Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
MV aktuell Fischer im Wettlauf mit dem Kormoran: „Können vom Fang schon lange nicht mehr leben“
Nachrichten MV aktuell Fischer im Wettlauf mit dem Kormoran: „Können vom Fang schon lange nicht mehr leben“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
06:26 26.07.2019
Die Kormorane fressen am Tag bis zu 500 Gramm Fisch. Aufgrund der riesigen Zahl der Vögel – auch in MV – sind sie ein großes Problem für die Binnenfischer. Quelle: Bernd Settnik/dpa
Anzeige
Rostock

Die aktuell 50 Binnenfischer im Nordosten sehen sich in ihrer Existenz bedroht. „Das größte Problem ist dabei die gewaltige Zahl von Kormoranen. Denn deren Futterbedarf ist riesig“, verdeutlicht Ulrich Paetsch, Aufsichtsratsvorsitzender der Fischerei Müritz-Plau.

„Vom Fischfang können die Binnenfischer im Nordosten schon lange nicht mehr leben“, sagt Diplom-Fischerei-Ingenieur Thorsten Wichmann. Der Referent für Naturschutz im Landesfischereiverband verweist auf die Veredelung des Fangs, den Zukauf von Fisch aus dem Ausland, den Angeltourismus, die Gastronomie und das Betreiben von Ferienunterkünften. Ohne diese „Standbeine“ könne kein Betrieb mehr existieren.

Anzeige

Kormoran frisst um die 500 Gramm pro Tag

„Die allein etwa 5000 Kormorane im Bereich der Müritz fressen täglich etwa 2,5 Tonnen Fisch. Pro Tier rechnen die Experten mit 500 Gramm pro Tag“, erläutert Paetsch, der auch Präsident des Landesverbandes der Binnenfischer MV ist. In nur 100 Tagen sei das eine Menge, die die Müritzfischer früher zu Spitzenzeiten insgesamt im Jahr gefangen haben, betont er. Heute zappeln in deren Netzen pro Jahr nur noch zwischen 30 und 40 Tonnen Barsch, Hecht, Schleie, Zander & Co. Der Betrieb, der 24 000 Hektar bewirtschaftet, ist mit 107 Mitarbeitern das hierzulande mit Abstand größte Unternehmen der Branche.

Das Schweriner Landwirtschaftsministerium sieht indes die Existenz der 44 Binnenfischer im Haupterwerb nicht durch die Kormorane bedroht. Laut Landesamt für Umwelt, Naturschutz und Geologie wurden 2017 im Nordosten 13 753 Brutpaare gezählt. Hinzu kämen die Rastvögel. Allein die aktuelle Zahl der Brutpaare liegt laut OZ-Recherchen jedoch bei 14 000 bis 15 000. Diese vertilgen täglich mehr als 14 Tonnen Fisch.

63 000 Hektar Seen bewirtschaftet

Die aktuell 44 Haupterwerbsbetriebe in der Binnenfischerei des Landes erwirtschaften einen Umsatz von mindestens 20 Millionen Euro. Sie bewirtschaften 63 000 von 72 000 Hektar Seen im Land, dazu einen Großteil der 24 000 Kilometer Fließgewässer sowie Teichanlagen.

Bundesweit wurden 2017 von den 7000 Binnenfischerbetrieben knapp 40 000 Tonnen Fisch gefangen. Davon arbeiten 6000 Firmen in der Aquakultur. Hier wird Fischproduktion von Hecht bis Wels betrieben. 20 600 Tonnen Fisch stammen aus Aquakultur. 8400 Tonnen davon waren Regenbogenforellen und 5000 Tonnen Karpfen.

Rund 122 000 Tonnen Süßwasserfisch wurden 2017 von Deutschland importiert. Pro Kopf konsumieren die Bundesbürger 1,4 Kilo Süßwasserfisch pro Jahr, knapp die Hälfte davon sind Regenbogenforellen, die vor allem aus Dänemark, Italien und der Türkei stammen.

Nabu: Kormorane für natürliche Gewässer kein Problem

„Die Kormorane fressen vor allem Weißfisch, also beispielsweise Blei, Plötze, Rotfeder. Diese sind wirtschaftlich wenig relevant“, sagt Stefan Schwill, Landesvorsitzender des Naturschutzbundes (Nabu). Deshalb seien diese Wasservögel für den Fischbestand in den natürlichen Gewässern kein Problem. Außerdem fehle der Beleg hinsichtlich der tatsächlichen Verluste, betont der Nabu-Vertreter.

Dem widerspricht Fischwirtschaftsmeister Klaus-Dieter Dehmel. „Die schwarzen Vögel sind der Hauptfeind des Aals“, sagt der Chef des Fischerei- und Verarbeitungsbetriebes Dehmel in Dabel (Ludwigslust-Parchim). „Es ist dringend nötig, die Zahl der Kormorane zu dezimieren. Derzeit ist uns dies nur unter größten Auflagen möglich.“

Verheerende Folgen für Teichanlagen

Paetsch befürchtet vor allem verheerende Folgen für die Teichanlagen. „Diese sind durch die Kormoranschäden auf Dauer nicht zu halten. Das betrifft auch unsere 175-Hektar-Anlage“, so der Experte. Dies unterstreicht Hermann Stahl in Neustadt-Glewe. Der Inhaber von Lewitz Fisch bewirtschaftet mit acht Mitarbeitern derzeit 730 Hektar. „Ich benötige 30 Prozent mehr Jungfische, um überhaupt ein halbwegs kostendeckendes Ergebnis zu erzielen.“ Die Folgen: fehlende Investitionsmittel, geringe Gehälter und eine „antiquierte Bausubstanz“. Eine besondere Situation aufgrund der hohen Fischdichte konstatiert auch Nabu-Mann Schwill.

Das Schweriner Ministerium verweist auf Ausgleichszahlungen. Dies erfolge gemäß „der Ertragsausfallrichtlinie für Ertragsausfälle an Teichwirtschaften nach entsprechender Einzelfallprüfung“. „Die hier errichteten bürokratischen Hürden sind hoch“, so Paetsch. Deshalb habe man keine Anträge mehr gestellt. Stahl indes hat im vergangenen Jahr 219 000 Euro erhalten. „Ohne dieses Geld und die mir gestattete Vergrämung der Kormorane müsste ich sofort zumachen“, betont der Fischer.

Mehr zum Thema:

Fischer Dehmel und seine Königin: So überleben die Mecklenburger das „knallharte Geschäft“

Kommentar: Bestand regulieren!

Volker Penne