Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
MV aktuell Experten und Eltern warnen vor Scheitern der Inklusion in MV
Nachrichten MV aktuell Experten und Eltern warnen vor Scheitern der Inklusion in MV
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
06:00 09.01.2019
Bis spätestens 2023 sollen alle Kinder in MV, die bisher eine Förderschule besuchen, eine reguläre Schule besuchen können. (Symbolbild) Quelle: Holger Hollemann/dpa
Anzeige
Rostock

Eltern, Lehrer und Bildungsexperten warnen vor einem Scheitern der Inklusion an den Schulen in Mecklenburg-Vorpommern. Bis spätestens 2023 sollen alle Kinder, die bisher eine Förderschule besuchen, eine reguläre Schule besuchen können. Damit setzt MV die UN-Konvention zu Behindertenrechten um, die gleiche Bildungschancen für alle verlangt. Michael Blank vom Landesverband Bildung und Erziehung warnt vor einem Kaputtsparen des ehrgeizigen Projekts: „Die Inklusion kann kein Nullsummenspiel sein.“ Das Land müsse deutlich mehr Geld für zusätzliche Lehrer in die Hand nehmen, die Kommunen ihre Ausgaben für den Bau von Schulen erhöhen.

Förderschüler haben höheren Betreuungsbedarf

„Schon jetzt gibt es in Rostock Grundschulklassen, in denen sieben bis acht Kinder mit Förderbedarf unterrichtet werden“, sagt Blank. Lehrer seien damit völlig überfordert und würden alleingelassen. Es müssten mehr speziell ausgebildete Lehrer, Schulsozialarbeiter und Psychologen eingestellt werden. „Ich habe große Zweifel, dass die Schulen bis 2023 ausreichend vorbereitet sind“, meint Blank. Er vermisst konkrete Festlegungen im Entwurf des neuen Schulgesetzes, das dieses Jahr verabschiedet werden soll. Das Gesetz bleibe weit hinter den Regelungen anderer Bundesländer zurück. Im Nordosten fehlten zudem Richtlinien zur Größe von Klassenräumen, die mit der Inklusion größer werden müssten. In MV zählen Förderschüler bei der Berechnung der Klassengröße einfach, üblich ist laut Blank bundesweit Faktor zwei bis drei, um den erhöhten Betreuungsbedarf zu berücksichtigen.

Intelligenzquotient entscheidend

Von derzeit 68 Förderschulen in MV sollen nach 2023 nur noch 46 übrig bleiben. Insbesondere die Schulen für lernbeeinträchtigte Kinder sollen schließen, bereits 2020 werden an ihnen keine neuen Schüler mehr aufgenommen. Stattdessen sollen Kinder mit einem Intelligenzquotienten von 75 Punkten und weniger automatisch an die neue Förderschulart mit dem Schwerpunkt „geistige Entwicklung“ kommen. „Ein Kind mit 76 Punkten muss dann an die Regelschule, ist aber dort völlig überfordert“, sagt Torsten Zarnikow, Sprecher für Inklusion im Landeselternrat. Eltern von Förderschulkindern befürchten, der Begriff „geistige Entwicklung“ im könne im Alltag mit „geistiger Behinderung“ gleichgesetzt werden – und würde die Ausgrenzung verstärken, statt sie beseitigen. Bildungsexperte Blank befürchtet außerdem, das aus dem Anrecht auf Inklusion eine Pflicht wird – weil auf dem Land Förderschulplätze fehlen.

234 zusätzliche Lehrkräfte bis 2023

Die Schweriner Landesregierung hatte die Inklusion vier Jahre lang auf Rügen in einem Modellprojekt getestet, ein Abschlussbericht der Uni Rostock kam zu positiven Ergebnissen. Henning Lipski, Sprecher im Schweriner Bildungsministerium, weist den Vorwurf, das Land wolle mit dem Abbau der Förderschulen Geld sparen, zurück. Im Gegenteil: Bis 2023 sollen 234 zusätzliche Lehrkräfte eingestellt werden. „Das ist viel zu wenig“, kritisiert Maik Walm, Landesvorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Rein rechnerisch wäre das eine halbe Stelle pro Schule.

Was im Alltag im Klassenzimmer schief laufen kann, berichtet eine Familie aus Schönberg (Landkreis Nordwestmecklenburg). Ihre Tochter fühlt sich an der Regionalschule überfordert – darf aber nicht an die Förderschule wechseln.

Kommentar:
Inklusion geht nicht zum Nulltarif

Gerald Kleine Wördemann

Seit 2016 sollen in MV Kinder mit Förderbedarf die Regelschule besuchen. Das gemeinsame Lernen klappt nicht, kritisiert eine betroffene Familie aus Schönberg. Laut Lehrergewerkschaft GEW wurden viele Fehler gemacht.

MV aktuell Orkanböen über Norddeutschland - Tief „Benjamin“ bringt Hochwasser

Sturmtief „Benjamin“ wütet über den deutschen Küsten. Erste Fährverbindungen wurden eingestellt.

08.01.2019

Wenn eine Gemeinde von der Schweriner Landesregierung Fördergeld für eine Lampe haben möchte, darf sie dabei das Wohl von Motten und anderen kleinen Tierchen nicht vergessen. Eine Schmonzette von OZ-Redakteur Axel Büssem.

08.01.2019