Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
MV aktuell Der Kapitän im Mähboot
Nachrichten MV aktuell Der Kapitän im Mähboot
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:00 18.11.2017
Armin Rohrbeck (50) auf der Recknitz in der Nähe von Liepen mit seinem Mähboot. Quelle: Norbert Fellechner
Anzeige
Tessin

Die Mengen sind beträchtlich. Gut 100 Tonnen Pflanzen hat Armin Rohrbeck in diesem Herbst aus der Recknitz geholt. Vor allem Schilf, Seegras, Igelkolben und Wasserpest, aber auch Seerosen. Südlich von Tessin (Landkreis Rostock) mäht der Diplom-Agraringenieur im Auftrag des Staatlichen Amtes für Landwirtschaft und Umwelt (Stalu) zweimal im Jahr einen zehn Kilometer langen Abschnitt. „Einige Stellen sind manchmal so zugewuchert, dass man vom Fluss kaum noch etwas sieht“, sagt Rohrbeck.

Ohne diese Art der Gewässerpflege würde die Recknitz – wie andere Flüsse, Gräben und Bäche – zuwachsen. Laut Schweriner Agrarministerium gibt es in Mecklenburg-Vorpommern mehr als 42400 Kilometer Fließgewässer. Für deren „Unterhaltung“, wie es im Amtsdeutsch heißt, sind die Staatlichen Ämter oder örtliche Wasser- und Bodenverbände zuständig. Es gehe dabei um „ordnungsgemäßen Wasserabfluss und ökologische Funktionsfähigkeit“, betont Ministeriumssprecherin Martina Plothe.

Anzeige

„Wenn das Wasser nicht abfließt, drückt es in die angrenzenden Flächen oder die nächste Kanalisation. Wiesen stehen unter Wasser, in den Orten laufen Keller voll“, weiß Armin Rohrbeck.

Nach starkem Regen wie im Oktober war das an der Peene besonders zu spüren. „Mehrere hundert Hektar konnten nicht mit Winterweizen bestellt werden, weil die Ackerflächen durch den Rückstau nicht befahrbar waren“, berichtet Heike Müller vom Bauernverband in Malchin.

Armin Rohrbeck meint, dass er an der Recknitz „sein Bestes gibt“. Der 88 Kilometer lange Grenzfluss zwischen Mecklenburg und Vorpommern, der bei Ribnitz-Damgarten in den Saaler Bodden mündet, ist bei Tessin knapp 20 Meter breit und 1,60 Zentimeter tief. Der studierte Landwirt wird zum Kapitän: Die Gewächse an Grund und Böschung der Recknitz kürzt er mit einem kleinen Mähboot. 4,5 Meter lang und 1,60 Meter breit ist das Schiffchen, das der gebürtige Rüganer bei einem holländischen Hersteller kaufte. Das größte an dem eigentümlichen Gefährt ist das Mähwerk – ein zwei Meter breites Doppelmesser-Schneidwerk.

Im Frühjahr stehen Rohrbecks Ein-Mann-Firma fürs Mähen zwei Wochen zur Verfügung, im Herbst braucht er etwa doppelt so lange. Pro Jahr kommen da bis zu 230 Tonnen „Kraut“ zusammen, wie die Landwirte die Wassergewächse etwas lieblos nennen. Mit einem Bagger, den er sich in der Nachbarschaft mietet, hebt der Unternehmer das Grünzeug aus dem Wasser und häuft es für den Abtransport ins Kompostwerk auf. „Wenn die Pflanzen im Wasser verrotten, bildet sich Schlamm. Dann steigt der Nährstoffgehalt im Wasser“, weiß der 50-Jährige. „Das Ökosystem kann kippen – bis zum Fischsterben.“

Wie wichtig die Gewässerpflege ist, zeige sich in Jahren mit viel Niederschlag ganz besonders, heißt es beim Landesbauernverband in Neubrandenburg. Christian Ehlers vom Bauernverband Nordvorpommern wird drastisch: „Wo das Wasser nicht abläuft, säuft der Aufwuchs ab.“ Die Bauern hätten Nachteile davon, wenn im Frühjahr wegen des Naturschutzes das „Krauten“ sehr spät beginnt. „Wenn die Wiesen zu nass sind, fehlt das Futter“, so Christian Ehlers. Seine Forderung: „Der Abfluss muss Priorität haben.“

Die Geschäftsführerin des Malchiner Regionalverbandes, Heike Müller, sieht das genauso. „Weil die späte Krautung ab Mitte Juli den Abfluss verhindert“, gebe es an der oberen Peene seit Jahren Probleme. „Der Termin ist viel zu spät“, meint Müller. In diesem Sommer habe der viele Regen zur Überflutung großer Grünlandflächen geführt. „Die Futtergrundlage für mehrere Milchviehbetriebe ist komplett ausgefallen“. Auch Tiere leiden unter den nassen Weiden. Bei Jungrindern sei erstmals ein Befall mit Pansenegeln festgestellt worden, durch den mehrere Tiere starben.

Burkhard Roloff von der Umweltorganisation BUND gibt den Bauern darin recht, dass drainierte Fließgewässer „gut reguliert“ werden sollten. Ihm geht es jedoch nicht nur darum, das Wasser aus den Agrarflächen abzuleiten. „Wasser ist wertvoll, das darf nicht einfach den Bach runtergehen.“ In Zeiten des Klimawandels sei es wichtig, das „Regenwasser, das vom Acker ja auch Nährstoffe mitbringt, über die Wehre zu stauen“. Fehlt bei Sommertrockenheit dann Niederschlag, könne das Wasser in die Wiesen zurückgeführt werden. Roloff spricht von „doppeltem Effekt“: Wenn Nährstoffe nicht „den Bach runter gehen“, sinkt die Belastung der Ostsee , Agrarbetriebe könnten außerdem Dünger sparen. Allerdings: „Die Mähtermine müssen stimmen, um geschützte Arten nicht zu gefährden“, meint Roloff. Das Laichen der Fische, die Eiablage von Insekten und das Brüten der Vögel dürfe nicht gestört werden.

Gewässerreiches Mecklenburg-Vorpommern

42410 Kilometer Fließgewässer gibt es in Mecklenburg- Vorpommern. Laut Schweriner Agrar- und Umweltministerium sind davon 1523 Kilometer Gewässer Erster Ordnung und 40887 Kilometer Gewässer Zweiter Ordnung.

Für erstere ist das Land über seine Staatlichen Ämter für Landwirtschaft und Umwelt zuständig, für die zweite Gruppe sind es 27 regionale Wasser- und Bodenverbände.

Ziel sei die Sicherung des Wasserabflusses sowie die ökologische Funktionsfähigkeit des Gewässers als Lebensraum von wildlebenden Tieren und Pflanzen. Art und Umfang der Pflege richten sich u.a. nach dem Krautwuchs, der von Temperatur und Nährstoffgehalt des Wasser abhängig ist.

Elke Ehlers