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MV aktuell Diese Tankstelle kostete Hunderttausende – und hat in MV nur zwei Kunden
Nachrichten MV aktuell Diese Tankstelle kostete Hunderttausende – und hat in MV nur zwei Kunden
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07:44 25.05.2019
Diplom-Ingenieur Torsten Jackwitz gehört mit seinen Kollegen der Börgerender Firma Wind-Projekt zu den wenigern Kunden der Wasserstoff-Tankstelle in Rostock. Die Firma besitzt zwei Fahrzeuge mit Wasserstoffantrieb. 35 Fuel Cell. Dieser gehört zum Fuhrpark der Börgerender Firma Wind-Projekt (Landkreis Rostock). Quelle: Volker Penne
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Rostock/Stralsund

Routiniert greift sich Torsten Jackwitz die Tankkupplung, die einer größeren Zapfpistole ähnelt. Er schiebt sie auf den kleinen Metallstutzen in der Tanköffnung des Fahrzeugs. Verriegelt den Griff und drückt einen grünen Knopf unter dem Display der Zapfsäule. Nach rund zwei Minuten ist das Betanken abgeschlossen. Der Rostocker Diplom-Ingenieur (35), der bei Firma Wind-Projekt in Börgerende (Landkreis Rostock) arbeitet, schließt die Tankklappe. Das Besondere ist der Kraftstoff, den er in den Hyundai ix 35 FCEV gefüllt hat: Wasserstoff.

21,58 Euro für 2,24 Kilogramm Wasserstoff

Per Tankkarte zahlt Jackwitz 21,58 Euro für die 2,24 Kilo Wasserstoff. Maximal seien 5,6 Kilo möglich, doch er lasse sich immer eine Reserve. Denn es gibt bislang nur eine Wasserstoffstation in MV. „Aufgrund einer Reichweite von 450 Kilometern bin ich trotzdem im Land entspannt unterwegs. Dieses E-Mobil beschleunigt hervorragend und ist absolut alltagstauglich“, erklärt der Hansestädter. Den Shop der Total-Tankstelle in der Tessiner Straße in Rostock hat er übrigens gar nicht betreten.

9,50 Euro pro Kilo Wasserstoff

Wasserstoff wird in Kilogramm abgerechnet. Der Preis für ein Kilogramm Wasserstoff beträgt an allen öffentlichen H2-Tankstellen in Deutschland 9,50 Euro. Auf 100 Kilometern verbraucht ein Brennstoffzellenfahrzeug im Schnitt etwa ein Kilogramm Wasserstoff. Damit sind die Kraftstoffkosten vergleichbar mit denen für einen durchschnittlichen Benziner mit einem Verbrauch von sieben Litern.

In Deutschland müssen die Kunden den Tankstellenshop nicht besuchen. Das Bezahlen erfolgt direkt über die sogenannte H2-Live/Card.

Seit Mai 2017 ist die Wasserstoffstation in Betrieb: Und sie hält einen Rekord: Es ist die Tanke mit den wenigsten Kunden im Nordosten. Mit Abstand. Kein Wunder: Anfang 2019 waren in der Zulassungsstatistik des Kraftfahrtbundesamtes in Flensburg für den Nordosten zwei mit Wasserstoff betriebene Pkw vermerkt. Bundesweit belief sich die Zahl auf 372. Aktuell sind es insgesamt 519.

30 Tankvorgänge in vier Monaten

„Von Januar bis April dieses Jahres wurden hier 30 Tankvorgänge registriert“, erläutert Sybille Riepe. Sie ist Pressesprecherin des Betreibers – der H2-Mobility-Initiative. In diesem seit 2015 bestehenden Konsortium sind sechs Firmen – Air Liquide, Daimler, Linde, OMV, Shell und Total – vereint.

Im Klartext heißt das für die Rostocker Station: Hier betanken Geschäftsführer Carlo Schmidt und seine Mitarbeiter von Wind-Projekt die beiden Firmenfahrzeuge. Hinzu kommen ab und an Besucher aus Skandinavien oder dem Berliner Raum. Das war’s.

Die Wasserstoff-Tankstelle in Rostock ist die bisher einzige ihrer Art in MV. Es ist die Tanke mit den wenigsten Kunden im Nordosten. Torsten Jackwitz von der Börgerender Firma Wind-Projekt und seine Kollegen gehören zu den wenigen Kunden. Er zeigt, wie es funktioniert.

Trotz der ausbleibenden Kundschaft klingen die Pläne des Betreibers ambitioniert: „Wir werden bis Ende des Jahres in Deutschland 100 Tankstellen haben“, verdeutlicht Riepe. In MV soll Anfang Juni in Hagenow (Ludwigslust-Parchim) eine zweite Wasserstoffzapfsäule starten. Der Bau einer dritten Anlage befinde sich „in der Prüfungsphase“.

Da sich der Markt komplett anders entwickelt – es fehlen derzeit schlichtweg die Fahrzeuge auf den Straßen, die mit Wasserstoff betrieben werden –, hat die Initiative ab 2020 ihre Ziele neu gefasst. Demnach sollen pro Jahr bundesweit etwa 20 neue Standorte ans Netz gehen. Im Schnitt belaufen sich laut Riepe die Investitionen je Tankstelle auf 1,2 Millionen Euro.

Prof. Thomas Luschtinetz: Technolgie hat großes Potenzial

„Es ist gruselig, anschauen zu müssen, was wir Deutschen uns auf diesem Gebiet in den vergangenen Jahren geleistet haben“, betont Prof. Thomas Luschtinetz von der Hochschule Stralsund. Das Mitglied des Instituts für Regenerative Energiesysteme verdeutlicht, dass die Autoindustrie hierzulande bei der Entwicklung von Brennstoffzellensystemen keineswegs gepowert habe. In Südkorea und Japan aber werde erfolgreich geforscht und gefördert (siehe Kasten), erläutert Luschtinetz, der gleichzeitig Leiter der Wasserstofftechnologie-Initiative MV ist. Diese 2002 gegründete Vereinigung sei dabei, sich neu aufzustellen“, so der Wissenschaftler. Denn trotz aller Probleme sehen die Experten auch hierzulande großes Potenzial für diese Technologie. Allerdings brauche es vor allem bezahlbarere Autos für Privatkunden, sagt der Stralsunder Fachmann.

Wasserstoff müsse als Energieträger stärker in den Alltag integriert werden. „Bei der Umwandlung von Windstrom in Wasserstoff gehen rund 15 Prozent an Energie verloren.“ Das ist unter anderem für die Stahl- und chemische Industrie, die extrem große Energiemengen benötigten, lukrativ. Praktisch „nebenbei“ könne dann auch die emissionsfreie Mobilität stärker Fahrt aufnehmen, so Luschtinetz.

Projektentwickler Schmidt begeistert vom Wasserstoffantrieb

„Ich bin begeistert vom Wasserstoffantrieb“, verdeutlicht Diplom-Ingenieur Schmidt. Sowohl mit dem Hyundai als auch dem Toyota Mirai, die zum Fuhrpark seiner Firma gehören, seien Reichweiten von 450 Kilometern realistisch. „Diese Fahrzeuge besitzen klare Vorteile gegenüber den rein per Batterie betriebenen E-Autos“. Der Mecklenburger hat auch ein solches Modell in seinem Fuhrpark. Er sieht vor allem dessen mangelnde Reichweite, die Probleme der künftigen Entsorgung der Akkus und das zeitraubende Aufladen als Hauptprobleme.

Der Toyota Mirai ist ein Serienfahrzeug mit Wasserstoff-Antrieb, das der Hersteller Toyota hierzulande anbietet. Die Börgerender Firma Wind-Projekt besitzt ein solches Modell. Quelle: Hersteller

Hohe Fahrzeugpreise

In Deutschland sind Wasserstofffahrzeuge derzeit noch extrem teuer. So steht beispielsweise der Toyota Mirai mit 78 600 Euro in der Preisliste. „Die Förderung beträgt aktuell 20 648 Euro (brutto). Damit kostet das Fahrzeug für die Leasingberechnung 57 952 Euro (brutto)“, erläutert Andreas Lübeck, Pressesprecher von Toyota Deutschland. Die Leasingrate betrage beispielsweise bei 36 Monaten und 15 000 Kilometern pro Jahr 558 Euro (brutto).

Zum Vergleich: In Japan kostet der Mirai umgerechnet rund 56 800 Euro. Die Zuschüsse durch die Zentralregierung und die örtlichen Kommunen belaufen sich insgesamt auf mehr als 27 000 Euro.

Toyota will 30 000 Autos pro Jahr bauen

Auf die Brennstoffzelle setzt vor allem der japanische Autoriese Toyota. So sollen bis zum Jahr 2050 die durchschnittlichen CO2-Flottenemissionen der Modelle um 90 Prozent gegenüber 2010 sinken, erklärt Pressesprecher Andreas Lübeck. Der weltweite Absatz der alternativ angetriebenen Autos ist ab 2020 mit mehr als 30 000 Einheiten pro Jahr anvisiert. Zum Vergleich: Aktuell sind insgesamt weltweit 10 000 dieser Fahrzeuge des Konzerns unterwegs.

Für den Geschäftsführer der Kfz-Innung Rostock, Norbert Stark, stellt die Brennstoffzelle ein tragfähiges Konzept für die Mobilität der Zukunft dar. Bei den derzeit noch wenigen Tankstellen im Bundesgebiet aber müsse sich der Kraftfahrer verhalten wie ein „angepflocktes Haustier“.

Gespannt blicken in diesem Zusammenhang nicht nur die Autofachleute auf die Vorbereitung der Olympischen und Paralympischen Sommerspiele 2020 im Großraum Tokio. „Es werden die Wasserstoffspiele. Ob Pkw, Shuttle für die Aktiven, Busse oder Lkw – sie alle sollen mit Wasserstoff betankt werden“, blickt Lübeck voraus. Den Durchbruch dieser Technik erwartet man im Bereich der Schwerlasttransporte. „Außer bei den Kleinstwagen, wo die Tanks quasi die Fahrzeugdimension sprengen, ist die Brennstoffzelle eine Option für alle Fahrzeugreihen“, so der Toyota-Sprecher.

Zukunftslösung gerade für Flächenland

Auch der Verband der Internationalen Kraftfahrzeughersteller e. V. betont die Bedeutung des Wasserstoffantriebs in der Zukunft. „Kurze Tankzeiten, hohe Reichweiten und geringes Gewicht sind wichtige Argumente für die Brennstoffzelle“, sagt VDIK-Präsident Reinhard Zirpel. Für ihn ist die Technologie gerade in einem Flächenland wie MV, in dem Kunden größere Strecken zurücklegen, „eine echte Zukunftslösung“.

Gut denkbar also, dass es in absehbarer Zeit auch an der Rostocker Wasserstofftankstelle mit der Ruhe vorbei sein könnte.

DHL Express und der Elektronutzfahrzeug-Hersteller StreetScooter entwickeln gemeinsam mit Ford den neuen E-Transporter „H2 Panel Van“. Quelle: Deutsche Post

E-Transporter mit Brennstoffzelle

Beim Green Tech Festival in Berlin haben am Freitag DHL Express und der Elektronutzfahrzeughersteller StreetScooter ihre Zusammenarbeit bei der Entwicklung eines neuen Elektrotransporters bekanntgegeben. Der neue „H2 Panel Van“ wird der erste serienmäßige 4,25 Tonnen-Elektrotransporter sein, dessen Antrieb während der Fahrt von einer Brennstoffzelle mit zusätzlicher Energie versorgt wird und dadurch Reichweiten von bis zu 500 Kilometern erzielen kann. DHL Express hat in einem ersten Schritt 100 dieser Brennstoffzellenfahrzeuge bestellt, deren Auslieferung in 2020 starten und 2021 abgeschlossen sein soll.

Mehr zum Thema: Zweite Wasserstoff-Tankstelle in MV – Ein Schildbürgerstreich? Ein Kommentar unseres OZ-Redakteurs Volker Penne.

Volker Penne

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