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MV aktuell Dunkelziffer bei Corona: Rostocker Experte geht von 2000 Infizierten in MV aus
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Dunkelziffer bei Corona: Rostocker Experte geht von 2000 Infizierten in MV aus

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16:59 23.03.2020
Ein Rettungswagen steht vor der Universitätsklinik Rostock hinter einem Hinweisschild für das Corona Testzentrum an der Notaufnahme. Ein Experte schätzt, dass viele Infektionen unentdeckt bleiben. Quelle: Jens Büttner/dpa
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Schwerin/Rostock

Trotz der seit Montag geltenden Kontaktbeschränkungen rechnet der Rostocker Tropenmediziner Emil Reisinger mit einem weiteren Anstieg der Coronavirus-Infektionen auch in Mecklenburg-Vorpommern. Bislang sei der Nordosten bei der Entwicklung der Infektionszahlen anderen Bundesländern mehrere Tage hinterher.

Frühestens in einer Woche lasse sich absehen, ob die bisherigen Maßnahmen gegen die rasche Ausbreitung des neuartigen Corinavirus wirkten, oder ob der Anstieg in Mecklenburg-Vorpommern ungebremst losgehe, sagte Reisinger. In der Öffentlichkeit dürfen seit Montag nicht mehr als zwei Personen zusammen sein. Ausgenommen sind Familien.

Viele bemerken die Infektion gar nicht

In Mecklenburg-Vorpommern waren bis Sonntagnachmittag 187 Menschen mit einer Infektion registriert worden. Reisinger rechnete damit, dass laut statistischen Berechnungen im Nordosten rund 2000 Menschen leben, die bereits jetzt infiziert sind. Diese hätten entweder noch keine Symptome entwickelt oder bei ihnen sei die Infektion sehr leicht verlaufen. Jeder Tag mit einem verhaltenen Anstieg der Infektionszahlen sei als ein gutes Zeichen zu betrachten, betonte Reisinger.

Unterdessen wird das öffentliche Leben weiter eingeschränkt. Von Dienstag an bleiben in Mecklenburg-Vorpommern wegen der Krise auch Garten- und Baumärkte geschlossen. Doch können diese Märkte für Privatkunden Liefer- und Abholdienste einrichten. Das beschloss das Kabinett am Montag in einer Telefonschaltkonferenz, wie Regierungssprecher Andreas Timm nach der mehr als zweistündigen Beratung mitteilte.

Schließung von Bau- und Gartenmärkten sind umstritten

Die Schließungen sind umstritten, da damit auch Möglichkeiten eingeschränkt werden, Zwangsurlaub und Freistellungen von der Arbeit für Haus- und Gartenarbeiten zu nutzen. Ziel der zusätzlichen Ladenschließung sei es, die Kontakte der Menschen weiter zu reduzieren und damit Infektionswege abzuschneiden, hieß es.

Nach Angaben Timms setzte die Ministerrunde auch den rechtlichen Rahmen für die Umsetzung der am Vortag zwischen Bund und Ländern vereinbarten weiteren Einschränkungen im Alltag. So müssen zusätzlich zu den meisten Geschäften und den Restaurants nun auch Friseure, Kosmetik- und Massagesalons sowie Tattoo-Studios geschlossen bleiben, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Geöffnet bleiben weiterhin Supermärkte und andere Geschäfte, die Waren des täglichen Bedarfs anbieten.

Schwesig warnt Politiker: Krise nicht für Profilierung nutzen

Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) warnte andere Politiker davor, die Corona-Krise zur Profilierung zu nutzen. „Ich kann nur an alle appellieren, an alle Politiker, dass Machtspiele und Schaulaufen in so einer Situation nichts in diesen Entscheidungen zu suchen haben“, sagte sie am Montag im Deutschlandfunk. Es gelte vielmehr, jetzt parteiübergreifend und länderübergreifend zusammenzuhalten. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) will an strengeren Regelungen festhalten, als Bund und Länder am Sonntag vereinbart hatten.

Kontrolle von zu großen Menschenansammlungen hatte die Polizei im Nordosten schon am Wochenende stark beschäftigt. Die Beamten mussten knapp 380 Mal zu „Corona-Kontrollen“ ausrücken, wie Sprecher der beiden Präsidien in Rostock und Neubrandenburg am Montag mitteilten. Dabei seien unter anderem Garagenpartys und größere Treffen in Gartenanlagen aufgelöst sowie eine kurzfristig anberaumte Mitarbeiterversammlung einer Firma in Neustrelitz mit Hilfe des zuständigen Ordnungsamtes verhindert worden.

Auch an den Landesgrenzen wird kontrolliert. Am Wochenende sind nach Angaben der Polizei mehr als 600 Menschen abgewiesen worden. Zwei Autofahrer durchbrachen bei der Einreise nach MV die Polizeiabsperrung.

Bauverband: Müssen zu lange auf das Geld warten

Schwesig stellte weitere Wirtschaftshilfen des Landes in Aussicht. Vergangene Woche war zunächst ein Hilfspaket über 100 Millionen Euro geschnürt worden. Nun will das Kabinett am Dienstag über weitergehende Hilfen für die Wirtschaft Mecklenburg-Vorpommerns beraten. Geld dafür sei vorhanden. Das Land habe für Notfälle wie diesen Rücklagen gebildet. Laut Schwesig will zudem der Bund Kleinst- und Kleinunternehmern stärker unter die Arme greifen.

Der Bauverband Mecklenburg-Vorpommern forderte die öffentlichen Auftraggeber auf, sich an ihre Zahlungsverpflichtungen gegenüber den Unternehmen zu halten. „Wir müssen in der jetzigen, durch die Corona-Krise enorm schwierigen Situation zu lange auf das Geld warten“, beklagte der Hauptgeschäftsführer des Bauverbands, Jörg Schnell. Dabei gehe es um Aufträge, bei denen die geforderten Leistungen schon erbracht worden sind.

Kirche bietet telefonische Seelsorge – für alle

Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland (Nordkirche) richtet eine kostenlose Seelsorge-Hotline ein. Damit wolle man besonders alten, kranken und sozial isolierten Menschen in der Krise Ansprechpartner bieten, teilte die Nordkirche mit.

Unter der Nummer 0800 4540106 werden insgesamt 35 ausgebildete Seelsorger täglich von 14 bis 18 Uhr als Gesprächspartner erreichbar sein. Das Hilfsangebot parallel zur klassischen bundesweiten Telefonseelsorge richte sich an jeden, unabhängig von Glaube oder Religionszugehörigkeit, sagte Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt.

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Von Frank Pfaff / dpa

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