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MV aktuell „Engagiert und streitbar“: MV nimmt Abschied von Landtagspräsidentin Bretschneider
Nachrichten MV aktuell „Engagiert und streitbar“: MV nimmt Abschied von Landtagspräsidentin Bretschneider
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18:46 13.05.2019
Trauerstaatsakt für die vor zwei Wochen gestorbene Landtagspräsidentin Sylvia Bretschneider (SPD): Mehrere Redner würdigten die politische Arbeit und den Menschen.
Trauerstaatsakt für die vor zwei Wochen gestorbene Landtagspräsidentin Sylvia Bretschneider (SPD): Mehrere Redner würdigten die politische Arbeit und den Menschen. Quelle: Bernd Wüstneck/dpa
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Neubrandenburg

Die SPD weint. Ministerpräsidentin Manuela Schwesig, ihre Minister Birgit Hesse, Till Backhaus und Christian Pegel können die Tränen nicht zurückhalten. Beim ersten Trauerstaatsakt, den es in MV gab, haben sie am Montag mit 500 Gästen der verstorbenen Landtagspräsidentin Sylvia Bretschneider in der Konzertkirche Neubrandenburgs die letzte Ehre erwiesen. Bretschneider erlag einem Krebsleiden, sie wurde 58 Jahre alt.

AfD war beim Festakt nicht erwünscht

Sylvia Bretschneider lächelt in den Saal. Zwei typische Posen zeigen sie auf Fotos. Mal herzlich, mal energisch. So werde sie die Nachwelt in Erinnerung behalten, erklärt Beate Schlupp (CDU). Die Vize-Präsidentin des Landtags würdigt Bretschneider als „engagierte und streitbare Parlamentspräsidentin, der unser demokratisches Gemeinwesen eine Herzensangelegenheit war“. Extremistischen „Gegnern der Demokratie“ habe sie die Stirn geboten. So mag es passen, dass Bretschneider selbst nach ihrem Tod ein Zeichen setzen ließ. Die AfD war zum Festakt nicht geladen – auf Wunsch der Familie, wie es aus der Landtagsverwaltung hieß. Die AfD blieb fern. Erst vor einigen Wochen hatte die SPD-Frau gezeigt, dass sie die Rechtspopulisten im Land nicht auf der Seite der Demokraten sieht. Sie, sterbenskrank, forderte vom Vorsitzenden des Tierschutzvereins Neubrandenburg, der zur Kommunalwahl für die AfD antritt, den Rückzug.

Schwesig: Eine kluge, starke, entschlossene Frau

Die andere Bretschneider lässt Schlupps Stimme in der Konzertkirche unter Tränen fast verstummen. Der Mensch sei „sehr warmherzig“ und lebenslustig gewesen. Immer wieder sei es in früheren Gesprächen um Familie gegangen. Ihr „politisches Vermächtnis“ stehe in direkter Verbindung mit dem neuen Plenarsaal des Landtags, den Bretschneider nur noch eröffnen könnte. Politiker sollten einander zuhören und in der Sache hart diskutieren, „aber ohne persönlich zu verletzen“. Das sei Bretschneiders Credo gewesen.

Auch Schwesig zittert die Stimme. „Uns allen fehlt Sylvia“, sagt sie und blickt auf die Familie der Verstorbenen. Die Politik verliere „eine kluge, starke und entschlossene Frau“. eine „mutige Kämpferin für Demokratie und Freiheit, Weltoffenheit und Toleranz“. Auch Carola Veit, Parlamentspräsidentin in Hamburg, die Bretschneider unter anderem von Konferenzen zur Ostsee kannte, erinnert an eine Persönlichkeit mit vielen Facetten. Die Kämpferin für Menschenrecht und Gleichberechtigung, die einen „humorvollen Umgang mit den Menschen pflegte“. Auf der anderen Seite eine Frau, die klar gesagt habe: „Nazis braucht kein Mensch.“ Hans Penz, ehemaliger Landtagspräsident von Niederösterreich, erklärt: „Ich verneige mich vor einer großen Europäerin.“

Präsidentin des Tourismusverbandes und Vereinsunterstützerin

Viele Weggefährten Bretschneiders sind da. Landtagsabgeordnete, Oberbürgermeister, Landräte, Gerichtspräsidenten, Vertreter von Wirtschaft und Gewerkschaften. Um die Präsidentin zu ehren, die Unterstützerin von Vereinen, die Chefin des Landestourismusverbandes. „Frau Bretschneider war für uns ein Garant für eine sichere touristische Entwicklung, die kämpferische Positionen vertrat“, sagt Bernd Fischer, Geschäftsführer des Verbandes. Andreas Wellmann, Städte- und Gemeindetag MV, würdigt „eine tolle Repräsentantin unseres Landes und eine Kämpferin für die Demokratie, die ihresgleichen sucht“.

Linken-Chef: Eine große Demokratin

Seit 2002 war Bretschneider Präsidentin des Landtags. Ein Jahrzehnt lang bot sie der rechtsextremen NPD im Landtag die Stirn. Aber auch so manchem SPD-Genossen und CDU-Koalitionär setzte sie mit ihrer Beharrlichkeit zu. Am Ende ist das Fazit von Innenminister Lorenz Caffier (CDU) versöhnlich: „Engagiert, streitbar, in der Sache konsequent – und zum Schluss auch irgendwie liebenswürdig“, sei sie gewesen. Torsten Koplin (Linke) trauert um „eine große Demokratin. Eine Politikerin, die für ihr Land, ihre Heimat mit Leidenschaft eingetreten ist. Sie wird uns fehlen“. Seine Parteigenossin Karen Larisch schreibt kurz und deutlich via Twitter: „Krebs ist ein Arschloch.“

Über Bretschneiders Nachfolge als Präsidentin soll der Landtag kommende Woche entscheiden. Die SPD schlägt Birgit Hesse (44) vor. Die CDU hat sich noch nicht positioniert, ob sie die Mehrheit sichert. Dafür die kleine Fraktion Freie Wähler/BMV, die für Hesse stimmen will. Im Gegenzug beantragt die Fraktion erneut den Posten eines dritten Vize-Präsidenten für Mathias Manthei.

Frank Pubantz