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MV aktuell Der Tod ist sein Handwerk
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05:00 26.01.2019
Andre Kuschel liebt seinen neuen Beruf. Vorher arbeitete er jahrelang als IT-Kaufmann. Quelle: Frank Hormann/Nordlicht
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Wismar

So begeistert wie Andre Kuschel von seinen Beruf erzählt, könnten Zuhörer reihenweise ins Mitschwärmen verfallen. „Es geht davon viel Faszination aus“, sagt der 32-Jährige aus Wismar. Es sei genau die Art von Arbeit, die er immer machen wollte und nach der er sich lange gesehnt habe. Dabei fällt seine Profession nicht zwangsläufig in die Kategorie „total angesagter Traumjob“. Kuschels Broterwerb ist es, Leute unter die Erde zu bringen. Berührungsängste vor Leichen hat er keine. „Andere mag das ekeln, mich aber überhaupt nicht. Ich habe auch mit strengen Gerüchen kein Problem“, sagt er.

Seit einem Jahr macht Andre Kuschel eine Ausbildung zum Bestatter. In seinem Leben davor arbeitete er als IT-Kaufmann. Er pendelte nach Hamburg, verdiente nicht schlecht, fühlte sich dabei aber stets ein bisschen fremd. Als er seinen Job verlor, betrachtete er das als Chance und entschied sich für den großen Schnitt. Erst machte der Mann mit dem rotbraunen Bart und dem gewinnenden Lächeln ein Praktikum und fing als Lehrling ganz von vorn an. Warum ausgerechnet Bestatter? „Die Männer in Schwarz fand ich schon immer interessant“, sagt Kuschel. Ein Moment, als diese Faszination in ihm geweckt wurde, war der Tod seines Vaters. Er war noch ein Kind, und da kamen diese elegant gekleideten Herren in die Wohnung und taten genau das Nötige: Ruhe und Sicherheit ausstrahlen.

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Keine Beerdigung kann wiederholt werden

Kuschel gefällt die große Verantwortung, die er jetzt hat. „Jede Beerdigung gibt es nur einmal“, sagt er. Geht etwas schief, kann es nicht wiederholt werden. Und zugleich ist die Bestattung ein wichtiges Ereignis für die Angehörigen, weil sie das letzte Bild, das der Verstorbene hinterlässt, mitbestimmt. Kuschels Chef Boris Bansemer von der Wismarer Firma Abendfrieden ist nur vier Jahre älter als sein Lehrling, auf den er große Stücke hält. Der sei ein echtes Naturtalent, von denen es nur wenige gebe.

20 Prozent Umsatzplus in sechs Jahren

Die Branche steckt in einer merkwürdigen Situation: Einerseits geht es den 114 Bestattern in MV so gut wie nie zuvor. Die demografische Entwicklung – immer mehr Ältere, viel weniger Junge – bringt jede Menge Nachfrage. Allein von 2010 bis 2016 stieg der Gesamtumsatz aller Betriebe im Bundesland um 20 Prozent auf 42 Millionen Euro an. Andererseits fehlen, wie fast überall, Fachkräfte, die die Arbeit machen. Die meisten Bewerber haben vollkommen falsche Vorstellungen, sagt Boris Bansemer: „Viele denken, sie müssten nur im Auto sitzen und den Sarg abliefern.“ Was aber nur einen Bruchteil des Alltags ausmacht. Zu dem gehören auch schwierige Gespräche mit Angehörigen und das Waschen von Leichen. Auch Muskelkraft schadet nicht. Boris Bansemers persönlicher Rekord liegt bei 330 Kilo. So viel wog eine Verstorbene, die er mit nur einem Kollegen mitsamt Sarg aus dem ersten Stock unfallfrei ins Auto bugsierte.

Eine Urne im Büro der Abendfrieden Bestattungen GmbH Wismar, dem Ausbildungsbetrieb von Andre Kuschel. Quelle: Frank Hormann

„Das sind engagierte, junge Leute“

„Das sind sehr engagierte, junge Leute, die sich für eine Ausbildung in dem Beruf entscheiden“, sagt Torsten Lange vom Bestatterverband MV. Die Ausbildung gibt es erst seit zwölf Jahren, geprüfte Fachkräfte sind die Ausnahme unter den Männern – und zunehmend auch Frauen – in Schwarz. Drei bis vier Lehrlinge fangen jedes Jahr neu an. „Jeder, der ein Gewerbe anmeldet, darf sich Bestatter nennen“, sagt Lange. Ginge es nach ihm, wäre es damit bald vorbei, die Ausbildung würde zur Pflicht. Das Gewerbe sorgt auch immer mal wieder für negative Aufmerksamkeit, zuletzt vor einigen Wochen, als Urnen aus Greifswald in Holland an den Strand gespült wurden, anstatt für immer in der Nordsee zu verschwinden.

Neuer Trend: Natürlich verwesen

Andre Kuschel hat schon einiges erlebt, was andere in die Flucht treiben würden. Zum Beispiel Tote abholen, die zwei oder drei Monate unentdeckt in ihrer Wohnung lagen. „Medizinisch ist es sehr interessant zu sehen, was mit dem Körper passiert“, sagt Kuschel. Er würde seinem Gewerbe gerne ein freundlicheres Image verpassen. Noch sei der Tod ein Tabu, mit dem keiner etwas zu tun haben möchte. „Aber er ist bei jedem von uns ein Teil des Lebens“, erklärt der Nachwuchs-Bestatter, der sich für neue Trends wie die sogenannte natürliche Beisetzung interessiert. Bei dieser Methode, die vor allem Anhänger in den USA hat, wird die Leiche (in einem gesicherten Areal) einfach nur abgelegt und dem natürlichen Verfall überlassen, und weder verbrannt noch vergraben. Kuschel will außerdem alles über Thanatopraxie lernen. Das ist das Handwerk, mit dem Körper für die Aufbahrung präpariert und schön gemacht werden. „Das wird viel zu wenig gemacht“, sagt Kuschel. Gut aussehen bis zum Schluss ist schließlich nicht unwichtig.

Gerald Kleine Wördemann

26.01.2019
25.01.2019