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MV aktuell Fall Leonie aus Torgelow: Ermittler fanden überall in der Wohnung Blut
Nachrichten MV aktuell Fall Leonie aus Torgelow: Ermittler fanden überall in der Wohnung Blut
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19:42 24.09.2019
Tote Leonie aus Torgelow: Am Landgericht in Neubrandenburg begann am Dienstag der Mordprozess gegen den 28-jährigen Stiefvater. Ihm wird Mord durch Unterlassen und die mehrfache Misshandlung Schutzbefohlener vorgeworfen. Quelle: Cornelia Meerkatz
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Neubrandenburg

Die Kapuze seines mit Fell gefütterten Parkas hat sich David H. über den Kopf gezogen. Dazu hält er sich noch einen Aktenordner vors Gesicht, als er am Dienstagvormittag in Neubrandenburg mit Hand- und Fußfesseln den Gerichtssaal betritt. Dem 28-Jährigen wird Mord durch Unterlassen und Misshandlung von Schutzbefohlenen in sieben Fällen vorgeworfen.

David H. soll der sechsjährigen Leonie, Tochter seiner Lebensgefährtin, mit stumpfer Gewalt eine Vielzahl schwerster Verletzungen zugefügt haben, so dass sie daran am 12. Januar dieses Jahres in Torgelow verstarb. Auch Leonies Bruder, der damals zweijährige Noah-Joel, soll misshandelt worden sein. Zur Familie gehörte zudem ein gemeinsames Kind von H. und dessen Lebensgefährtin Z., das im Sommer 2018 zur Welt kam.

Schwerste Verletzungen des Mädchens

Die Aufzählung der Gewalthandlungen gegen die sechsjährige Leonie durch den Leitenden Oberstaatsanwalt Bernd Bethke lässt niemanden im Saal kalt. Die Rede ist davon, dass das Kind mit dem Kopf gegen die Wand geschlagen, auf den Fußboden fallen gelassen, in den Bauch getreten und mit der Faust ins Gesicht geschlagen wurde. Das Kind habe Hirnblutungen, Venenabrisse und mehrere Knochen- und Rippenbrüche erlitten. Das Mädchen wurde orientierungslos, fiel ins Koma und starb. Der Stiefvater soll erst viel zu spät Hilfe geholt haben – zu diesem Zeitpunkt war Leonie bereits tot.

Leiblicher Vater beschimpft Angeklagten

Oliver E., der leibliche Vater Leonies, empfängt den Angeklagten zu Prozessbeginn mit einer Tirade wüster Beschimpfungen. Er rief ihm zu: „Du bist feige, zeig dein Gesicht und leg die Maske ab. Du bist der letzte Abschaum!" Dazu ballte er die Fäuste und schlug sie gegeneinander. E., der in diesem Prozess Nebenkläger ist, scheint allein der Anblick des Angeklagten unerträglich. Hasserfüllt schaut er ihn immer wieder an, während der Angeklagte zumeist den Kopf gesenkt hält. Mehrfach atmet Leonies Vater schwer, als die ersten beiden Zeugen vernommen werden. „Es kostet mich Kraft, still zu sitzen und nichts sagen zu dürfen. „Er hat mir meine Leonie genommen“, sagt der Wolgaster.

Eindrücke vom ersten Verhandlungstag gegen den Stiefvater in Neubrandenburg

Vorsitzender Richter: Messerscharfe Trennung nötig

Falk-Ingo Flöter, Anwalt von Oliver E., muss seinem Mandanten mehrfach bedeuten, still zu sein. Doch auch er ist emotional aufgewühlt. Das Gericht hat genau diese Tatsache im Blick: Der Vorsitzende Richter der Großen Schwurgerichtskammer am Landgericht Neubrandenburg, Jochen Unterlöhner, hat gleich zu Beginn des Prozesses deutlich gemacht, dass es ein für alle Seiten belastendes Verfahren sei, bei dem die Emotionen hochkochen. „Doch es gilt hier messerscharf zu trennen zwischen den Eindrücken und dem juristischen Sachverstand. Und deshalb wird dieses Verfahren mindestens 13 Verhandlungstage bis in den November hinein haben – oder eben bei Bedarf auch noch mehr.“ 40 Zeugen werden gehört, dazu mehrere Sachverständige, Polizeibeamte, Notärzte und Rettungssanitäter.

Angeklagter will sich zunächst nicht äußern

Das Medieninteresse an dem Fall ist groß: David H. bestreitet, die kleine Leonie misshandelt zu haben. Statt dessen behauptet er, dass Mädchen sei mit dem Puppenwagen die Treppe hinuntergefallen. H. war am 14. Januar bei einer Befragung in der Polizeidienststelle in Torgelow geflüchtet, nachdem er vom Befragten zum Beschuldigten wurde. Sieben Tage später, am 21. Januar, wurde er verhaftet. Vor Gericht will er sich vorerst nicht äußern. Seine Anwälte Bernd Raitor und Jörg Fenger stellten aber in Aussicht, dass sich H. einlassen werde, nachdem die Mutter von Leonie am 21. und 24. Oktober als Zeugin befragt worden sei.

Der Tod eines sechs Jahre alten Mädchens in Torgelow hat weit über die Grenzen der Stadt Bestürzung und Anteilnahme ausgelöst. Nach einer Obduktion ist klar: Es war kein Treppensturz, wie der Stiefvater von Leonie gegenüber der Polizei behauptet hatte.

Blut an der Wand und im Bad

Die Ausführungen des Gerichts und der beiden Zeugen – einer Richterin, die ihn bei der Haftprüfung vernommen hat, und dem Ermittlungsleiter der Kriminalpolizei Anklam – verfolgt David H. nervös. Immer wieder blickt er nach unten, zappelt mit den gefesselten Füßen oder hält kurz Rücksprache mit seinem Anwalt. Beide Zeugen machen deutlich, dass es große Diskrepanzen zwischen H.s Angaben und den festgestellten Verletzungen des Mädchens gibt.

Denn in der Wohnung wurde gleich an mehreren Stellen Blut von Leonie gefunden: an der Wand, im Bad, an einem Kopfkissen, auch an einem mehrfach zerrissenem Trägerhemdchen des Mädchens, das im Hausmüll entsorgt worden war. „Das Verletzungsmuster von Leonie passt überhaupt nicht zu einem Treppensturz“, erklärt auch Prof. Britta Bockholdt, Direktorin des Rechtsmedizinischen Instituts Greifswald als Sachverständige.

Notruf nur simuliert?

Mucksmäuschenstill ist es im Saal, als Richter Unterlöhner den von H. abgesetzten Notruf abspielen lässt. Deutlich ist zu vernehmen, dass H. davon spricht, Leonie sei bewusstlos. Plötzlich ertönt Kinderweinen und H. behauptet, das sei Leonie. Spätestens da dämmert all jenen im Saal, die selbst Kinder haben, dass etwas nicht zusammenpasst. Denn das aufgezeichnete Kinderweinen, da sind sich viele Zuhörer sicher, stammt mit großer Wahrscheinlichkeit nicht von einer Sechsjährigen, sondern von einem jüngeren Kind.

Der Anwalt des leiblichen Vaters von Leonie vermutet daher eher einen simulierten Anruf bei der Rettungsleitstelle, damit niemand behaupten kann, H. habe keine Hilfe geholt. Die Vermutung äußerte er auf Nachfrage nach Ende des ersten Verhandlungstages. Für ihn steht fest, dass die Treppensturz-Behauptung von H. erfunden ist, um sich zu schützen. „Die Nebenklage will, dass dieser Mann rechtskräftig verurteilt wird, auch wenn Leonie dadurch nie wieder zurückkommt“, so Falk-Ingo Flöter.

Betäubungsmittel gefunden

Die Zuhörer erfahren an diesem ersten Prozesstag zudem, dass es in der Familie, die seit Sommer 2018 in Torgelow wohnte, häufig zu Streitereien zwischen dem Stiefvater David H. und der Mutter von Leonie und Noah kam. Grund dafür soll ein Verhältnis der Kindsmutter mit einem Freund von H. gewesen sein. Auch der Konsum von Betäubungsmitteln war kein Tabuthema, bei der Wohnungsdurchsuchung wurden Amphetamine und Cannabis gefunden.

Am Mittwoch wird der Prozess um den gewaltsamen Tod der sechsjährigen Leonie fortgesetzt. Es werden Rettungssanitäter und der Notarzt vernommen, der Leonie tot in der Wohnung aufgefunden hat.

Torgelow: Der Fall der getöteten Leonie

24. September: Hitziger Auftakt im Leonie-Prozess: „Du bist der letzte Abschaum“

24. September: Tote Leonie aus Torgelow: Mordprozess gegen Stiefvater beginnt

22. September: Leonie-Prozess beginnt: Diese Experten sollen klären, wie das Mädchen starb

30. Juli: Wurde Leonie totgeprügelt? Im September beginnt Prozess gegen Stiefvater

23. April: Vater und Tante haben Grab in Wolgast gestaltet

12. März: Das ist die Lösung des Rätsels um Leonies Kuscheltiere

2. Februar: Tränen für tote Leonie (6): Große Anteilnahme bei Trauerfeier in Wolgast

22. Januar: Reportage zum Mordfall –„So etwas hatten wir hier in Torgelow noch nie“

21. Januar: Riesige Spendenbereitschaft für leiblichen Vater und kleinen Bruder

17. Januar: Ermittlungen jetzt auch gegen die Mutter

16. Januar: Jugendamt äußert sich zu Vorwürfen

Von Cornelia Meerkatz