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MV aktuell Erst Badejunge, dann Rügen Feinkost: Traditionsmarken verschwinden aus MV
Nachrichten MV aktuell Erst Badejunge, dann Rügen Feinkost: Traditionsmarken verschwinden aus MV
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06:19 01.04.2019
Verschiedene Sorten des Camemberts „Rügener Badejunge“, der jetzt in Thüringen produziert wird. Quelle: Stefan Sauer/dpa
Rostock

Nach dem „Rügener Badejungen“ und der „Frischen Sahnigen“ hat es jetzt auch Rügen Feinkost getroffen: Viele traditionsreiche Marken verschwinden aus MV – wie zuvor auch schon Lehments Rostocker Doppelkümmel oder die Immergut-Milchprodukte aus Stavenhagen. Andere altbekannte Marken bleiben dem Land zwar treu, gehören dafür oft Konzernen, die ihren Sitz in anderen Bundesländern haben – darunter die Grabower Küsschen, die Rokoma-Marmeladen aus Rostock oder das Lübzer Bier.

Lehment gehört heute zur Hardenberg-Wilthen AG (Niedersachsen), Immergut wurde mit der in Westdeutschland unter gleichem Namen firmierenden Marke mit Sitz in Elsdorf (Niedersachsen) zusammengelegt. Grabower Küsschen gehört zur niederländischen Gruppe Continental Bakeries, Rokoma zur Lausitzer Früchteverarbeitung GmbH in Sohland (Sachsen), Lübzer ist Teil des Bierkonzerns Carlsberg Deutschland (Hamburg).

Viele Lebensmittelmarken, die ihren Ursprung in MV hatten, sind verschwunden oder ihre Besitzer sitzen nicht mehr im Land

Tobias Blömer, Vorsitzender des Marketinggesellschaft der Agrar- und Ernährungswirtschaft Mecklenburg-Vorpommern (AMV), stellt fest: „Traditionsmarken sind wichtig für die Identifikation der Menschen mit ihrer Region.“ Aufgrund des starken Preisdrucks in der Lebensmittelbranche sei jedoch ein Konzentrationsprozess im Gange. „Und je größer ein Konzern ist, desto unabhängiger vom jeweiligen Standort werden Entscheidungen über Werksschließungen getroffen.“

Matjes-Produktion wird von Rügen nach Polen verlagert

Der Lebensmittelkonzern Homann hatte vor kurzem mitgeteilt, dass Rügen Feinkost in Sassnitz auf der Insel Rügen geschlossen wird. Das Werk habe nicht die Erweiterungsmöglichkeiten geboten, die für eine langfristig wirtschaftlich tragfähige Produktion notwendig wären. Daher werde die gesamte Matjes-Produktion bis zum Sommer im polnischen Posen (Poznan) zusammengeführt. Rund 50 feste Mitarbeiter sind betroffen. Homann hatte bereits 2011 ein Werk in Rostock aus betriebswirtschaftlichen Gründen geschlossen.

Lesen Sie hier den OZ-Kommentar: Die Identität geht verloren

Die Marke „Rügener Badejunge“ wurde 2018 nach Frankreich verkauft, seit Februar wird die Produktion des beliebten Camemberts schrittweise nach Thüringen verlegt. Die Molkerei in Bergen auf Rügen wird im Herbst geschlossen. Die Produktion der Rahmbutter „Frische Sahnige“ in Bergen ist bereits eingestellt. Nach Angaben des Deutschen Milchkontors (DMK) war die Anlage veraltet und „nicht mehr rentabel“.

Die Übernahme von heimischen Firmen durch Konzerne könne aber durchaus Vorteile mit sich bringen, betont Blömer. „Kleine Unternehmen können vom Know-how oder der Finanzkraft eines großen Konzerns profitieren.“ Gerade für Unternehmer, die keinen Nachfolger finden, sei eine Übernahme eine Option, die Firma zu erhalten.

In Lübz wird nicht mehr nur Lübzer Bier gebraut

Grabower Süßwaren gehört seit 2010 zur europaweit agierenden Bäckereigruppe Continental Bakeries. Dort steht man zum Standort MV: „Wir produzieren die Küsschen ausschließlich in Grabow und es gibt auch keine Pläne, daran etwas zu ändern“, sagt eine Sprecherin. Das Beispiel Lübzer zeigt, dass Marken in MV durch eine Konzernverflechtung nicht nur erhalten, sondern sogar neue ins Land geholt werden können: In Lübz wird für Carlsberg neben den eigenen Bieren unter anderem die Marke Duckstein gebraut. Auch Cider-Getränke der Marke Somersby kommen aus Lübz.

Insgesamt sieht AMV-Chef Blömer eine gute Perspektive für heimische Marken: „Der Trend zu Regionalität, Nachhaltigkeit und Bio im Handel hält an.“ Das biete auch Chancen für junge regionale Marken, wie etwa die Destille Männerhobby in Klein Kussewitz bei Rostock mit ihrem Kaland Gin. „Solche Firmen können dann neue Traditionen begründen“, gibt sich Blömer optimistisch.

Ernährungswirtschaft ist der größte Industriezweig in MV

Auch Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU) ist nicht bange um die Lebensmittelbranche in MV: „Die Ernährungswirtschaft ist eine verlässliche Größe im Land. Sie zeichnet sich durch stabiles Wachstum und hohe Dynamik aus. Sie ist Beschäftigungsmotor.“ Das Erfolgsrezept sei gerade die gesunde Mischung aus mittelständischen traditionellen Unternehmen und Ernährungskonzernen – trotz der jüngsten Dämpfer auf Rügen: „Der Schritt ist eine unternehmerische Entscheidung, die bedauerlich ist. Gerade für die Insel Rügen, die um jeden Industriearbeitsplatz kämpfen muss, ist das ein herber Schlag.“

Zur Branche zählen derzeit 88 Betriebe mit jeweils mehr als 50 Arbeitsplätzen in MV, die insgesamt über 15 000 Mitarbeiter (2013: 14 300) beschäftigen. Sie erwirtschaften 2018 einen Jahresumsatz von rund 4,7 Milliarden Euro (2013: 4,4 Milliarden). Die Ernährungswirtschaft ist damit der größte Industriezweig des Landes.

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