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MV aktuell Zoff um Hiddensee: Backhaus brüskiert Bauern mit Erntedankfest
Nachrichten MV aktuell Zoff um Hiddensee: Backhaus brüskiert Bauern mit Erntedankfest
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06:30 25.04.2019
Landwirtschaftsminister Till Backhaus (r., SPD) beim Landeserntedankfest 2017 am Sonntag in Siedenbollentin (Landkreis Mecklenburgische Seenplatte)
Landwirtschaftsminister Till Backhaus (r., SPD) beim Landeserntedankfest 2017 am Sonntag in Siedenbollentin (Landkreis Mecklenburgische Seenplatte) Quelle: imago
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Hiddensee

Das gab’s noch nie: Erntefest auf einer Insel, auf der es nichts zu ernten gibt – auf Hiddensee. „Dort ist doch alles Nationalpark, mit Landwirtschaft hat das nichts zu tun“, meint Christian Ehlers vom Bauernverband Nordvorpommern. „Erntedank feiern wir, weil das Korn vom Feld und das Futter für den Winter eingebracht ist.“ Eine Ferieninsel sei dafür „definitiv nicht der richtige Ort“, sagt der studierte Landwirt.

Als „ungewöhnlich“, „Schnapsidee“ oder „völliger Schwachsinn“ bezeichnen auch viele seiner Berufskollegen die Entscheidung des Schweriner Agrarministeriums, das diesjährige Landeserntedankfest im Oktober auf dem kleinen Eiland auszurichten.

Repräsentatives Bild der Landwirtschaft?

In einem Brief an Agrarminister Till Backhaus (SPD) hatten Rügens Regionalverband und Landesbauernverband dafür deutliche Worte gefunden. Auf OZ-Nachfrage formuliert es der Hauptgeschäftsführer des Bauernverbandes in Neubrandenburg, Martin Piehl, etwas moderater: „Wir hatten Sorge, ob die Landwirtschaft wirklich im Mittelpunkt steht.“ Auf Hiddensee sei es unmöglich, „ein repräsentatives Bild der Landwirtschaft“ zu zeigen, meinen die Landwirte.

Außerdem dürfe das Fest nicht zur „saisonverlängernden Maßnahme“ für Touristiker degradiert werden. Ihr Credo: Erntedank soll so gefeiert werden, dass sich Kirchgemeinden und die Bauernfamilien im ganzen Land damit identifizieren können.

Pikant: Angeblich wird das Schweriner Kabinett „fast vollständig“ auf der Insel erwartet, meinen Leute, die an der Vorbereitung beteiligt sind. Als hiddensee-begeistert gilt vor allem Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD), die dort gern Urlaub macht.

Nur zwei Agrarbetriebe auf Hiddensee

Fakt ist: Auf Hiddensee gibt es ganze zwei Agrarbetriebe mit zusammen 125 Hektar, die sie vor allem als Weideland für Schafe, Pferde und ein paar Rinder nutzen. Kein Getreide, keine Schweine, keine Milchkuh.

Dabei hatten sich zunächst auch Stralsund, Süderholz (Vorpommern-Rügen) und Ferdinandshof (Vorpommern-Greifswald) beworben. Süderholz zog jedoch sein Interesse zurück, Stralsund fiel wegen „des wenig ländlichen Charakters“ durchs Raster, heißt es aus den Ministerium. Auf Hiddensee dagegen könne demonstriert werden, „wie sich Naturschutz und landwirtschaftliche Nutzung ergänzen“. Außerdem soll der Fokus auf die Fischerei gelegt werden.

Hiddensees Bürgermeister, Thomas Gens, verspricht, das Erntedankfest werde „nicht nur etwas ganz Besonderes, sondern etwas Einmaliges, das es in einem solchen Rahmen noch nie gegeben hat“. Gemeinsam mit Hiddensee-Botschafterin, Vanessa Marx, hat er gerade jede Menge persönliche Einladungen für das „Abenteuer“ auf der „Kultur- und Wohlfühlinsel“ verschickt. Mit der blonden Sängerin will Gens die Gäste am 6 . Oktober zum Erntedank-Gottesdienst nach Kloster begleiten und später in Neuendorf und Vitte „so feiern, wie es üblich ist“.

Ministerium hat Bauern überrumpelt

Die Bauern hat das Ministerium mit dem Zuschlag für Hiddensee völlig überrumpelt. „Von uns wusste keiner was“, bestätigt Landesbauernpräsident Detlef Kurreck. Auch die Kirchengemeinde wurde nicht gefragt. „Wir hätten es für selbstverständlich gehalten, dass wir im Vorfeld informiert werden und man unsere Bereitschaft einholt, das Fest mitzugestalten“, sagt Pfarrer Konrad Glöckner.

Inzwischen laufen die Vorbereitungen. Rund um das Erntedankfest plant Hiddensee bis 12. Oktober eine ganze Festwoche. „Jeder Tag steht unter einem anderen Thema“, sagt Bürgermeister Gens und nennt: „Landwirtschaft, Fischerei, Familie und Leuchtturm.“ Am Sonntag soll es mit Oldtimer-Trecker und Pferdekutschen einen kleinen Umzug soll geben. Auch moderne Erntetechnik wird gezeigt – nicht auf Hiddensee, aber im Hafen von Schaprode auf Rügen. Dort soll es auch einen Fisch- und Wollmarkt geben. „Wir stellen das Rauhwollige Pommernschaf in den Mittelpunkt“, berichtet Organisator Mathias Schilling.

Stralsund war geeigneter Bewerber

Bauernverbands-Vertreter Ehlers überzeugt das nicht. Er hätte sich Stralsund gut als Austragungsort vorstellen können. „Die Hansestadt ist einer der größten kommunalen Landbesitzer“, weiß der Regional-Geschäftsführer. Auf den 7500 Hektar Agrarfläche der Hansestadt produzieren 55 Pächter Agrarerzeugnisse. „Da gibt es viele Ansätze zur Landwirtschaft.“

Stralsund selbst zeigt sich offiziell kein bisschen vergrätzt. „Wir drücken dem Söten Länneken die Daumen, dass es eine so große Veranstaltung ‚wuppen’ wird“, sagt Pressesprecher Peter Koslik. Die Stadt will wie in den Vorjahren Ende September ein eigenes, kleines Erntefest auf dem Alten Markt durchführen.

„Das Beste daraus machen“

Kippen will das Fest jetzt aber niemand mehr. „Dafür wäre zeitlich auch etwas eng“, sagt Rügens Bauernverbands-Chefin Christin Karbe. Auch Präsident Kurreck meint: „Wir müssen jetzt das Beste daraus machen.“ Kurreck wird am 6. Oktober mit Till Backhaus in der Kutsche sitzen. Die Kirchgemeinde beteiligt sich ebenfalls nach ihren Möglichkeiten. „Wir tun alles, dass wir fröhliche Erntedank-Gottesdienste feiern können und es ein schönes Fest wird“, betont Pastor Glöckner.

Christian Ehlers allerdings wird wohl nicht dabei sein. „Wenn ich nach Hiddensee fahre, dann mit anderen Erwartungen“, sagt der Verbandsvertreter aus Nordvorpommern. „Dann will ich dort Ruhe haben und die Landschaft genießen.“

Erntedankfest schon zum 29. Mal

Erntedank ist im Christentum ein Fest, bei dem die Gläubigen Gott für die Gaben der Ernte danken. Mecklenburg-Vorpommern feiert zum 29. Mal ein Landeserntedankfest – es soll am 6. Oktober auf der Insel Hiddensee stattfinden. Der Austragungsort wechselt jährlich zwischen den Landesteilen Mecklenburg und Vorpommern. 2018 fand das Fest im mecklenburgischen Dummerstorf (Landkreis Rostock) statt. Turnusmäßig folgt 2019 eine Gemeinde in Vorpommern.

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Elke Ehlers