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MV aktuell Dietlind Glüer: Diese Frau stand an der Spitze des Umbruchs in Rostock
Nachrichten MV aktuell Dietlind Glüer: Diese Frau stand an der Spitze des Umbruchs in Rostock
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16:33 09.11.2019
Dietlind Glüer (82), hier vor der Marienkirche, gehört zu den wichtigsten Akteuren der friedlichen Revolution in Rostock. Quelle: Dietmar Lilienthal
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Rostock

Ihr ehemaliger „Kollege“ Joachim Gauck hat sie einmal als „Mutter der Rostocker Demokratie“ bezeichnet. Dietlind Glüer (82) winkt lachend ab: „Nein, nein, so sehe ich mich nicht.“ Klar, für demokratische Veränderungen in ihrer Stadt sei sie im Herbst 1989 vehement eingetreten. Aber eine solche Hauptrolle, wie sie ihr Gauck und auch andere Mitstreiter zuerkennen, „die nehme ich nicht für mich in Anspruch“.

Führend am Umbruch beteiligt

Und trotzdem: Im Herbst 1989 ist Dietlind Glüer in Rostock führend an den Umwälzungen der friedlichen Revolution beteiligt. Ihr Name taucht immer wieder auf Dokumenten des Neuen Forums und der Kirche auf. Bei den wichtigen Ereignissen in der Stadt steht sie mit an der Spitze.

Ein wichtiges Datum in Rostock ist für sie die erste Fürbittandacht am 5. Oktober in der Petrikirche. Die etwa 700 Teilnehmer setzen sich für in Leipzig und anderen DDR-Städten verhaftete Demonstranten ein. Dabei wird zur Besonnenheit und Gewaltlosigkeit aufgerufen. „Die Kirche als Dach hat den betenden Menschen Schutz geboten“, sagt Dietlind Glüer. Landesweit hat für sie die Öffnung der Mauer in Berlin und der Anlagen an der deutsch-deutschen Grenze die größte Bedeutung.

Im Herbst 1989 demonstrierten Hunderttausende in der DDR für Reformen und gegen Staatsgewalt. Auch in Rostock, Wismar, Stralsund, Greifswald und anderen Städten im Nordosten protestieren viele Menschen gegen die Zustände im Land.

Neues Forum als Motor des Protests

Der Motor für die Veränderungen in der DDR ist das Neue Forum. Die Bürgerbewegung ist auch für Dietlind Glüer von Anfang an sehr wichtig. Am 2. Oktober 1989 lädt das Neue Forum in der Schweriner Paulskirche zu einer ersten öffentlichen Sitzung ein. Es ist quasi eine Gründungsversammlung. Dietlind Glüer fährt extra nach Schwerin, auch um sich die Forderungen anzuhören, die das Neue Forum vorstellt.

„Das muss doch eigentlich auch in Rostock möglich sein“, ist sie überzeugt. Gemeinsam mit Johann-Georg Jaeger und anderen hört sie sich in der Stadt, aber auch außerhalb, bis nach Kühlungsborn, um. Und dabei stellt sie fest: „Es hatten bereits viele Gruppen angefangen, zu arbeiten, nur nicht öffentlich.“

Menschen sprechen offen und ehrlich

Am 11. Oktober gründet sich das Neue Forum in Rostock. Das Treffen in der Michaeliskirche moderiert Dietlind Glüer. „Eine richtige Gründung war es nicht, die bestehenden Gruppen wurden zusammengeführt.“ Mehr als 400 Menschen seien gekommen, darunter auch etliche Leute aus dem Staats- und Parteienapparat. Das Besondere ist: Wer sprechen will, muss sich mit Namen und Adresse vorstellen. „Und das haben die Menschen auch getan, die wollten nicht anonym reden“, ist Dietlind Glüer heute noch erstaunt.

In allen Rostocker Wohngebieten gibt es rasch Kontaktadressen des Neuen Forums. Dort meldet sich, wer mitarbeiten will. Die Menschen organisieren sich in Hausgruppen. Für die Treffen der Gruppen werden zuerst Wohnungen genutzt. Daneben bilden sich Fachgruppen, etwa Staat und Recht, Wirtschaft und Ökologie oder Bildung. Das Neue Forum hat so viel Zulauf, weil es eine Basisbewegung ohne weltanschauliche und parteiliche Grenzen ist. Damit soll allen Bürgern die Möglichkeit gegeben werden, sich für die Demokratisierung des Landes zu engagieren. „Es ging damals noch darum, die DDR zu reformieren“, betont sie.

Maueröffnung überholt Forderungen

Am 5. November veröffentlicht der erste gewählte Sprecherrat des Neuen Forums Rostock, zu dem Dietlind Glüer gehört, ein Diskussionspapier. Vorgestellt werden konkrete Forderungen in den Bereichen Politik, Recht/Staat, Medien/Kultur/Bildung und Wirtschaft/Ökologie. Dort heißt es: „Das Neue Forum will eine sozialistische Gesellschaft in Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit.“ Und: „Anerkennung der Zweistaatlichkeit Deutschlands als Folge der schuldhaften Vergangenheit.“

Nur vier Tage später sind diese und viele andere Forderungen der Bürgerbewegungen überholt. Am 9. November werden die Grenzen zur Bundesrepublik und zu West-Berlin geöffnet. An dem Tag – ein Donnerstag und damit Demonstrationstag in Rostock – gibt ein unabhängiges Bürgerkomitee bekannt, künftig die Demonstrationen in der Stadt abzusichern. Zu diesem Komitee gehört auch Dietlind Glüer. Sie und ihre Mitstreiter halten seitdem die Verbindung zum Rat der Stadt sowie zur Volkspolizei. Ihr Ziel: Die Demos müssen weiterhin gewaltfrei bleiben.

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Geheimdienst wird friedlich entmachtet

Knapp vier Wochen später ist Dietlind Glüer an einem der wichtigsten Ereignisse des Herbstes in Rostock maßgeblich beteiligt: Die Bezirksverwaltung der Staatssicherheit – kurz zuvor in Bezirksamt für Nationale Sicherheit (Nasi) umbenannt – wird besetzt. Am Nachmittag des 4. Dezember beginnen Mitglieder des Neuen Forums, weitere Bürgerbewegte und Studenten damit, die Zentrale in der August-Bebel-Straße zu blockieren. Damit verhindern sie die bereits laufende Beseitigung und Vernichtung von Akten. Eine Gruppe der Demonstranten erzwingt den Einlass ins Gebäude. Dort diskutieren sie ab etwa 21 Uhr mit Generalleutnant Rudolf Mittag, dem Stasi-/Nasi-Chef für den Bezirk Rostock. Ihr Ziel: Die Zentrale soll an die Bürgerbewegungen übergeben, die Räume versiegelt und durch die Volkspolizei gesichert werden. Eine weitere Gruppe – darunter ist Dr. Ingo Richter, Vorsitzender der SDP (später SPD) in Rostock – untersucht die Inhaftierten in den Zellen. Und: Alle mehr als 300 anwesenden Mitarbeiter müssen das Gebäude verlassen. Das gelingt nach und nach. Generalleutnant Rudolf Mittag wird sogar kurzzeitig wegen des Verdachts der Beweismittelvernichtung festgenommen. Alles verläuft gewaltfrei – von allen Seiten.

„Das größte Wunder des Herbstes 1989 ist, dass die Losung ‚Gewaltfrei für Demokratie‘ wirklich mit Leben erfüllt wurde“, freut sich Dietlind Glüer auch heute noch. Der Herbst 1989 sei eine einmalige Aufbruchszeit gewesen. „Ich stand damals total unter Strom“, erzählt sie.

Kirchliche Ausbildung hat sie sehr geprägt

Stark geprägt hat sie jedoch eine andere Zeit: „Das war meine Ausbildung zur Gemeindehelferin im Burckhardthaus der Evangelischen Kirche in Berlin“, erzählt sie. In dem Fort- und Weiterbildungsinstitut für Mitarbeiter der evangelischen Kirchen und kirchlichen Institutionen habe sie eine hervorragende Ausbildung erhalten, weitsichtig und theologisch fundiert. Diese Lebens- und Lehrschule in der Gemeinschaft sei sehr prägend für sie gewesen. Ende der 1950er-Jahre wird Dietlind Glüer in der Kinder- und Jugendarbeit bei evangelischen Gemeinden vorrangig in Rostock, Güstrow und Schwerin eingesetzt, später auch in der Familienarbeit und im Gemeindedienst.

In dieser Zeit kommt sie mit vielen Menschen in Kontakt, die Probleme mit dem DDR-Alltag haben. Es sind vor allem Eltern, die oder deren Kinder Konflikte mit dem Schulsystem austragen. Darüber kann im Rahmen der Kirche diskutiert werden. Dass sich in der DDR etwas grundlegend ändern müsse, das sei ihr erst im Laufe des Jahres 1989 klar geworden. sagt sie. Und zählt auf: die Fälschung der Kommunalwahlen im Mai 1989. Die Verteidigung der Gewalt gegen Studenten und Reformkräfte in China durch die DDR-Führung. Die Gewalt gegen Demonstranten durch die Polizei Anfang Oktober in der DDR. „Es war dann folgerichtig, dass ich mich dem neuen Forum angeschlossen habe“, erklärt sie. Ihr sei klar gewesen: Wenn sich etwas im Land ändern soll, dann muss es jetzt sein. Ganz nach dem Motto: „Wir sind das Volk, wir machen das!“

Rasche Vereinigung ist nicht überraschend

Zum Jahreswechsel 1989/90 ist jedoch abzusehen, dass die „Reise“ in eine andere Richtung geht, als noch im Oktober/November. Eine eigenständige DDR wird es nicht mehr lange geben. Die deutsch-deutsche Vereinigung rückt in den Mittelpunkt. „Alles ging dann rasend schnell“, meint Dietlind Glüer. Das Ergebnis der Volkskammerwahl am 18. März 1990 kommt für sie nicht überraschend: Der Sieg der Allianz für Deutschland – in dem Wahlbündnis sind die CDU der DDR sowie die neuen Parteien Demokratischer Aufbruch (DA) und Deutsche Soziale Union (DSU) vereint – ist eindeutig. Die Bürgerbewegungen sind marginalisiert. „Daran sind sie nicht ganz unschuldig, in den Bürgerbewegungen gab es nicht viele Leute, die die politische Macht ergreifen wollten“, sagt Dietlind Glüer selbstkritisch. Und nach der Vereinigung hieß es oft: Vieles aus der DDR wie die Kitas, die Polikliniken und auch das polytechnische Schulsystem seien nicht übernommen worden. „Dafür hätten einfach mehr Leute stärker kämpfen müssen, auch aus den Bürgerbewegungen“, erklärt Dietlind Glüer.

Hohe Ehre für ihren Einsatz im Herbst 1989

Für ihre Verdienste während der friedlichen Revolution wird sie am 8. Oktober 1995 mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse ausgezeichnet. Und am 14. Dezember 2018 verleiht ihr die Rostocker Bürgerschaft einstimmig die Ehrenbürgerschaft der Hansestadt Rostock. Sie ist die erste Frau, die diese Auszeichnung erhält. Harald Terpe (Bündnis 90/Die Grünen) sagte in seiner Laudatio: „Damals stand vieles auf Messers Schneide. Heute können wir stolz zurückblicken und glücklich sein, dass keine Seite blutige Gewalt entfacht hat. An diesem Glück hat Dietlind Glüer beharrlich mitgeschmiedet.“ Das ist ihr größter Verdienst.

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