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MV aktuell Das vertauschte NSU-Opfer: Vom Leben eines Totgesagten
Nachrichten MV aktuell Das vertauschte NSU-Opfer: Vom Leben eines Totgesagten
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10:28 10.06.2013
Sie sagten, eigentlich hätte es mich treffen sollen.“ Yunus Turgut, Bruder des NSU-Opfers Mehmet
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Rostock

Wenn man Yunus Turgut gegenübersteht, fällt es schwer zu glauben, dass er tot sein soll. Erschossen am 25. Februar 2004 in Rostock, von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, den Terroristen des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU). Yunus Turgut wurde 25 Jahre alt. So jedenfalls standt es in den Akten der deutschen Sicherheitsbehörden.

Doch Yunus Turgut lebt. Er ist Bauer in Kayalik (OZ berichtete). Das kurdische Dorf liegt weit oben in den Bergen Ostanatoliens, 150 Menschen leben dort. In einem einfachen Bauernhaus empfängt Yunus und erzählt aus seinem Leben. Es ist die Geschichte eines brutalen Mordes und einer folgenschweren Verwechslung. Und eine Geschichte vom Umgang der deutschen Bürokratie mit der Realität einer kurdischen Bauernfamilie. Sie beginnt Anfang der 80er Jahre.

Als Yunus‘ Vater Hanifi für seine Söhne Kinderpässe beantragt, vertauschen die türkischen Behörden die Geburtsdaten. Als die Jungen alt genug sind und nun Bilder in ihren Ausweisen kleben, beschließen sie, die Pässe einfach zu tauschen. Es weiß doch jeder im Dorf, dass Yunus in Wirklichkeit der zwei Jahre jüngere Mehmet ist. Zum Problem wurde es erst in Deutschland.

„Drei Männer pro Haus sind damals nach Deutschland gegangen“, sagt Yunus Turgut. Mehmet und er waren zwei von ihnen. Zweimal war sein Bruder Mehmet illegal in Deutschland. Er wird abgeschoben. Nach seinem dritten Versuch kommt er in einem Sarg zurück. Er wurde das fünfte Opfer des NSU, aber das wussten die Behörden damals nicht. Sie hatten Kurden im Verdacht, türkische Nationalisten, Drogendealer.

Auch Yunus lebte damals in Rostock. Die deutschen Behörden werden ihn später verhören. „Sie sagten, eigentlich hätte es mich treffen sollen. Nur wegen der Namensverwechslung sei Mehmet von Auftragskillern ermordet worden.“

Als die Polizei nach Kayalik kam und die Bewohner verhörte, fingen die Leute an zu reden. An Mehmets Unschuld glaubte bald nur noch seine Familie. Seitdem bekannt ist, wer Mehmet wirklich getötet haben soll, ist die Familie erleichtert. Jetzt weiß das ganze Dorf, dass Mehmet kein Krimineller war.

Den Prozess in Deutschland will Yunus nicht besuchen, obwohl er Nebenkläger ist. Ohnehin glaubt er nicht daran, dass der Prozess die Hintergründe der Morde aufklären kann. Der sonst so ruhige 36-Jährige redet sich in Rage. „Deutschland ist ein modernes, hochentwickeltes Land. Wie konnte es diese Morde nicht aufdecken?“

Es gibt aber auch jemanden in Deutschland, dem die Turguts dankbar sind: Barbara John, Ombudsfrau der Bundesregierung für die NSU-Opfer. Sie steht den Familien in der Türkei zur Seite. Die Turguts haben eine Entschädigung bekommen, die Eltern je 10 000 Euro, die Geschwister je 5000. Mustafa, mit 19 Jahren Jüngster von den fünf Turgut-Geschwistern, hat Barbara Johns Angebot angenommen und ist seit Anfang Mai in Deutschland. Er wird Yunus später erzählen, wie es war, der mutmaßlichen Komplizin der Mörder seines Bruders in die Augen zu schauen.

Nuri Almak

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