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MV aktuell Ein Landarzt auf Provinz-Visite
Nachrichten MV aktuell Ein Landarzt auf Provinz-Visite
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10:28 10.06.2013
Sprechstunde auf der Gartenbank: Landarzt Jörn von Campenhausen untersucht Ingrid Geske bei einem Hausbesuch. Quelle: Dietmar Lilienthal
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Kröpelin

In den Bäumen zwitschern die Vögel. Der Sommerwind rauscht durch die Blätter. In den Ohren von Jörn von Campenhausen aber pocht nur der Herzschlag von Ingrid Geske.

Er lauscht aufmerksam. Behutsam löst er die Manschette vom Arm seiner Patientin und setzt das Stethoskop ab. „Alles in Ordnung.“ Die betagte Dame lehnt sich auf ihrer Gartenbank zurück. „Mir geht‘s auch gut, Herr Doktor.“ Der Mediziner nickt und packt zusammen. Ende einer Freiluft-Visite zwischen Bauernhaus und Blumenbeeten.

„Ich bin froh, dass der Doktor zu mir nach Hause kommt“, betont Ingrid Geske. Fünf Kinder, 13 Enkel und neun Urenkel — ein starker Familienverband kümmert sich um die 83-Jährige. Heute aber hat niemand Zeit. Weil auch der Bus nur selten fährt, kommt Ingrid Geske nicht nach Kröpelin (Landkreis Rostock). Hier aber hat ihr Hausarzt seine Praxis, sechs Kilometer von Ingrid Geskes Wohnort Altenhagen entfernt.

So wie ihr geht es immer mehr Älteren in Mecklenburg-Vorpommern. Sie leben in entlegenen Dörfern, bis zum nächsten Hausarzt sind es etliche Kilometer. Mediziner auf dem Lande sind rar. 190 von ihnen fehlen laut Hausärzteverband in MV — Tendenz steigend. Jeder fünfte Hausarzt erreicht in absehbarer Zeit das Ruhestands-Alter. Nachfolger gibt es kaum.

Die Diagnose Hausarztmangel will Jörn von Campenhausen für seine Heimat rund um Kröpelin zwar noch nicht ausstellen. Wegen schlechter Verkehrsanbindung, fehlender familiärer Unterstützung oder fortschreitender Krankheit aber muss auch der Allgemeinmediziner immer wieder seine Patienten zu Hause besuchen. Bis zu sechs solcher Visiten in einem Umkreis von rund 15 Kilometern absolviert der Landarzt am Tag. Die Entwicklung sieht er durchaus kritisch. „Ich frag mich, wie geht‘s hier weiter?“, so der 43-Jährige.

Noch immer sei das Land eine Antwort auf den demografischen Wandel und dessen Konsequenzen schuldig geblieben. Investieren oder abservieren — nur diese beiden Optionen gebe es für ländliche Regionen.

„Das Land muss sich entscheiden, ob es ein Flächenland bleiben oder alles der Natur preisgeben will. Aber derzeit stiehlt sich die Regierung aus der Verantwortung, unternimmt gar nichts. Was hier passiert, ist der schleichende Tod“, kritisiert Campenhausen. Und der betreffe auch die hausärztliche Versorgung. Ohne stimmiges Sozialumfeld kämen keine neuen Mediziner auf das flache Land. Denn:

Entscheidend sei, dass der Lebenspartner mitziehe. „Sie können noch so viel Kopfgeld ausloben. Wenn der Partner keinen Job auf dem Land findet und deshalb nicht mitkommt, nützt auch aller Idealismus nichts. Dann will kein Arzt hierher“, sagt der Familienvater.

Campenhausen hat seine Entscheidung für die Landarzt-Praxis nicht bereut. Dabei kennt der Mediziner durchaus belebtere Arbeitsplätze. Er war im Irak, Südamerika und in England im Einsatz. „Ich wollte mich bewusst austoben, bevor ich Landarzt werde.“ Vor neun Jahren zog es den Schleswig-Holsteiner dann aus Bayern in die Mecklenburger Provinz. „Damals hab ich von meine Kollegen in der Klinik nur mitleidige Blicke kassiert“, erinnert sich der 43-Jährige. Ein niedergelassener Arzt. Auf dem Land. In Ostdeutschland. Mittlerweile beneiden sie ihn. „Der Frust bei den Klinikkollegen ist groß. Ich geh abends entspannt nach Hause. Ein Assistenzarzt in einer Klinik aber schrubbt 18 Stunden.“ Doch auch sein Alltag habe mit Landarzt-Klischees, wie sie Arztromane gern ausmalen, wenig gemein. „Ich mag diese romantisierten Bilder nicht. Ich reite nicht durch die Landschaftsidylle. Es gibt Hochs und Tiefs wie in jedem anderen Beruf auch.“

Noch überwiegen die Hochs. Unterversorgte Dörfer, überlastete Hausärzte — das sei in seinem Beritt derzeit die Ausnahme. In vielen anderen Regionen des Landes sehe es aber ganz anders aus, weiß Jörn von Campenhausen. „Die ärztliche Versorgung südlich der A 20, wo die Bevölkerungsdichte im freien Fall ist, ist schon jetzt problematisch.“ Und der demografische Wandel macht keinen Halt. „Auch bei uns zeigt sich die Tendenz, dass Kollegen ihre Praxen in ein bis drei Jahren abgeben wollen. Aber Nachfolger sind schwer zu finden“, sagt Campenhausen. Er will jungen Medizinern das Landarzt-Leben schmackhaft machen, engagiert sich mit seiner Kröpeliner Niederlassung als akademische Lehrpraxis der Universität Rostock.

Doch ohne Konzepte des Landes nütze die beste Werbung nichts. Vergreisende Dörfer ohne Infrastruktur locken eben niemanden, auch keine jungen Ärzte. „Der Beruf ist zwar Berufung, rechtfertigt aber nicht, dass man jeden Preis dafür zahlt“, befindet Campenhausen. Ohne ein klares Bekenntnis der Regierung zu ländlichen Regionen und damit verbundenen Investitionen werde MV zum Pflegefall. „Die Zeit arbeitet gegen uns. Je länger wir schlafen, desto mehr Leute ziehen weg. Und es kommt erst recht niemand mehr her“, prognostiziert Campenhausen.

Jährlich schließen 16 Praxen
190 Hausärzte fehlen in Mecklenburg-Vorpommern laut Hausärzteverband. Landesweit behandeln etwa 1100 Hausärzte die gesetzlich krankenversicherten Patienten.

Jeder fünfte Hausarzt ist älter als 60 Jahre und geht in naher Zukunft in den Ruhestand. Jährlich schließen im Durchschnitt 16 Praxen. Besonders kritisch sei die hausärztliche Versorgung bereits in den Regionen Woldegk (Landkreis Mecklenburgische Seenplatte), Schwaan (Landkreis Rostock) und Crivitz (Landkreis Ludwigslust-Parchim).

Bei medizinischen Fachkräften fehlt es vor allem an Psychotherapeuten. Je nach Region kommt laut der Landeszentralstelle Psychosoziale Notfallversorgung MV auf zwischen 5000 und 120 000 Einwohner nur ein Psychotherapeut. Viereinhalb Monate müssen Patienten im Schnitt auf ein Erstgespräch warten, bis zu einem Jahr auf einen Therapieplatz.

Antje Bernstein

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