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MV aktuell Deponie: Nachbarn erhöhen Druck auf MV
Nachrichten MV aktuell Deponie: Nachbarn erhöhen Druck auf MV
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20:07 21.01.2019
Schleswig-Holsteins Umweltminister Jan Philipp Albrecht (r.) und Deponie-Geschäftsführer Norbert Jacobsen Quelle: FOTO: Roeßler
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Selmsdorf

Schnee lässt den Giftmüllberg in Selmsdorf harmlos aussehen. Er wäre ein prima Rodelberg, findet Hans-Thomas Sönnichsen, Aufsichtsratschef der Ihlenberger Abfallentsorgungsgesellschaft (IAG). „Eine Sommerrodelbahn“, das wär's, sagt er. Später mal. An diesem Tag peitscht der eisige Wind am höchsten Punkt des Müllbergs 118 Meter über dem Meeresspiegel. Die Stimmung ist aufgeheizt. Rund 20 Gäste sind da: der Umweltausschuss der Nachbarstadt Lübeck, der Umweltminister Schleswig-Holsteins. Später wird Jan Philipp Albrecht (Grüne) sagen: Die Deponie sollte früher geschlossen werden. Zu groß sei die Angst der Menschen vor austretenden Giftstoffen.

In Schleswig-Holstein hat der Giftmüllberg im mecklenburgischen Selmsdorf für viel Aufregung gesorgt. Keine 20 Kilometer sind es bis Lübeck. Er fürchte, dass Giftstoffe über das Grundwasser bis zur Trave gelangen, erklärt Rolf Tetzlaff, ein Lübecker Arzt. „Die nächsten Generationen werden uns verfluchen.“ Minister Albrecht schrieb im Dezember einen Brief an die Ministerien für Wirtschaft und Umwelt in Schwerin. Nach den Nachrichten von überhöhten Werten wolle er sich selbst überzeugen. Am Montag steht der 36-Jährige dick eingemummelt im Wind. Die IAG-Chefs Beate Ibiß und Norbert Jacobsen führen herum. Sie zeigen Sickerwasserfilteranlage, Labor, den Müllberg. Botschaft: Die Anlage sei sicher, arbeite rechtlich einwandfrei. 21 Millionen Kubikmeter Müll seien abgelagert. Aus dem Sickerwasser des Müllbergs werde 93 Prozent Wasser gewonnen, sagt IAG-Abteilungsleiter Holger Erdmann. „Wie Mineralwasser.“ Die Reststoffe würden die Anlage verlassen.

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Kontrollsystem vielfältig

Minister Albrecht will mehr wissen. Ein Teil der Deponie, die zu DDR-Zeiten im Sperrgebiet angelegt wurde, um Müll gegen Devisen zu tauschen, verfügt nicht über die Basisabdeckung, die heute Standard ist. Eine fünf Meter dicke natürliche Barriere aus Ton soll verhindern, dass Gifte ins Wasser eindringen. Wäre dies doch der Fall, würde man es merken, sagt IAG-Geschäftsführer Jacobsen. Das Kon­trollsystem sei vielfältig.

Kritische Fragen musste IAG-Geschäftsführer Norbert Jacobsen beantworten, darunter auch die von den MV-Grünen Claudia Schulz (von l.) und Claudia Müller (2.v.r.). Quelle: Frank Pubantz

In die Schlagzeilen geriet die Deponie kürzlich, nachdem Stefan Schwesig, der Mann der Ministerpräsidentin und früherer IAG-Controller, einen Prüfbericht verfasste. Bei Müll aus Italien etwa seien Werte überschritten. Gutachter sagten was anderes: nach Deponierecht alles in Ordnung. Politisch gilt das nicht. Zwischen den Schweriner Koalitionären SPD und CDU brodelt es. Daher ist schon Minister Albrechts Besuch ein Statement. Im alten Teil der Deponie, der sich in Stilllegung befindet, bestünden „ganz offensichtlich Unklarheiten“, sagt er. „Das ist beunruhigend und muss dazu führen, dass man die Bedenken sehr ernst nimmt.“ Positiv sehe er die Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts Greifswald, das für eine Abdichtung eine Umweltverträglichkeitsprüfung fordert. „Ich begrüße, dass die Regierung in Mecklenburg-Vorpommern eine frühere Schließung der Deponie in Betracht zieht“, so Albrecht. Bislang sollte es 2025 bis 2035 soweit sein.

Was aber dann? Irgendwo müsse der Giftmüll hin, argumentiert IAG-Chef Jacobsen. Schließlich sei Ihlenberg für ganz Norddeutschland Anlaufstelle. Geld wäre da, um den Berg zu versiegeln. Aber nicht, um ihn bis 2090 unter Kontrolle zu halten. Die Deponie müsse so oder so noch länger betrieben werden. Die Gäste überzeugt das nicht. Claudia Müller, Grünen-Bundestagsmitglied aus Stralsund, erklärt: Es müsse alles getan werden, „dass es wenig Auswirkungen auf die Umwelt gibt“. Grünen-Landeschefin Claudia Schulz deutlich: „Die Unklarheiten werden bleiben, gerade durch die Altlasten aus der DDR. Die Deponie muss schnellstmöglich geschlossen werden.“

Proben gab es im Dezember 

Für Aufsehen sorgte kürzlich ein erhöhter Tritiumwert im Sickerwasser der Deponie. 427 Becquerel stellte das Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie in MV fest. Naturschutzbund BUND und Bürgerinitiative mutmaßten: Es müsse wohl erneut radioaktives Material angekommen sein. „Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ schließt IAG-Geschäftsführerin Beate Ibiß dies aus. Im Dezember gab es eine erneute Probe. Ergebnis: 188 Becquerel. Die Schlussfolgerungen von Kritikern seien „insofern inkorrekt“.

Die Landesregierung in Schwerin erklärt: Mitte des Jahres solle ein Konzept zur Zukunft der Deponie vorliegen. Ein Sonderbeauftragter, der in Selmsdorf alles unter die Lupe nimmt, habe die Arbeit aufgenommen.

Hier lesen Sie den Kommentar zum Thema.

Frank Pubantz

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