Flugrouten abgeschnitten: Ostsee-Windparks vor MV bedrohen Tausende Zugvögel
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Flugrouten abgeschnitten: Ostsee-Windparks vor MV bedrohen Tausende Zugvögel

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20:21 17.02.2020
Der Offshore-Windpark Wikinger, nordöstlich vor der Insel Rügen, wurde Ende 2017 fertiggestellt.
Der Offshore-Windpark Wikinger, nordöstlich vor der Insel Rügen, wurde Ende 2017 fertiggestellt. Quelle: Bernd Wüstneck/dpa
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Rostock

Schon bei den alten Ägyptern war er nicht immer vom Glück verfolgt. Dort verspeiste man ihn am Spieß gebraten oder im Eintopf gekocht, oder man opferte den als „Sonnenvogel“ verehrten Kranich den Göttern. Auch heute muss der „Vogel des Glücks“ wieder befürchten, zum Opfer zu werden, ein Opfer moderner Technologie.

Zweimal im Jahr fliegen die Vögel ihrem biologischen Impuls gehorchend in großen Schwärmen von Schweden über die Ostsee zu ihren Rastplätzen zwischen Darß und Odermündung und wieder zurück. Wo viele von ihnen jedoch bald nicht mehr ankommen könnten. Naturschützer warnen seit Jahren, dass die Offshore-Windparks vor der Küste Mecklenburg-Vorpommerns den Kranichen die Zugwege abschneiden. Und mit dem Bau der beiden neuen Windparks Gennaker und Arcadis Ost 1 könne ein grausames Szenario der Vogelschützer Realität werden: dass viele Kraniche in riesigen Windenergieanlagen verenden.

Offshore-Windparks riegeln die Küste ab

Zusammen mit den bereits errichteten Windparks in der Ostsee legen sich die neuen Windparks Gennaker und Arcadis Ost 1 wie ein Riegel vor die Küste – und zwar genau in der breiten Route, auf der die Kraniche ziehen, sagt der Meeresbiologie Henning von Nordheim. Auch andere Vogelarten seien durch die Offshore-Anlagen gefährdet: Zehntausende Bussarde, Falken, Enten oder auch Bergfinken fliegen jährlich über die Ostsee oder ziehen parallel an der Küste entlang. Sogar Fledermäuse sind laut dänischen und deutschen Studien zahlreich auf dem Meer unterwegs.

Tausende Kraniche ziehen jährlich von Schweden über die Ostsee zu den Rastplätzen an der Küste Mecklenburg-Vorpommerns und zurück. Quelle: Christoph Soeder/dpa

Die Tiere wandern relativ flach, Kraniche zwischen 100 und 150 Meter, also genau auf Höhe der Rotoren, warnt von Nordheim, der an der Universität Rostock als Honorarprofessor Meeresnaturschutz lehrt. Dabei mache es vermutlich kaum einen Unterschied, ob die Rotorblätter der Anlagen sich drehen oder nicht. Weil die Vögel über dem Meer nicht mit Hindernissen rechnen und kaum Ausweichreaktionen zeigen, könnten sie auch gegen Türme oder still stehende Rotorblätter prallen und dabei umkommen.

Tausende tote Kraniche befürchtet

Konkrete Zahlen zu getöteten Vögeln und Fledermäusen gibt es nicht, denn die erschlagenen Tiere fallen ins Wasser und versinken. Eine dänische Modellrechnung von 2015 geht bei damaligem Genehmigungs- und Planungsstand laut von Nordheim von mehreren Tausend toten Kranichen aus – wenn der Offshore-Windpark-Riegel komplettiert wird: „Sollte das eintreffen, könnte die schwedisch-norwegische Kranichpopulation massiv beeinträchtigt werden.“ Wenn die Offshore-Windparks in den Vogelzugrouten errichtet werden, gerate dies zudem in Konflikt mit der europäischen Vogelschutzrichtlinie.

Kommentar: Akzeptanz der Windkraft steht auf dem Spiel

Auch laut einer internen Stellungnahme der Landesregierung von 2014, die dem Naturschutzbund Nabu nach eigener Aussage bekannt ist, soll es erhebliche Bedenken gegen Windenergieanlagen im Küstenmeer gegeben haben. Das kann das Schweriner Energieministerium so nicht bestätigen. „Bei den vier in Betrieb befindlichen Offshore Windparks vor der Küste Mecklenburg-Vorpommerns hat es bisher keine Erkenntnisse über etwaige Auswirkungen auf den Vogelzug gegeben“, teilt das Ministerium mit.

Der bisherige Abteilungsleiter für Meeresschutz beim Bundesamt für Naturschutz (BfN), Henning von Nordheim, lehrt als Honorarprofessor Meeresnaturschutz an der Universität Rostock. Quelle: Jens Büttner/dpa

Genehmigung für Gennaker laut Naturschützern rechtswidrig

In den Genehmigungsverfahren zu den Offshore-Windparks Gennaker und Arcadis Ost 1 habe es zudem „intensive Diskussionen“ über die Zugvogelrouten gegeben. Dies würde sich „jeweils in sehr detaillierten Auflagen widerspiegeln“. Das Staatliche Amt für Landwirtschaft und Umwelt (Stalu) als genehmigende Behörde habe den Firmen „jeweils umfängliche Monitoringmaßnahmen aufgetragen“.

Darüber kann der Leiter Meeresschutz beim Nabu, Kim Detloff, nur mit dem Kopf schütteln: „Diese Standorte sind überhaupt nicht geeignet.“ Die Rügen-Schonen-Linie sei zentraler Flugkorridor für Millionen Zug- und Rastvögel, darunter Kraniche, Trauer- und Eisenten sowie unzählige Singvögel. Die Genehmigung Gennaker verstoße gegen die EU-Vogelschutzrichtlinie und sei rechtswidrig.

Der Nabu hat vor wenigen Tagen Widerspruch gegen die Baugenehmigung des Windparks Gennaker eingelegt. Von Nordheim hält generell Standorte, die mindestens 40 Kilometer vor der Küste der Nordsee liegen, verträglicher für Offshore-Windparks als das Küstenmeer der Ostsee.

Rekord bei Offshore-Installation

Europa hat im Jahr 2019 laut dem Branchenverband Wind-Europe 3,6 Gigawatt neue Offshore-Windkapazität installiert. Dies sei ein neuer Rekord bei den jährlichen Installationen. Zehn neue Offshore-Windparks gingen in fünf Ländern ans Netz.

Fast die Hälfte der neuen Kapazität entfiel mit 1,7 Gigawatt auf Großbritannien. Danach folgten Deutschland mit 1,1 Gigawatt, Dänemark mit 374 Megawatt sowie Belgien mit 370 Megawatt. Europa verfügt nun über 22 Gigawatt Offshore-Windenergie. Drei Viertel davon entfallen auf das Vereinigte Königreich und Deutschland. Dänemark, Belgien und die Niederlande teilen sich fast den gesamten Rest.

Die durchschnittliche Leistung der im letzten Jahr installierten Offshore-Turbinen betrug 7,8 Megawatt. In Rotterdam wurde sogar eine 12-Megawatt-Offshore-Windkraftanlage installiert. Auch die Offshore-Windparks werden immer größer. Die durchschnittliche Leistung hat sich verdoppelt – 2010 betrug sie 300 Megawatt, jetzt sind es über 600 Megawatt. Der größte ist Hornsea 1 in Großbritannien mit 1,2 Gigawatt.

Offshore-Windenergie als Rückgrat der Energiewende

Die Nordsee gilt als Wiege und Herzstück der europäischen Offshore-Windenergie. Für den Geschäftsführer der Stiftung Offshore-Windenergie, Andreas Wagner, ist die Entwicklung ein „Riesenerfolg“, wie er kürzlich auf einer Veranstaltung zur Energiewende in Rostock sagte. In deutschen Gewässern stehen mittlerweile 28 Windparks, vier davon in der Ostsee. Die insgesamt rund 1500 Windenergieanlagen hätten eine Kapazität von knapp 7,5 Gigawatt, was der Leistung von mehr als sieben Atomkraftwerken entspreche. Die Leistung der Windparks könne den jährlichen Strombedarf der Städte Berlin und Hamburg decken.

„Darauf können wir aufbauen – wenn die Politik uns lässt“, sagte Wagner, der die Offshore-Windenergie wegen der hohen und verlässlichen Versorgungssicherheit als „Rückgrat der Energiewende“ bezeichnete. Um die Wende zu schaffen, sei ein Ausbau auf mindestens 20 Gigawatt bis zum Jahr 2030 und 30 Gigawatt bis 2050 nötig. In der deutschen Nord- und Ostsee gebe es laut Wagner sogar ein Potenzial von mehr als 50 Gigawatt.

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Von Axel Meyer-Stöckel