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MV aktuell Erdgas made in USA: Klimaretter oder Umweltrisiko?
Nachrichten MV aktuell Erdgas made in USA: Klimaretter oder Umweltrisiko?
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15:56 29.05.2019
Durch ein Leck in einem Speicher im Aliso Canyon (Kalifornien) entwichen 2015 riesige Mengen Erdgas (Infrarotaufnahme). Quelle: Environmental Defense Fund
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Washington

Als US-Präsident Donald Trump vor zwei Jahren ankündigte, aus dem Pariser Klimaschutzabkommen auszusteigen, war die Aufregung groß. Die in dem Pakt vereinbarten Ziele kämen die amerikanische Wirtschaft zu teuer zu stehen, rechtfertigte Trump seinen Schritt. Dabei sind die USA eigentlich auf dem besten Weg, das klimaschädliche Kohlendioxid (CO2) zu reduzieren und dabei sogar noch gutes Geld zu verdienen: Erdgas verursacht nur halb so viel CO2 wie Kohle, und mit der sukzessiven Umstellung auf Gasstrom konnten die Amerikaner nach eigenen Angaben ihren CO2-Ausstoß im Strombereich seit 2005 um 28 Prozent reduzieren.

Rettet also US-Erdgas das Klima? Glaubt man den Kritikern, wohl eher nicht. Denn Erdgas ist nichts anderes als Methan und so paradox es klingt: Vor allem das Gas, das nicht verbraucht wird, schadet dem Klima. Denn durch Lecks und Schlamperei entweichen bei Förderung, Transport und Lagerung des Erdgases riesige Mengen Methan. Und Methan ist für das Klima 25-mal schädlicher als CO2. „Methan ist für 25 bis 30 Prozent der Erderwärmung verantwortlich“, sagt Mark Brownstein, Vizedirektor der US-Umweltorganisation Environmental Defense Fund (EDF), „und Öl und Gas tragen ein Drittel dazu bei“. Die Industrie stelle Erdgas gerne als saubere Alternative zur Kohle dar, „aber die Methanemissionen werden dabei ausgespart“.

Verband zählt weniger Lecks

Charlie Riedl, Direktor des LNG-Branchenverbands CLNG, beteuert dagegen: „Jedes Molekül Methan, das wir verlieren, ist ein Verlust für uns.“ Die Unternehmen bekämen auch Druck von ihren Gesellschaftern, auf die Vermeidung von Lecks zu achten. Die Zahl der Lecks sei in den vergangenen Jahren sogar zurückgegangen, obwohl die Gasförderung deutlich zugenommen habe.

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Welche Ausmaße Lecks haben könnten, zeigte laut Brownstein ein Zwischenfall im Jahr 2015 in einem Erdgasspeicher im kalifornischen Aliso Canyon: Über sechs Monate entwich Methan, bis das Leck endlich versiegelt werden konnte. Fast 100 000 Tonnen Methan gelangten in die Atmosphäre. „Dieses Leck reichte aus, um sämtliche Klimaschutzanstrengungen Kaliforniens eines ganzen Jahres zunichtezumachen“, sagt Brownstein.

Offizielle Zahlen zu niedrig

Insgesamt gehen im gesamten US-Produktionsprozess nach Industrieangaben pro Jahr acht bis zehn Millionen Tonnen Erdgas verloren, etwa ein Prozent der gesamten Fördermenge. „Untersuchungen haben jedoch ergeben, dass die offiziellen Zahlen um 60 Prozent unter den tatsächlichen liegen“, erklärt Brownstein. Er fordert, dass die Gasunternehmen ihre eigenen Anlagen besser überwachen. „Sie müssten Drohnen, Hubschrauber und fest installierte Infrarotkameras zur Entdeckung von Gaslecks einsetzen.“ Der EDF selbst plant sogar, 2021 einen eigenen Satelliten ins All zu schicken, der weltweit Methan-Emissionen untersuchen soll.

Umstrittenes Fracking

Ein großer Teil des Erdgases in den USA wird inzwischen durch Fracking erschlossen. Dabei wird das Gestein, in dem das Gas enthalten ist, mit Hilfe von Wasserdruck aufgebrochen. Dem Wasser, das dafür genutzt wird, ist ein Chemikalien-Cocktail zugesetzt, der unter anderem dafür sorgen soll, dass die Bohrkanäle stabilisiert werden. Darunter sind auch giftige und umweltschädliche Substanzen. Was genau darin enthalten ist, müssen die Bohrfirmen nicht offenlegen. Ein Teil dieser Spülungsflüssigkeit kommt wieder an die Oberfläche und muss aufgefangen werden. Immer wieder kommt es jedoch vor, dass das Bohrwasser mit Trinkwasser in Berührung kommt oder in Gewässer fließt. Zudem ist noch nicht klar, wie die riesigen Mengen an verseuchtem Wasser entsorgt werden können.

Ein weiteres Umweltproblem mit dem Erdgas ist geografisch bedingt: Im Permischen Becken in den Bundesstaaten Texas und New Mexico ist das Gas vor allem unerwünschtes Nebenprodukt bei der Ölförderung. „Am Markt hat es teilweise einen negativen Wert, weil einfach zu viel davon da ist“, erklärt Brownstein. Das bedeutet, die Ölfirmen zahlen sogar drauf, wenn ihnen jemand das Gas abnimmt. Es liegen auch noch gar keine Pipelines, die es abtransportieren könnten. Also fackeln die Ölfirmen das Gas oft ab. „Eigentlich darf man nur sechs Monate lang abfackeln, aber diese Genehmigungen werden problemlos verlängert“, kritisiert der EDF-Vize. Das Ergebnis: „Wenn man über Texas fliegt, sieht es aus wie im Mittleren Osten: Überall sind Flammen vom Abfackeln“, beschreibt es ein Brancheninsider.

Lesen Sie auch: OZ-Kommentar: Die ganze Wahrheit über Erdgas

Oder aber – was für das Klima noch schlimmer ist – die Unternehmen lassen das Gas entweichen. „Bei Überflügen in New Mexico wurde gemessen, dass die Menge an Methan, die in die Atmosphäre gelangt, fünf bis acht Mal höher ist als die offiziellen Regierungsdaten“, sagt Brownstein. „Und Sie glauben immer noch, dass Erdgas eine umweltfreundliche Energiequelle ist?“

Schlecht für die Umwelt

Susan Miller Steven glaubt das jedenfalls nicht. Sie ist eine von rund 120 Anwälten bei der Vereinigung Earthjustice, die vor allem mit rechtlichen Mitteln für die Umwelt kämpft. „Erdgas ist schlecht für die Umwelt“, betont Miller Steven, „es ist ein genauso großes Problem wie Kohle“. Die Aktivistin ist daher auch gegen den Export von Erdgas in Form von Flüssiggas (LNG): „ Wenn das Gas anderswo verbrannt wird, schadet das der Atmosphäre genauso, wie wenn wir es hier verbrennen würden.“ Um den Klimawandel zu stoppen, müsse die Welt komplett aus fossilen Brennstoffen aus- und auf erneuerbare Energien umsteigen, fordert Miller Steven: „Es wird eine Zeit dauern, aber es führt kein Weg daran vorbei. Und wir müssen jetzt damit beginnen.“

Dieser Beitrag ist Teil der OZ-Serie „Streit um Gas für Europa“.

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