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MV aktuell Fangstopp für Dorsche: Bedeutet das den Tod der MV-Küstenfischerei?
Nachrichten MV aktuell Fangstopp für Dorsche: Bedeutet das den Tod der MV-Küstenfischerei?
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07:18 10.07.2019
Der Baaber Fischer Erwin Mundt (rechts) hat seinen Fischereibetrieb an seinen Sohn Sylvio (Mitte) übergeben. Doch bei einem künftigen Fangverbot für Dorsche sehe es nicht gut aus für kleine Familienbetriebe. Quelle: OZ
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Rostock

„Wir sind Bauernopfer“, sagt Erwin Mundt. Der pensionierte Fischer aus Baabe auf Rügen fischt seit 1968 in der Ostsee und beobachtet, wie kleine Fischereibetriebe wie sein eigener immer häufiger zu Grunde gehen. Und das von EU-Kommission angestrebte Fangverbot für Dorsche, welches bis Ende des Jahres durchgesetzt werden soll, treffe vor allem die kleinen Betriebe.

Laut dem Verband für Küstenfischer drohe gar der Tod der Branche. Dabei sind die Ursachen für den starken Rückgang der Dorsch-Population laut Dr. Uwe Krumme vom Rostocker Thünen-Institut nicht in der Fischerei zu suchen. Der Mensch könne letztlich wenig gegen die Entwicklung tun.

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Ingrid Peters führt in Polchow auf Rügen einen Fischereibetrieb. In dem Restaurant und vier weiteren Außenstellen vertreibt sie den rund um Rügen gefangenen Fisch – darunter auch der Dorsch, der nun mit einem Fangstopp belegt wird. „Wir sind davon direkt betroffen. Und unsere Fangquoten gehen so schon jährlich stark zurück.“ Demnach hat sie vor 20 Jahren noch 23 Tonnen Dorsch aus der Ostsee holen können. Heute seien es nur noch vier Tonnen pro Jahr.

Kleine Fischereibetriebe sorgen sich um Zukunft

„Wenn wir mehr fischen, müssen wir Strafen zahlen oder dürfen im nächsten Jahr noch weniger fischen. Wir müssen den Dorsch immer häufiger im Handel beziehen – aus Dänemark oder Schweden. Das ist natürlich ungleich teurer, als ihn selber zu fischen“, sagt Peters. Sie ist überzeugt: Ein Fangstopp würde vor allem die kleinen Fischereibetriebe treffen. Ähnlich sieht das Erwin Mundt. Seit 1968 holt er von Rügen aus Fisch aus der Ostsee. Er sorgt sich schon länger um die Zukunft der kleinen Fischerbetriebe, die laut seiner Beobachtung immer rarer werden. Seinen eigenen hat er mittlerweile an Sohn Sylvio abgegeben und der kämpfe beinahe täglich mit Fangquoten und um die Wirtschaftlichkeit des Betriebes.

Norbert Kahlfuss, Mitglied im Vorstand des Landesverbandes der Kutter- und Küstenfischer Mecklenburg-Vorpommern e.V., sieht die gesamte Branche in MV in großer Gefahr. Er nahm am Dienstag am „Runden Tisch Ostseefischerei 2020“ im Bundesministerium in Berlin teil. Sein Fazit: „Im nächsten Jahr kann es auch in der westlichen Ostsee zu teils starken Einschränkungen von bis zu 75 Prozent der Dorschfischerei kommen.“ Davon sei dann auch das Gebiet zwischen Rostock und Bornholm betroffen. „Wenn es da keine Ausnahmeregelung für unsere knapp 200 kleinen Fischerbetriebe gibt, dann ist das der Tod für unsere Küstenfischerei.“

Thünen-Institut: Die Ursache liegt nicht in der Fischerei

Das Thünen-Institut in Rostock war schon zu Beginn des Frühjahres an Analysen des Internationalen Rates für Meeresforschung beteiligt, die die Auswirkungen der Fischerei auf den Bestand des Ostdorsches untersucht hat. „Ein Fangstopp als Sofortmaßnahme würde wenig am Bestand ändern“, resümiert Dr. Uwe Krumme, stellvertretender Institutsleiter. Demnach würde eine solche Regelung lediglich dazu führen, dass bis Ende 2020 etwa fünf Prozent mehr Elterntiere vorhanden wären. „Die wissenschaftliche Gemeinschaft ist sich da einig: Der Effekt wäre gering.“ Denn die eigentlichen Ursachen für den starken Rückgang der Dorsch-Population in der östlichen Ostsee seien woanders zu suchen.

Und zwar in den natürlichen Todesursachen der Dorsche. „Der Einfluss ist etwa drei Mal so hoch wie die der Fischerei.“ Doch woran sterben die Dorsche? Das Institut geht von verschiedenen Ursachen aus. So sei in den tiefen Becken der östlichen Ostsee der Sauerstoffgehalt zu gering. Und Dorsche müssen ins tiefe Wasser – einerseits um zu laichen und andererseits um sich zu ernähren. Denn dort finden sie die Riesenasseln, die für eine ausgewogene Ernährung benötigt werden. Doch da sie dort unten immer weniger der Asseln finden, fressen Dorsche immer häufiger Hering und Sprotten. „Und dadurch nehmen viele Tiere Larven von Fadenwürmern auf – Parasiten, die die Leber von Dorschen befallen.“

Erklärungsversuche für den Rückgang der Population

Und die Leber ist der Hauptenergiespender der Tiere. „Durch die Parasiten wird das Wachstum der Dorsche gestört. Sie sind häufig deutlich dünner und kleiner“, sagt Krumme. Das führe dazu, dass Fischer nur noch selten Exemplare fangen, die größer als 45 Zentimeter sind. Eine weitere Ursache vermutet Krumme beim Laichprozess der Tiere. „Dorsche sind gezwungen, zum Laichen in tiefe Gewässer vorzudringen. Ist der Sauerstoffgehalt dort geringer als 60 Prozent, wirkt sich das negativ auf den Stoffwechsel aus und die Tiere werden ebenfalls dünner“, sagt Krumme.

Der Wissenschaftler geht davon aus, dass sich der Sauerstoffgehalt in einem Prozess der letzten zehn bis 20 Jahre so stark verringert hat. „Wir vermuten, dass dies an Algenblüten liegt, die auf den Boden sinken und dort von Bakterien aufgenommen werden, die sehr viel Sauerstoff benötigen. Dieser Sauerstoff fehle dann anderen Bodenorganismen und den Dorschen.

Nicht in menschlichen Händen

Laut Krumme könne man derzeit an diesen Prozessen wenig ändern. Die Fischerei sei demnach viel eher ein Bauernopfer, weil es keine weiteren Handlungsmöglichkeiten gebe. „Man kann ja nicht einfach Sauerstoff in die Tiefen der Ostsee pumpen. Dafür ist das betroffene Gebiet einfach viel zu groß.“ Ein Fangstopp ab August würde kurz- und auch mittelfristig nicht zu einer Bestandserholung führen. „Wir stehen hier vor Änderungen im Ökosystem, auf die das Fischereimanagement leider nur wenig Einfluss hat“, sagt Krumme.

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