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MV aktuell Forscher in Groß Lüsewitz: Halbzwerg soll Roggenanbau revolutionieren
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​Forscher in Groß Lüsewitz: Halbzwerg soll Roggenanbau revolutionieren

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10:42 22.12.2019
Bernd Hackauf, Wissenschaftler im Julius Kühn-Institut, steht in einem Gewächshaus in einer Kabine mit Roggenpflanzen, in der Natriumhochdruckdampflampen für die Pflanzen Tageslicht simulieren. Quelle: Bernd Wüstneck/dpa-Zentralbild/
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Groß Lüsewitz

Aktuell ist Weizen unangefochten die Nummer 1 beim Brotgetreide weltweit. In den vergangenen Jahren ist die Produktion von Weizen zwar noch immer gestiegen, auf rund 766 Millionen Tonnen in diesem Jahr, doch verlangsamt sich das Wachstum nun. Es stellt sich die Frage nach Alternativen.

„Roggen kann durchaus eine sein“, sagt der promovierte Wissenschaftler Bernd Hackauf vom Julius Kühn-Institut in Groß Lüsewitz bei Rostock. Roggen zeichnet sich durch einen hohen Mineralstoff-, Vitamin- und Ballaststoffgehalt aus und macht lange satt. Hackauf ist der deutsche Teamleiter in einem internationalen Projekt mit dem Namen „Die kurze Revolution im Roggenfeld“. Wissenschaftler aus sieben europäischen Ländern und Kanada sind seit diesem Sommer dabei, neue Roggensorten zu züchten. „Was aktuell fehlt sind Sorten, die angesichts der Klimaveränderungen einen wirtschaftlich erfolgreichen Anbau ermöglichen. Daran arbeiten wir“, sagt Hackauf.

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Viele Landwirte verzichten auf Anbau

Roggen ist wie Weizen ein traditionelles Brotgetreide. Es wächst auf vergleichsweise langen Halmen heran - sie sind mehr als doppelt so lang wie beim Weizen. Bei widrigen Witterungsbedingungen knicken die Halme schnell ein, die Ähren liegen am Boden. Erhebliche Verluste und eine schwierige Ernte sind die Folge. Viele Landwirte verzichten deshalb auf den Anbau.

Der Ansatz der Wissenschaftler ist es daher, den Roggen so zu züchten, dass die Pflanze Wasser und Nährstoffe nicht mehr in ihren Halm steckt, sondern in die Ähre. „Kurzer Halm, hohe Körnerertragsleistung“, nennt Hackauf den Züchtungsansatz hin zu wieder mehr Roggenanbau. Verantwortlich für die Halmausbildung ist nach seinen Worten ein spezielles Wachstumshormon. Der züchterische Weg zu einer Pflanze mit kurzem Stroh führe über altbewährte Sorten. Diese zeichnen sich laut Hackauf durch ein ausgeprägtes Wurzelwachstum aus. Damit würde auch bei wenig Niederschlag in der entscheidenden Entwicklungsphase das Wachstum nicht gleich ins Stocken geraten, und es würden weiterhin Nährstoffe aus dem Boden aufgenommen werden. „Wir haben Erkenntnisse, dass bis zu 93 Prozent des wasserlöslichen Nitrats im Boden durch den Roggen aufgenommen werden können und so nicht ins Grundwasser gelangen“, erläutert Hackauf.

Projekt läuft bis 2022

„Das hört sich gut an“, sagt Marco Gemballa, der mit der Agrargesellschaft „Am Landgraben“ in Zinzow (Vorpommern-Greifswald) rund 600 Hektar bewirtschaftet. Der Landwirt gehört zu zehn Unternehmen bundesweit, die sich im wissenschaftlich begleiteten F.R.A.N.Z.-Projekt engagieren, wörtlich „Für Ressourcen Agrarwirtschaft und Naturschutz mit Zukunft“. „Da gehört auch eine erweiterte Fruchtfolge dazu“, sagt er. „Je mehr Anbaumöglichkeiten wir haben, umso besser. Stehen im Ergebnis des Züchtungsprojekts neue Roggensorten zur Verfügung bin ich gern bereit, das Getreide in meine Anbaupläne zu integrieren“, versichert Gemballa. In seine zusätzlichen Umweltmaßnahmen für mehr Biodiversität hat der Landwirt zuletzt rund 1000 Euro je Hektar investiert. Ein finanzieller Aufwand, der sich durch eine größere Anbauvielfalt durchaus reduzieren ließe.

Das internationale Züchtungsprojekt hin zu sogenannten Halbzwergen läuft noch bis 2022. Aktuell hat der Roggenanbau in Europa einen Anteil von lediglich gut 2 Prozent am gesamten Getreideanbau. Weltweit wurden in diesem Jahr 12 Millionen Tonnen eingefahren - im Vergleich zu 766 Millionen Tonnen Weizen. Dieses Verhältnis sollte sich nach Ansicht der am Projekt beteiligten Wissenschaftler verändern. „Roggenbrot hat in Deutschland eine lange Tradition, die wollen wir wieder aufleben lassen“, sagt Hackauf.

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Von RND/dpa