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MV aktuell Fischerei in der Krise: In der Ostsee gibt es immer weniger Heringe
Nachrichten MV aktuell Fischerei in der Krise: In der Ostsee gibt es immer weniger Heringe
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07:53 02.04.2019
Freest: Fischer Martin Lange verteilt auf dem Fischkutter "Hilde" auf dem Greifswalder Bodden die Netze mit Hering an Bord. Die Hauptsaison für den Heringsfang an der Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommerns ist in diesem Jahr ungewöhnlich kurz. Quelle: dpa
Rostock

„Die Fischer in MV sind geknebelt.“ Zu dieser eindeutigen Einschätzung kommt Axel Pipping, Geschäftsführer vom Landesanglerverband MV. Es gebe immer weniger Fischer im Nordosten, sagt er. Ihr Rückgang gehe mit dem bei den Heringen einher. Noch vor 20 Jahren holten die Fischer 20 Mal so viel Hering aus der Ostsee wie im vergangenen Jahr. Die Fangquote habe sich in diesem Zeitraum von 97.500 auf 4.900 Tonnen verringert. „Dabei ist der Hering der Brotfisch in Mecklenburg-Vorpommern“, sagt Michael Schütt, Geschäftsführer der Fischereigenossenschaft Peenemündung in Freest. Der Hering mache rund 75 Prozent des Fanges und gut 50 Prozent der Einnahmen aus.

Doch der Hering macht sich rar in der Ostsee: „Die beste Erklärung für die nachlassende Nachwuchsproduktion ist die Temperatur“, sagt Christopher Zimmermann, Institutsleiter für Ostseefischerei am Thünen-Institut. Die Ostsee wird wärmer und die Fische laichen früher. Heringe seien „keine Hungerkünstler“, sagt Zimmermann. Insbesondere ganz junge Heringe: Der Dottersack der Larven sei schnell aufgebraucht und dann benötigen sie dringend Nahrung. Weil sich diese Nahrung, insbesondere Larven von Kleinkrebsen, aber in ihrer Entwicklung nicht wie die Heringe an der Temperatur, sondern an der Sonne orientiert, sind sie so früh im Jahr noch nicht vorhanden. „Die Larven sind zehn bis zwölf Tage früher dran und die Nahrung kommt einfach zu spät“, sagt Zimmermann. Viele der Heringslarven verhungerten schlichtweg.

Fanquote für Heringe herabgesetzt

In diesem Jahr wurde die Fangquote herabgesetzt. Statt wie noch im vergangenen Jahr 17.309 Tonnen, dürfen in diesem Jahr lediglich 4.966 Tonnen angelandet werden. Einen Teil dieser Quotensenkung soll mit Stilllegungsprämien aufgefangen werden. Die Fischer sind dazu verpflichtet, ihre Boote 30 Tage stillzulegen und werden hierfür entschädigt. „Die fängt aber längst nicht den Umsatzverlust auf“, sagt Michael Schütt. Im vergangenen Jahr wurden 82 solcher Anträge bewilligt und 2,14 Millionen Euro ausgezahlt, sagt Eva Klaußner-Ziebarth, Sprecherin im Landwirtschaftsministerium. Wie hoch die Summe in diesem Jahr sein wird, wenn sie denn kommt, stehe noch nicht fest. „Eine Entscheidung gibt es bislang nicht“, sagt Klaußner-Ziebarth.

Die Quoten werden anhand der Empfehlungen der Forscher bestimmt. Diese entnehmen Larvenproben aus dem Greifswalder Bodden. Hier entwickelt sich rund 80 Prozent des Heringsbestands der westlichen Ostsee. Seit 2004 ist ein deutlicher Abwärtstrend erkennbar, der nicht mehr mit natürlichen Schwankungen wie extremen Wintern erklärt werden könne.

Für die Fischer ist die Quotensenkung kaum zu verkraften

„Der Hering ist noch nicht vom Aussterben bedroht, aber ich befürchte, dass er für einige Jahre nicht mehr sinnvoll kommerziell genutzt werden kann“, sagt Zimmermann. Die Hauptsaison für den Heringsfang läuft eigentlich noch bis Ende April, doch bereits jetzt gibt es kaum noch Nachschub. „Im Wesentlichen ist die Quote abgefischt“, sagt Michael Schütt. Für die Fischer ist die Quotensenkung kaum zu verkraften – aber auch schwer nachzuvollziehen. Insbesondere, weil Angler weiterhin Heringe fangen.

Lesen Sie hier: OZ-Kommentar: Ohne Fisch keine Fischer

„Wir können einen Rückgang nicht bestätigen“, sagt Uwe Richter von der Euro-Baltic Fischverarbeitung in Sassnitz. Die Anlandungen vor Rügen seien genauso kontinuierlich wie im vergangenen Jahr. „Wenn der Fisch nicht da wäre, könnten wir ihn ja nicht fangen“, sagt auch Michael Schütt. Die Schlepp- und Stellnetze seien voll wie immer.

Dass der Fisch in Massen auftritt sei, allerdings in seiner Natur begründet: „Der Hering ist ein Schwarmfisch und sein massenhaftes Auftreten ist kein Zeichen dafür, dass es reichlich Hering gibt“, sagt Zimmermann. Dass man die Situation in den Griff bekommt, dafür bestehe derzeit wenig Hoffnung, sagt Zimmermann. Fischer, die sich ausschließlich auf den Großhandel spezialisiert haben, hätten „schlechte Karten“, sagt Axel Pipping.

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