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Nachrichten MV aktuell Das sagen Wolgaster zum Wahlsieg der AfD
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11:13 28.05.2019
Eine Luftaufnahmen der Klappbrücke in Wolgast. Quelle: Tilo Wallrodt
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Wolgast

„Endlich kommt frischer Wind in die Stadtvertretung. Es hätten sogar noch ein wenig mehr Stimmen sein können“, freut sich Forstwirt Michael Lange. „Das ist eine Katastrophe“, beklagt Elke Krugel. Einen Tag nach der Kommunalwahl sind die Meinungen in Wolgast gespalten. Mit 19,2 Prozent der Stimmen ist die AfD die stärkste Partei der Stadt geworden. Statt bisher nur mit einem Sitz werden sie künftig mit fünf Sitzen in dem Gremium vertreten sein. Damit erkämpft sich die Partei genauso viele Sitze wie die CDU und die Wählergemeinschaft Kompetenz für Wolgast. Die CDU landete mit 18,5 Prozent der Stimmen auf dem zweiten Platz.

Die Wirtschaftskraft von Wolgast speist sich nur zu einem Prozent aus Gastronomie und Hotellerie. Hinter der Brücke, auf der Insel Usedom, ist das Verhältnis umgekehrt. Bilder aus der 13 000-Einwohner-Stadt.

Elke Krugel lebt im Wolgaster Eigenheimgebiet Tannenkamp. Dort erzielte die AfD Spitzenwerte von 20,2 Prozent. „Die Leute sind eindeutig frustriert und überlegen sich bei ihrer Wahl nicht viel“, sagt eine Nachbarin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Das Wahlergebnis hätte sie wirklich schockiert. Denn eigentlich dürfte gerade in ihrem Viertel niemand unzufrieden sein.

Frustration in der Bevölkerung

Warum es dennoch so ist, kann Krugel sich vorstellen: „Es passiert hier nichts“, meint die Altenpflegerin. Ob die Krise auf der Peene-Werft, der schlechte Ruf des Krankenhauses oder die unbelebte Innenstadt – Gründe, frustriert zu sein, hätten die Einwohner einige. Dass die AfD daran etwas ändern könnte, glaubt sie allerdings nicht. „Was mich aber freut, ist, dass die Beteiligung an dieser Wahl so hoch gewesen ist“, sagt die 58-Jährige.

Im Vergleich zur Stadtvertreterwahl im Jahr 2014 hätten sich knapp zehn Prozent mehr an der Abstimmung beteiligt, bestätigt Bürgermeister Stefan Weigler (parteilos). „48,6 Prozent der Wolgaster haben gewählt“, sagt er zufrieden. Dass die AfD gleich vier Plätze mehr in der Stadtvertretung bekommen wird, überrascht ihn dabei nicht. Aufgrund der Missstimmungen in der Bevölkerung sei das abzusehen gewesen.

Fehlende Kommunikation mit Bürgern

„Wir hätten uns natürlich ein anderes Ergebnis gewünscht, müssen uns nun aber auch fragen: Welche Fehler haben wir gemacht“, sagt Weigler. Ein Problem sei sicherlich, dass alle Versammlungen der Stadtvertreter bisher unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden haben. Die Gründe seien unter anderem fehlende Barrierefreiheit und Platzmangel. Abhilfe bringe erst das neu geplante Rathaus. Fehlende Öffentlichkeit sorge für fehlendes Verständnis bei den Bürgern für Entscheidungen der Stadtvertretung. „Einiges hängt aber auch klar von den Gefühlslagen ab. In Wolgast ist nicht so alles schlecht, wie es wahrgenommen wird.“

Ein häufiger Kritikpunkt sei der Leerstand in der historischen Innenstadt. Erst kürzlich aber habe Weigler drei neue Läden miteröffnet. „Außerdem sinkt die Arbeitslosigkeit in Wolgast in diesem Sommer erstmals unter fünf Prozent“, sagt der Bürgermeister. Daher könnten nicht alle AfD-Wähler auch Frustwähler gewesen sein. Wie es in der neuen Konstellation in der Stadtvertretung weitergehen wird, bleibe abzuwarten. „Ich bin offen und hoffe, dass ein gemeinsamer Weg gefunden wird.“

Diesen mitgestalten wird unter anderem Henry Kammel, Spitzenkandidat der AfD in Wolgast. „Das Ergebnis ist super“, sagt der 51-Jährige. Endlich hätten die Leute gemerkt, dass in seiner Partei auch ganz normale Menschen seien – so wie er. In seinem Computerladen in der Feldstraße 6 möchte er bald mit Mitbürgern über seine Stadt ins Gespräch kommen. „Ich strebe keine große Politik an, sondern möchte Sacharbeit machen“, sagt der gebürtige Wolgaster. Um die Innenstadt lebendiger zu machen, hat er bereits eine Idee: Entgegen der Umgehungsstraße möchte er den Urlaubsverkehr wieder durch die historischen Gassen lenken. „Zurück zu den Wurzeln sozusagen“, erklärt Kammel. Wie genau das umgesetzt werden soll, wisse er aber noch nicht.

AfD im Zugzwang

Forstwirt Michael Lange hat er mit seinem Wahlprogramm trotzdem überzeugt: „Wir wurden lange genug belogen und betrogen“, sagt der 41-Jährige. Ständig ginge es nur um die Integration von Ausländern. Die eigenen Kinder blieben dabei auf der Strecke. Lange setzt nun alle seine Hoffnungen in die AfD.

In der Plattenbausiedlung Wolgast-Nord hätte sich eine 24-jährige Altenpflegerin, deren Name nicht genannt werden soll, einen Sieg der Grünen gewünscht. „Mich haben nicht nur die hohen Ergebnisse der AfD überrascht, sondern auch die der CDU“, sagt sie. Akute Probleme gäbe es ihrer Meinung nach in Wolgast nicht.

Ungeachtet der unterschiedlichen Meinungen betont Bürgermeister Stefan Weigler: „Die Wähler haben den Parteien einen Auftrag gegeben, auch der AfD.“ Nun müsse sie beweisen, was sie von ihren Versprechen auch umsetzen kann. In fünf Jahren werde abgerechnet.

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