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MV aktuell Frei oder verkürzter Unterricht? So reagieren Schulen aus MV auf die Hitze
Nachrichten MV aktuell Frei oder verkürzter Unterricht? So reagieren Schulen aus MV auf die Hitze
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13:42 19.06.2019
Schüler einer 2. Klasse laufen in einer Grundschule an einer Tafel mit der Aufschrift „Hitzefrei“ vorbei. Mit den steigenden Temperaturen wächst auch die Hoffnung der Schüler auf wärmebedingt verkürzten Unterricht.
Schüler einer 2. Klasse laufen in einer Grundschule an einer Tafel mit der Aufschrift „Hitzefrei“ vorbei. Mit den steigenden Temperaturen wächst auch die Hoffnung der Schüler auf wärmebedingt verkürzten Unterricht. Quelle: Sebastian Kahnert/ZB
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Rostock

Tropische Temperaturen in Mecklenburg-Vorpommern: „Hitzefrei“ ist zurzeit das wohl beliebteste Wort unter Schülern. Doch ob die Mädchen und Jungen früher nach Hause gehen dürfen, liegt in der Hand ihrer Schulleiter. Die berufen sich auf Weisungen des Schweriner Bildungsministeriums. Kinder- und Jugendärzte empfehlen unter bestimmten Bedingungen ein früheres Unterrichtsende.

„Die Kleinen müssen schwitzen“

In Stralsund an der Regionalen Schule Hermann Burmeister gibt es sowohl eine Grundschule, als auch die Klassenstufen fünf bis zehn. „Die Kleinen müssen schwitzen“, sagt die Sekretärin der Schule. Denn bis zur vierten Klasse könne man die Kinder noch nicht alleine und früher nach Hause schicken. „Die Lehrer passen den Unterricht an und gehen zum Beispiel ins Freie an ein schattiges Plätzchen.“ Die Schüler der fünften Klasse hingegen haben seit 12.35 Uhr Hitzefrei und können den Tag im Freien genießen.

Das Jahngymnasium in Greifswald umgeht die Hitze derzeit mit einer Projektwoche. „Da händeln wir das etwas flexibler. Die Schüler sind bis 13 Uhr im Haus und manchmal wird dann am Abend noch weiter gemacht“, sagt Schulleiterin Michaela Nuelken. Viele Jugendliche seien ohnehin gerade nicht in der Schule. „Die elften Klassen schreiben eine Facharbeit, selbstständig und von zuhause, die neunten und zehnten machen Praktikum und die 12. Klassen haben gerade ihr Abitur geschrieben.“

Verkürzter Unterricht in Wismar und Rostock

Das innerstädtische Gymnasium in Rostock hat am Mittwoch erstmals in diesem Jahr verkürzten Unterricht angeordnet. „Das ist eine Ermessensentscheidung und wird nicht anhand der Temperatur gemessen“, sagt Schulleiter Markus Riemer. Maßgeblich sei die Konzentrationsfähigkeit der Schüler und Lehrkräfte. Ab der fünften Stunde wird die Unterrichtsdauer von 45 auf 30 Minuten reduziert. Nur die Schulleitung müsse „bis zum Ende schwitzen“, schließlich stehe zum Wochenende die Zeugnisausgabe bevor.

Auch im Wismarer Gerhard-Hauptmann-Gymnasium wird der Unterricht verkürzt – hier aber schon ab der ersten Stunde. „Sonst bricht ja das ganze Gefüge für die Lehrkräfte zusammen“, sagt Schulleiterin Ines Albrecht. So können die Schüler mit dem Ende der achten Stunde um 13.10 Uhr nach Hause gehen.

Mediziner plädieren für den Hitze-Schutz der Kinder

„Wenn die Temperaturen in den Schulräumen so hoch steigen, dass die Leistungsfähigkeit der Schüler in den Keller geht, dann macht Hitzefrei wirklich Sinn“, erklärt Dr. Steffen Büchner aus Güstrow, stellvertretender Landesvorsitzender des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte in MV. Am heißesten werde es am Tag zwischen 13 und 14 Uhr. „An Hitzetagen müssen die Lehrer darauf achten, dass die Mädchen und Jungen in der Schule genügend trinken“, sagt Büchner. Sportunterricht sollte an solchen Tagen weder in der Halle noch draußen stattfinden. Und: Werden Schüler nach Hause geschickt, dann mit dem Rat, die knallige Sonne zu meiden.

Ab wann darf ein Schulleiter überhaupt den Unterricht wegen zu hoher Temperaturen ausfallen lassen? Zu DDR-Zeiten galt: Wenn die Temperatur um 10 Uhr 28 Grad Celsius im Schatten erreicht hat, ist hitzefrei. Heutzutage sind die Hürden für Unterrichtsausfall bei Hitze wesentlich höher. Das Bildungsministerium informiert, dass der Schulleiter bei zu hohen Innentemperaturen erst prüfen müsse, ob der Unterricht in kühlere Räume oder sogar nach draußen verlegt werden kann. Ein nächster Schritt sei die Verkürzung von Unterrichtsstunden, damit die Reduzierung des Unterrichtstages nicht zu Lasten einzelner Fächer geht.

Rücksichtnahme auf gesundheitliche Probleme und verminderte Leistungsfähigkeit

Erst wenn das nicht mehr organisierbar sei, könne nach der dritten Unterrichtsstunde hitzefrei gegeben werden. Grundschüler sowie Schüler an Förderschulen dürfen nur mit Zustimmung der Erziehungsberechtigten vor Ablauf der regulären Unterrichtszeit aus der Aufsicht der Schule entlassen werden können. Und: Auf gesundheitliche Probleme und die verminderte Leistungsfähigkeit einzelner Schüler, die durch die große Hitze hervorgerufen werden, müsse unbedingt Rücksicht genommen werden. Klassenlehrer oder Schulleiter können diese Schüler bei Bedarf vom Unterricht freistellen oder ihnen andere Erleichterungen gewähren.

Übrigens: Auch Arbeitnehmer können in den Genuss von Hitzefrei kommen. Grundsätzlich darf der Arbeitgeber darüber frei entscheiden. Laut Arbeitsstättenrichtlinie soll die Lufttemperatur in Arbeitsräumen zwar nicht über 26 Grad Celsius liegen. Der Gesetzgeber sagt allerdings auch, dass Bürotemperaturen von bis zu 35 Grad Celsius in Ausnahmefällen zumutbar sind – etwa an besonders heißen Sommertagen.

Recht auf kühlen Raum

Darüber hinaus haben Angestellte aber das Recht, vom Arbeitgeber einen kühleren Raum zu verlangen – oder eben im Zweifel freizubekommen. Einfacher fällt die Entscheidung bei Arbeitnehmern, deren Gesundheit besonders geschützt werden muss – etwa bei Schwangerschaft oder bei Herz-Kreislauf-Problemen. Wer in diese Kategorie fällt, hat sehr gute Chancen, ein paar Tage oder Stunden Hitzefrei zu bekommen.

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Bernhard Schmidtbauer und Moritz Naumann