforderlich ist und dann nur nach einer entsprechenden Voruntersuchung auf eine mögliche MRGN-Belastung.

7. Welche Auswirkungen haben die umfangreichen Voruntersuchungen auf den Klinikalltag?

An der Universitätsmedizin Greifswald greift derzeit ein Notprogramm. Dort werden jeden Tag zwischen 50 und 100 Patienten neu aufgenommen, die nun zum Teil aufwändig auf MRGN überprüft werden müssen. Hinzu kommen die Patienten aus der Notaufnahme.

Die besonders empfindlichen Patienten auf den vier Intensivstationen der Uniklinik werden zurzeit zweimal pro Woche gesondert getestet. Damit kommen pro Tag mehrere hundert Laborproben zusammen. Je nach Dringlichkeit und Labormethode steht ein Ergebnis nach einem Tag oder bereits 45 Minuten fest.

Der große, auch personelle Aufwand führt dazu, dass die Kapazität der Intensivstationen in Greifswald aktuell lediglich bei 80 Prozent des üblichen Levels liegt. So lassen sich die vorhandenen Patienten intensiver vor dem Erreger abschirmen. Die Bettenkapazitäten sind entsprechend verringert worden. Zudem könnte es passieren, dass geplante OPs verschoben werden.

8. Wird die Zahl der betroffenen Patienten weiter steigen?

Damit ist zu rechnen, weil durch die intensiven mikrobiologischen Voruntersuchungen insbesondere in Greifswald viel mehr Menschen auf MRGN-Bakterien überprüft werden. Allein deshalb ist anzunehmen, dass die erfassten Fallzahlen weiter steigen werden. Laut Hübner könnte Ende dieser Woche absehbar sein, ob es gelingt, die Ausbreitung mit den getroffenen Maßnahmen zu stoppen.

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Von Benjamin Fischer

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