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MV aktuell Emma (3) aus Wolgast zu Tode verbrüht: Mutter muss nicht ins Gefängnis
Nachrichten MV aktuell Emma (3) aus Wolgast zu Tode verbrüht: Mutter muss nicht ins Gefängnis
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13:28 28.11.2019
Vor dem Amtsgericht in Greifswald ist am Mittwoch der Tod eines Mädchens aus Wolgast verhandelt worden. Auf der Anklagebank: die Mutter. Quelle: Tilo Wallrodt
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Wolgast

Im Fall des toten Mädchens Emma aus Wolgast ist die Mutter am Mittwoch vor dem Amtsgericht in Greifswald verurteilt worden. Yvonne N. erhielt wegen fahrlässiger Tötung durch Unterlassen sechs Monate Freiheitsstrafe. Ins Gefängnis muss sie jedoch nicht, da die Vollstreckung ausgesetzt wurde. Begründet wurde das mit den besonderen Lebensumständen der jungen Mutter. Die verhängte Freiheitsstrafe wurde auf die Dauer von zwei Jahren zur Bewährung ausgesetzt.

Die heute 28-Jährige hatte die drei Jahre alte Emma am Abend des 4. Oktober 2018 in über 50 Grad heißem Wasser gebadet. Emma starb an den Verbrühungen und wurde am nächsten Morgen tot in ihrem Bett gefunden. Die Staatsanwaltschaft warf der Mutter fahrlässige Tötung durch Unterlassen vor, rückte später jedoch davon ab. Im Verlauf des Prozesses kamen erhebliche Zweifel auf, ob eine Haft- oder Geldstrafe in diesem Fall angemessen ist.

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Fehlende Empathie attestiert

Am Mittwoch wurden vier Zeugen und zwei Gutachter zu dem Fall gehört. Laut dem Sachverständigen Dr. Stefan Orlob konnte die Mutter von Emma, Yvonne N., die Folgen ihres Handelns nicht richtig einschätzen. Sie habe eine angeborene geistige Behinderung, Empathie falle ihr schwer. Der Intelligenzquotient (IQ) der Angeklagten betrage zwischen 50 und 55. Er ist damit nur halb so hoch wie bei einem durchschnittlichen Menschen.

Am 27. November um 9.45 Uhr hat der Prozess gegen die Mutter der dreijährigen Emma begonnen. Sie wird wegen fahrlässiger Tötung angeklagt. Im Oktober letzten Jahres hat sie ihre Tochter in über 50 Grad heißem Wasser gebadet. Emma starb an den Verbrennungen.

Im Prozess wurde der Lebensweg von Yvonne N. nachgezeichnet. Sie besuchte die Förderschule und hat keinen Beruf gelernt. Sie lebt von Hartz IV. Mit 18 Jahren bekam sie das erste von insgesamt vier Kindern. Bald darauf lebte sie von dem Vater getrennt. Das Jugendamt bescheinigte ihr, nicht in der Lage zu sein, sich alleine um ein Kind zu kümmern. Es wächst deshalb in einer Pflegefamilie auf, genauso wie das zweite Kind von Yvonne N.

Das dritte Kind, Emma-Sophie, sowie deren Bruder Oliver Fabian hat Yvonne N. hingegen aus einer Beziehung mit Thomas N., mit dem sie auch verheiratet ist. Da der Vater der Versorgung der Kinder nachkommen könne, entschied das Jugendamt, dass die beiden Kinder bei den Eltern aufwachsen dürfen. Bedingung: Es müssen immer beide Eltern anwesend sein.

Völlige Überforderung bei der Mutter

Zwei Wochen vor dem Tod von Emma kam es zu einer womöglich folgenreichen Veränderung im Leben der Familie: Der Vater wurde beruflich von der Werft in Wolgast zur Montage nach Hamburg geschickt – und war damit nicht zu Hause. Yvonne N. kümmerte sich um beide Kinder alleine. Emmas kleiner Bruder wurde zu der Zeit noch von der Mutter gestillt. Emma selbst war mit einer Erkältung krank, was vermutlich zu einer weiteren Belastung führte.

Am Abend des 4. Oktober 2018 badete Yvonne N. ihre Tochter Emma in viel zu heißem Wasser. Im Prozess wurde klar, dass die Temperatur des Wassers direkt aus dem Hahn mehr als 61 Grad haben kann, in der Badewanne ist es dann noch bis zu 57 Grad heiß. Zum Vergleich: Die empfohlene Badetemperatur für Kleinkinder beträgt rund 38 Grad.

Während Yvonne N. vor Gericht behauptete, dass die Haut der Tochter nach dem Bad „leicht gerötet“ gewesen sei, führte Rechtsmedizinerin Prof. Britta Bockholdt erschreckende Details aus. Demnach erlitt Emma an fast 30 Prozent ihres Körpers Verbrühungen zweiten Grades: an den Füßen, den Unterschenkeln, am Gesäß und im Genitalbereich. Sie habe nur kurze Zeit im Wasser gestanden beziehungsweise gesessen. Emma müsse aufgrund der enormen Schmerzen geschrien und geweint haben. Die Mutter stritt das jedoch ab. Sofort hätten sich an ihrer Haut Blasen gebildet. Notarzt und Rettungssanitäter sagten aus, dass es noch am nächsten Tag in der Wohnung nach „verbrühtem Fleisch“ gerochen habe.

Notarzt hätte Emmas Leben retten können

Das kleine Mädchen starb am Morgen des 5. Oktober zwischen sechs und acht Uhr aufgrund eines Kreislaufzusammenbruchs und toxischen Reaktionen durch die Verbrühungen. Laut der Rechtsmedizinerin hätte sie direkt nach dem Vorfall in eine Spezialklinik gebracht werden müssen, dann wäre sie heute womöglich noch am Leben.

Die Mutter jedoch schätzte die Situation völlig falsch ein: Sie duschte das Kind kalt ab, gab ihm ein Zäpfchen und legte es ins Bett. Die Gutachter sprachen von der „kindlichen infantilen Hoffnung“, dass es schon besser werden würde. Die Staatsanwaltschaft hingegen vermutete, die Frau habe aus Angst vor Konsequenzen des Jugendamts nicht rechtzeitig einen Arzt geholt. Erst am nächsten Tag wollte Yvonne N. mit ihrer Tochter zum Kinderarzt gehen, doch da war es schon zu spät.

Ihre Schuld räumte die Angeklagte im Wesentlichen ein. Sie sagte, sie habe vergessen, das Wasser zu testen „wie andere Muttis“. Yvonne N. umschrieb ihr Verhalten mit den Worten: „Ich habe Bockmist gebaut.“

Gericht folgt weder der Staatsanwaltschaft noch der Verteidigung

Die Staatsanwaltschaft rückte im Verlauf des Prozesses von dem Vorwurf der fahrlässigen Tötung durch Unterlassen ab und sprach in ihrem Plädoyer von fahrlässiger Körperverletzung durch Unterlassen. Es sei zwar ein „massives und gravierendes mütterliches Versagen“ festzustellen, aber Yvonne N. habe die Folgen der Tat aufgrund ihres geringen Intellekts nicht absehen können. Sie habe nicht die Kompetenz, Kinder allein großzuziehen.

Dem Vorschlag der Staatsanwaltschaft, Yvonne N. zu verwarnen inklusive einer auf zwei Jahre festgesetzten Bewährungsstrafe von 100 Tagessätzen (entspricht dreieinhalb Monate Haft) schloss sich die Verteidigung an, nicht aber das Schöffengericht. Dieses urteilte, dass die Mutter sehr wohl hätte erkennen müssen, dass ein Notarzt erforderlich ist. Es entschied auf die sechsmonatige Freiheitsstrafe. In der Urteilsbegründung sagte der Vorsitzende Richter, er hätte sich ein aufrichtigeres Geständnis der Frau gewünscht.

Mutter hat sich sterilisieren lassen

Dass die Strafe nicht vollstreckt wird, begründete das Gericht unter anderem mit dem Fakt, dass sich die Mutter zwei Monate nach dem Vorfall sterilisieren lassen hat. Sie kann damit keine weiteren Kinder bekommen. Ihre eigenen Kinder kann Yvonne N. ebenso nicht mehr gefährden: Inzwischen befindet sich das jüngste Kind, der Bruder von Emma, ebenfalls in der Obhut einer Pflegefamilie. Yvonne N. und ihr Mann leben mittlerweile getrennt. Der leibliche Vater Thomas N. bemüht sich derzeit, das Sorgerecht für Oliver Fabian zu erhalten.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Staatsanwaltschaft und Verteidigung haben noch nicht entschieden, ob sie Berufung einlegen werden.

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Von Cornelia Meerkatz