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MV aktuell Die Pfunde sollen weg bei Adipositas-Patienten
Nachrichten MV aktuell Die Pfunde sollen weg bei Adipositas-Patienten
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04:00 27.02.2018
Claudia Ertelt (r.) will abnehmen und vertraut sich Dr. Simone Gärtner an. Quelle: Mathias Otto
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Greifswald

„Der Wille ist da, nur das Fleisch ist schwach.“ Mit diesen Worten stellte sich Andreas Prager (55) aus Trassenheide den Gruppenmitgliedern vor. Gemeinsam wollen sie abnehmen und haben sich „MV speckt ab“ angeschlossen – einem gemeinsamen Projekt der OSTSEE-ZEITUNG und des Klinikums Karlsburg, das nun startet. Auch die Universitätsmedizin Greifswald ist dabei.

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Den Willen zum Abnehmen haben die neun Teilnehmer der Aktion in Vorpommern, die konkrete Motivation sollen sie in den nächsten Wochen ausprägen. Das Stichwort: Selbstständigkeit. „Wir legen großen Wert auf die Schulung des Patienten, um seine Eigenverantwortlichkeit zu stärken. Wichtig sind die Ernährungsberatung, die Bewegungstherapie und natürlich die medikamentöse Therapie“, erklärt Dr. Heike Kaiser. Sie weiß, welche Faktoren zum Diabetes Typ II führen: Rauchen, Übergewicht, mangelnde Bewegung und hoher Blutdruck. „Diese Faktoren hat man selbst in der Hand und kann sie beeinflussen“, sagt die Diabetologin.

Für Adelheid Brechlin hat die OZ-Aktion große Bedeutung. Sie hatte bereits einen Herzinfarkt. Regelmäßig muss sie jetzt Medikamente einnehmen. „Ich möchte, dass ich die Anzahl der Tabletten reduzieren oder sie sogar ganz weglassen kann. Deshalb habe ich mich angemeldet“, sagt die 56-Jährige. Für die Frau aus Hohensee bei Wolgast besonders wichtig: „Ich möchte meine Ernährung umstellen und bin deshalb auf der Suche nach alltagstauglichen Gerichten.“

Sie wird zusammen mit Ehemann Heino (56) zu den Gruppensitzungen gehen. Er hatte schon einmal versucht, abzunehmen. 29 Kilo hat er einst verloren. „Aber man muss konsequent bleiben, sonst fängt man wieder an, fauler zu werden“, sagt er. Er hofft, dass durch das OZ-Abnehmprogramm seine Zuckerwerte wieder sinken.

Auch Gabriele Gablitzki hatte einen Herzinfarkt und muss Medikamente einnehmen, die sogar appetitanregend sind. Zudem sei Frustessen für sie kein Fremdwort. Wichtig sei ihr, dass sie durch das Programm weniger Medikamente einnehmen muss und ihren Stoffwechsel kontrollieren kann. „Hier bekomme ich die medizinische Kontrolle und kann in der Gemeinschaft abnehmen. Das könnte funktionieren“, hofft die 54-Jährige.

Warum auch psychologische Hilfe während des Kurses wichtig ist, erklärt die Psychologin Mandy Kuschel: „Wie kann ich den Alltag so gestalten, dass ich auch die Lebensgewohnheiten langfristig verändern kann? Wo ist meine Motivation? Wo sind meine Ressourcen?“ Dies seien Fragen, die sich die Teilnehmer stellen und auch beantworten sollen. Vor allem, wenn die Motivation nach Misserfolgen abnimmt, sei psychologische Hilfe für einen langfristig gesunden Lebensstil entscheidend.

Claudia Ertelt (45) aus Gransebieth bei Grimmen „möchte die Pfunde purzeln sehen“. Denn mit einem Gewicht von 130 Kilogramm fühlte sie sich nicht mehr wohl in ihrer Haut. „Früher habe ich oft Sport gemacht, heute bekomme ich durch das Gewicht kaum noch Luft und mag mich nicht bewegen“, erklärt die gebürtige Niedersächsin. Nach einer Bandscheiben-Operation muss sie zudem schmerzreduzierende Medikamente einnehmen. Ihr Blutzuckerspiegel lag bei 6,9 – der Normalwert sollte unter 5,6 Millimol pro Liter (mmol/l) liegen.

Sie vertraute sich Experten der Universitätsmedizin Greifswald an. Eine Möglichkeit, die ihr angeboten wurde, war ein chirurgischer Eingriff. „Hier arbeiten verschiedene Abteilungen eng zusammen: unter anderem Psychologen, Chirurgen, Ernährungsmediziner und Endokrinologen. Das heißt, wir beraten nach den Patientengesprächen, welche Art der Behandlung für jeden Einzelnen am sinnvollsten ist“, erklärt Ökotrophologin (Ernährungswissenschaftlerin) Dr. Simone Gärtner.

Claudia Ertelt musste nicht unters Messer. Die Fachleute von der Unimedizin wollten nach ihrem ersten Termin am 30. Juni 2017 über eine Ernährungsumstellung Erfolge erreichen. Das ist jetzt schon mehr als ein halbes Jahr her. Ergebnis: Die 45-Jährige hat bereits fast 20 Kilogramm abgenommen. Jetzt soll es weitergehen. „Ich habe früher gerne deftig gegessen, das mache ich auch noch heute – nur bewusster. Das heißt, ich versuche sooft wie möglich, die Kohlenhydrate wegzulassen. Zum Beispiel eine gut gewürzte Hühnerbrust mit gekochtem Gemüse. Dabei gibt es abends Gesundes wie Kohlrabi oder Möhren“, so die Gransebietherin. Unterstützung erhält sie von ihrer Tochter. „Sie mag das gesunde Essen auch. So machen Kochen und Abnehmen Spaß“, sagt sie.

Beim Abnehmen sind viele Dinge zu beachten. Ein halbes bis zu einem Kilogramm Gewichtsverlust pro Woche sind laut Simone Gärtner normal. „Wichtig ist auch, sich nicht gleich mit Regeln und Zielen zu überhäufen, also Abnehmen, mit dem Rauchen aufhören und Sport treiben. Man muss immer in kleinen Schritten, also langfristig denken. So wie ein Patient, der sich langfristig das Ziel gesteckt hatte, wieder in sein Motorrad-Outfit zu passen“, erklärt Simone Gärtner.

Claudia Ertelt fehlen die gemeinsamen Familienausflüge in die Freizeitparks. „Ich habe zwar schon viel Gewicht verloren, aber ich passe immer noch nicht in die Sitze der Achterbahnen. Wieder unbeschwert in Karussells sitzen können, wenn der Bügel runtergeht, das möchte ich durch das Abnehm-Programm noch unbedingt schaffen. Bis auf 100 Kilogramm muss das Gewicht also noch runter“, betont sie.

In der Unimedizin Greifswald werden zwar Übergewichtige behandelt, sogenannte Gruppentherapien, die aus Sport, Psychologie, Ernährungsberatung und medizinischer Betreuung bestehen, gibt es seit 2017 aber nicht mehr. „Wir verhandeln derzeit mit den Krankenkassen, um ein neues und strukturiertes Gruppenprogramm aufzunehmen“, erklärt Simone Gärtner.

Mathias Otto