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MV aktuell Erwin Sellering in neuer Rolle: Erst Papa, dann Politiker
Nachrichten MV aktuell Erwin Sellering in neuer Rolle: Erst Papa, dann Politiker
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13:44 14.09.2018
Der frühere Regierungschef von MV, Erwin Sellering, hat nach schwerer Krankheit seine neue Rolle gefunden. Quelle: Frank Pubantz
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Schwerin

Erwin Sellerings (68) Tisch ist voller Papiere. Er blickt aus einem der schönsten Zimmer des Schweriner Schlosses auf die Stadt. Ehrenloge der Landtagsfraktion, vierte Etage, Turmzimmer. Vor 15 Monaten schied Sellering wegen einer schweren Krebserkrankung aus dem Amt des Ministerpräsidenten, ist seither einfaches Landtagsmitglied. Seine neue Rolle habe er akzeptiert: morgens Papa, später „elder statesman“, wie er selbst sagt, MP a.D., Gewissen der SPD. Er sei in Sorge um die Demokratie, erklärt Sellering. Spaltung und Konfrontation nähmen zu. Auch deshalb mache er weiter.

Minister und Regierungschef

8,5 Jahre war Erwin Sellering Ministerpräsident, zehn Jahre SPD-Landes-

vorsitzender. Davor sechs Jahre Justiz- und zwei Jahre Sozialminister.

1994 kam er mit seiner ersten Frau und zwei Töchtern als Richter nach Greifswald. Er stammt aus dem Münsterland, Nordrhein-Westfalen, geboren in Sprockhövel.

Die Vater-Rolle habe ihn derzeit voll in Griff. Montags bis donnerstags ist „Matti-Zeit“. Sein Sohn ist mittlerweile vier Jahre alt. „Wir haben einen guten Draht zueinander“, sagt Sellering und lacht. „Viele Männerabende.“ Dann spiele Matti vor allem gern mit Matruschkas. Britta, Sellerings deutlich jüngere Frau (42), arbeitet jetzt im Bundesfinanzministerium in Berlin. Daher muss der Ex-MP jeden Tag um 6 Uhr aufstehen, den Sohn zur Kita bringen. „Ich brauche morgens Zeit, er auch“, sagt Sellering. Schmunzeln. „Die Familie spielt eine riesige Rolle.“ Auch ein Babysitter sei wichtig.

70 Tage Krankenhaus – das war schwer

Im Mai 2017 wurde Sellerings Erkrankung bekannt. Lymphdrüsen-Krebs. Er trat zurück, auch als SPD-Landesvorsitzender, und erlebte monatelang die Torturen von Chemo- und Bestrahlungstherapien. Am Ende dann das „Antikörperprogramm“. Er habe vor der Therapie selbst Stammzellen gespendet, die ihm später wieder eingesetzt worden seien. Insgesamt 70 Tage Krankenhaus. „Das war schwer“, sagt er heute.

Auch über den Tod habe er viel nachgedacht: „Die Endlichkeit des Lebens wird einem noch mal bewusster.“ Jetzt sei er völlig beschwerdefrei. Alle zwei Monate stehe ein Nachsorgetermin mit Infusionen an. Schwer zu akzeptieren seien die Folgen: „verminderte Fitness, Zipperlein hier, Zipperlein da“. Sellering ist deutlich hagerer geworden.

Unterstützung durch die Familie

Durch die schwere Zeit habe ihm vor allem seine Familie geholfen, auch seine beiden erwachsenen Töchter aus erster Ehe, durch Besuche und Briefe. Und viele Mitteilungen von Menschen aus dem Land.

„Dafür bin ich sehr dankbar.“ Oft sei er von Fremden auf der Straße angesprochen worden – seine neue Rolle: Ministerpräsident a.D. Die kultiviert er auch im politischen Leben. Ein Mann, der ein Jahrzehnt Lenker von Partei und Regierung war, kann nicht so einfach ins Glied zurück. In der Landtagsfraktion genießt Sellering eine Art Heldenstatus, sicherte er doch 2016 mit dem Landesvater-Bonus den erneuten, lange nicht für sicher gehaltenen Sieg. In Ausschüssen des Landtags sitzt er heute nicht. Auch das gehört zur Sonderrolle. Meist von der letzten Bankreihe aus betrachtet er seine Nachfolger in der Regierung. Wenn Manuela Schwesig vorn von gebührenfreier Kita, besseren Löhnen und Bürgernähe spricht, habe er ein gutes Gefühl. „Sie hat meine Erwartungen sogar übertroffen.“

Einer, dem alle zuhören

Im Juni platzte Sellering im Landtag der Kragen. Oder besser: Anderen wäre er geplatzt. Nach zwei Stunden Debatte und Gezänk im Landtag über illegale Einwanderung und Sicherheit ging er zu seiner ersten Rede im neuen Leben ans Mikrofon. Spontan und wirkungsvoll. Der Jurist Sellering hielt frei und ruhig einen Vortrag über Rechtsstaat, Demokratie und die Verantwortung von Politik. Die Spaltung müsse aufhören, sagt er Richtung AfD. Asyl sei ein Grundrecht. Aber: „Wir können nicht jedem dadurch helfen, dass wir ihn aufnehmen.“ Da stand einer, dem alle zuhören.

Am Tisch in seinem Landtagsbüro verfinstert sich die Miene des SPD-Mannes. Plötzlich ist er da, der Vergleich mit den letzten Tagen der Weimarer Republik in den 1930er Jahren. Als Nazis Bevölkerungsgruppen ausgrenzten, Menschen andere Menschen denunzierten und jagten. Er vertraue heute „in die demokratischen Institutionen“, die Unabhängigkeit der Justiz. Da spricht der Jurist.

Zweifel an Seehofers Strategie

Weimar werde sich so nicht wiederholen. „Hoffe ich.“ Da spricht der Mensch, der Vater. Hitler-Deutschland sei möglich geworden, nachdem sich Nazis und Konservative verbündeten. Brandaktuell? Zögern. „Ich sehe die Strategie von Seehofer mit großen Fragezeichen“, so Sellering.

Der Grat zwischen Sorge und Eskalation sei schmal, zu sehen an aktuellen Bildern aus Chemnitz und Köthen. Er sei gegen pauschale Schuldzuweisung. „Die vielen besorgten Bürger müssen sich aber auch darüber im Klaren sein, mit wem sie da auf der Straße stehen.“ Dem Rechtsextremismus müsse man sich entgegenstellen. Da spricht der Politiker. „Zuhören“ und immer wieder den direkten Kontakt mit Bürgern suchen – das sei der Erfolg versprechende Weg aus der Misere.

Selbstreflektion als Therapie

Ganz so einfach sei der Rückzug vom Regierungsamt natürlich nicht gewesen, räumt der SPD-Mann ein. Er plaudert von einem Erfahrungsbericht, den er für ein Heft von Selbsthilfegruppen verfasst habe. Titel: „Loslassen“. Selbstreflektion als Therapie. „Ich fand das sehr gut.“

Nur warum tut er sich die Politik immer noch an? Sellerings Antwort: Die Frage stelle sich nicht. Wer fit ist, den sollte man nicht hindern, „noch etwas zu tun“. Seinen großen Linien kann er auch als Hinterbänkler der SPD weiter folgen. Kommenden Dienstag wolle er mit anderen einen Verein gründen, der den russlandfreundlichen Kurs der MV-Regierung unterstützt, den er einst trotz der EU-Sanktionen begründete. Abgestimmt mit Regierungschefin Schwesig. Der Titel „Deutsch-Russische Partnerschaft“ (DRP) erinnert an die DSF, die Deutsch-Sowjetische Freundschaft aus DDR-Zeit. Kein Zufall. „Ich hätte nichts gegen Freundschaft gehabt“, sagt Sellering. Andere schon, eben wegen der Assoziation der DDR-Zwangsnähe zur Sowjetunion. Das Wichtigste: Treffen und Gespräche seien besser als Konfrontation.

Kultur ist ihm wichtig

Auch woanders mischt Sellering mit. Er spricht von Terminen, zu denen er als MP a.D: angefragt wird, weil eine Regierungsspitze nicht alles schaffen kann. Da helfe er gern aus, in Absprache mit Schwesig. Besuche beim Shantychor in Warnemünde oder einem Festumzug in Stolpe. „Dann merke ich, dass ich nicht vergessen bin.“ Bei den Festspielen MV sitzt Sellering im Aufsichtsrat. Überhaupt sei ihm das Thema Kultur wichtig.

Sellerings Telefon klingelt. Jemand sagt ihm, dass seine Scherköpfe für den Rasierer da seien. Er muss laut lachen. Dann muss er wieder zur Landtagssitzung. Letzte Reihe.

Frank Pubantz

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