Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
MV aktuell „Eurofighter“-Crash: Dorf entgeht knapp der Katastrophe
Nachrichten MV aktuell „Eurofighter“-Crash: Dorf entgeht knapp der Katastrophe
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:27 24.06.2019
Urlauber stehen am Rand des Fleesensees und schauen auf eine Rauchsäule. Zwei Eurofighter sind am Montag bei Nossentin abgestürzt. Quelle: Foto: privat/Screenshot
Nossentiner Hütte

Ein verlassenes Gut, ein Feuerwehrhaus aus Fachwerk und ein paar alte Wohnhäuser – und ringsumher nichts als Wiesen, Wälder, Seen: Das ist Nossentin. Ein kleiner, geradezu verschlafener Ort an der Mecklenburgischen Seenplatte. Wer Ruhe sucht, ist in der Pension am Rande des Ortes genau richtig. Zumindest war es so bis Montag: Denn kurz nach 14 Uhr reißt ein Knall die wenigen Anwohner aus der Mittagsruhe. Nur Sekunden später sind Flammen am Himmel zu sehen – ein brennendes Kampfflugzeug der deutschen Luftwaffe. Es rast nur wenige Meter über die Dächer Nossentins hinweg, zerschellt dann auf dem Boden mit einem Feuerball. Das Ende einer missglückten Luft-Übung.

Dorfbewohner werden Zeugen des Unglücks

Über der Urlaubsidylle rund um Waren an der Müritz sind zwei Eurofighter zusammengestoßen. Die mehr als 100 Millionen Euro teuren Maschinen sollen sich in der Luft berührt haben. Bei einer Luftkampfübung. „Es gab einen lauten Knall, sogar die Fenster haben gewackelt“, erzählt Anwohnerin Nadine B. (32). Sie wohnt keine 500 Meter von einer der Absturzstellen entfernt. Zunächst – so die Frau, die ihren Nachnamen nicht nennen will – habe sie sich nichts gedacht. „Die Eurofighter üben häufig hier in der Gegend. Das ist nichts Besonderes, Alltag.“

Hendrik (36) und Emilie (6): „Der eine Eurofighter brannte. Er fiel zu Boden und drehte sich um die eigene Achse.“ Quelle: Alexander Müller

„Wir haben unfassbares Glück gehabt“, sagt Nadine B., die Anwohnerin. Gerüchte, wonach Teile der Jets ein Carport getroffen haben sollen, dementiert am Abend Innenminister Lorenz Caffier (CDU). Davon sei ihm nichts bekannt.

Bilder vom Ort der Katastrophe

Beim Absturz von zwei Eurofightern der Luftwaffe in Mecklenburg-Vorpommern ist einer der beiden Piloten ums Leben gekommen. Der zweite überlebte das Unglück am Montag und wurde verletzt in ein Krankenhaus gebracht. Die Maschinen stießen bei Luftkampfübungen zusammen und stürzten ab.

Keine zehn Kilometer entfernt, in Nossentiner Hütte, geht der zweite Jet zu Boden. Auch hier schlagen die Trümmer nicht weit von Häusern, Gärten und dem Kindergarten ein. Emilie – die sechs Jahre alte Tochter der Familie B. – spielt gerade drinnen, als auch sie den Knall hört. „Meine Freundin kam angelaufen und hat erzählt, dass ein Flugzeug gelandet ist.“ Aber dann steigt am nahen Waldesrand Qualm auf. „Unsere Erzieherin hat dann ganz schnell die Feuerwehr gerufen.“ Auch die Eltern der Kitakinder werden informiert. Sie sollen ihren Nachwuchs abholen.

Mecklenburgische Seenplatte

Die Absturzstellen der beiden „Eurofighter“-Maschinen liegen in der Müritzregion im Westen des Landkreises Mecklenburgische Seenplatte. Mit fast 5500 Quadratkilometern ist es der größte Landkreis Deutschlands. Dort leben mehr als 260 000 Menschen.

Das Gebiet zählt zu den am dünnsten besiedelten Regionen Deutschlands. Kreisstadt ist Neubrandenburg. Bei Touristen besonders beliebt ist die Gegend rund um die Müritz.

Der Müritz-Nationalpark gehört mit dem Teilgebiet Serrahn zum Unesco-Weltnaturerbe. Insgesamt verzeichnete die Seenplatte im letzten Jahr 3,64 Millionen Übernachtungen.

In der Nähe der Kita werden kurze Zeit später Leichenteile gefunden. Sie stammen von einem der beiden Eurofighter-Piloten. Augenzeugen hatten kurz nach dem Unglück zwei Fallschirme in der Luft gesehen. Einer der beiden Piloten wird leicht verletzt, kommt in die Rostocker Universitätsklinik. Der Zweite überlebt den Absturz nicht. Woher der Mann stammt, wie alt er ist – wie so vieles hält die Bundeswehr auch dies an diesem Tag noch geheim. Erst sollen die Angehörigen informiert werden, sagt ein Sprecher des Luftwaffen-Kommandos.

Polizei und Feldjäger sperren Absturzstelle ab

Alle Absturzstellen sind weiträumig abgeriegelt. Polizisten und Feldjäger versperren den Weg. Offiziell gehe es darum, dass keine Teile verloren gehen. „Das ist eine laufende Flugunfall-Untersuchung. Solange wir nicht wissen, wie es zu dem Unglück kam, kann jedes Puzzlestück helfen“, sagt der Bundeswehr-Sprecher. Eine Gefahr gehe von den Trümmern nicht aus. Anwohner werden dennoch aufgefordert, die Teile nicht anzufassen, sondern gleich die Polizei zu rufen. Und noch etwas dürfte eine Rolle spielen: Der Eurofighter ist eines der modernsten Waffensysteme der Nato, seine Technik streng geheim.

Ein Feuerwehrauto fährt zu einer der Absturzstellen in der Nähe von Nossentiner Hütte. Quelle: Jens Büttner/dpa

Anwohner reagieren mit Verständnis

Trotz alledem ist es ruhig in Nossentin. Gespenstisch ruhig. Die Anwohner reagieren mit Verständnis, nur ein paar Urlauber machen Ärger: Sie wollen mit ihrem Fahrrad unbedingt an der Unglücksstelle vorbei, weil es der kürzeste Weg zu ihrem Hotel sei – und haben kein Verständnis für die Sicherungsmaßnahmen. „Die spielen hier eh viel zu häufig Krieg“, sagt die erboste Radlerin.

Etwas mehr als vier Stunden nach dem Unglück steht Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) auf einem Feld mitten in dem kleinen Ort. Sie ist eigens mit einem Hubschrauber vom Typ Super Puma der Luftwaffe eingeflogen. Zur möglichen Unglücksursache will sie nichts sagen. „Heute ist ein schwerer Tag für die Bundeswehr. Wir sind in Gedanken bei den Angehörigen unserer Kameraden.“ Sie bestätigt die Gerüchte, wonach die Eurofighter bei einer Übung in der Luft zusammengestoßen sind. Ingo Gerhartz, Inspekteur der Luftwaffe, wird konkreter: „Gegen 14 Uhr sind drei Maschinen vom Typ Eurofighter in Laage gestartet. Nach etwa 20 Minuten kam es zur Berührung zwischen zwei Maschinen mit fatalen Folgen.“

Einsatzmaschinen ohne Munition unterwegs

Alle drei Maschinen waren Einsitzer – also Kampfjets, die für reguläre Einsätze ausgelegt sind. Die Übungsmaschine, für die Ausbildung von Piloten, die ebenfalls in Laage stationiert sind, sind so genannte Zweisitzer. Es handelte sich bei den beiden Fliegern also um erfahrene Kampfpiloten, nicht um Fluganfänger. Die Maschine sei unbewaffnet gewesen. Der dritte Pilot stehe unter Schock, sei aber sicher nach Rostock-Laage zurückgekehrt. Er habe, so Gerhartz, seine Kameraden noch in den Fallschirmen hängen sehen.

Ursula von der Leyen (CDU), Verteidigungministerin, informiert sich an der Absturzstelle. Quelle: Jens Büttner/dpa

Erster tödlicher Unfall mit Eurofighter

Der Absturz bei Nossentin ist der erste Tödliche. Bis der Unfall aufgeklärt ist, kann es noch Wochen dauern, sagt derweil der Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern, Lorenz Caffier (CDU). Auch er will sich noch nicht zu möglichen Konsequenzen äußern: Das sei allein Sache der Bundeswehr. „Erst mal muss dieser schrecklliche Vorfall lückenlos aufgeklärt werden.“

Am Dienstag soll die Suche nach Wrackteilen bei Nossentin weitergehen. Mitten im kleinen Dorf hat die Bundeswehr ihr Lagezentrum eingerichtet. Der Alltag in dem beschaulichen Ort – es wird dauern bis er wieder zurückkehrt.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zusammenfassung: Feuerball über der Seenplatte – Eurofighter-Pilot stirbt bei Absturz

Reportage: Kleines Dorf entgeht knapp einer Katastrophe

Videos, Fotos, Statements der Verteidigungsministerin: Der Live-Ticker zum Nachlesen

Dieses Amateur-Video zeigt den Absturz eines „Eurofighters“Bildergalerie: Fotos vom Unglück am Fleesensee

Behörden warnen: Darum sollten Sie sich den „Eurofighter“-Trümmern nicht nähern

Hintergrund: Das ist das Luftwaffengeschwader 73 „Steinhoff“

Umstrittenes Projekt: Das müssen Sie über den „Eurofighter“ wissen

Andreas Meyer und Alexander Müller

Beim Absturz von zwei „Eurofightern“ der Luftwaffe in Mecklenburg-Vorpommern ist einer beiden Piloten ums Leben gekommen. Der zweite überlebte das Unglück am Montag und wurde verletzt in ein Krankenhaus gebracht. Die Maschinen stießen bei Luftkampfübungen zusammen und stürzten ab.

24.06.2019

Zwei Maschinen aus Rostock-Laage kollidieren während eines Trainingsfluges über dem südlichen Mecklenburg bei Jabel. Ein Flieger kann sich mit dem Schleudersitz retten.

24.06.2019

Bettina Martin (SPD) reagiert auf den krassen Fall von Lehrermangel Wismar. Um das Problem zu bekämpfen, sollen das Studium verändert und der Lehrerberuf attraktiver werden, sagt sie.

24.06.2019