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MV aktuell Fusion-Macher: „Dann könnte die Polizei auch in Schulen einmarschieren“
Nachrichten MV aktuell Fusion-Macher: „Dann könnte die Polizei auch in Schulen einmarschieren“
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14:51 07.05.2019
Elektronische Musik, Live-Auftritte, Theater und Kabaret gehören zum Programm der Fusion. Quelle: imago images/Frank Brexel
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Lärz

Das Fusionfestival, das Ende Juni in Lärz an der Müritz stattfinden soll, hat Ärger mit der Polizei. Die fordert Auflagen, die die Veranstalter vom Kulturkosmos Müritz e.V., der seit 1994 das Festival für elektronische Tanzmusik organisiert, nicht einhalten wollen. Ein Gespräch mit Kulturkosmos-Vorstand Martin Eulenhaupt.

RND: Die laut Polizeistatistik angezeigten Gewaltdelikte bei der Fusion in den Jahren 2011 – 2016 lagen im Schnitt bei 2,5 Delikten pro Festival. Und das bei jährlich bis zu 70.000 Besuchern. Wieso will die Polizei in ein offensichtlich funktionierendes Sicherheitskonzept eingreifen?

Martin Eulenhaupt: Der Polizeipräsident von Neubrandenburg, Nils Hoffmann-Ritterbusch, ist persönlich ambitioniert, die Fusion und ihr Sicherheitskonzept selbst in die Hand zu nehmen. Der will die 150 Hektar Festivalgelände beispielsweise komplett beschallen lassen. Das heißt, dass man von einer zentralen Anlage in jeder Ecke des Festivals Ansagen machen kann. Bisher hatten wir aber nie ein Problem damit, wir konnten an den Bühnen Ansagen machen – das hat auch gereicht. Ich sehe es eher so, dass er selbst Ansagen wie „Das Festival wird abgebrochen“ machen will.

Für zahlreiche Besucher des Musikfestivals in Lärz haben die Polizeikontrollen strafrechtliche Folgen. Die Ordnungshüter haben mehr als 200 Drogendelikte gezählt.

Was sind außerdem die Forderungen der Polizei?

Bereits im letzten Herbst hat die Polizei neue Forderungen für das Sicherheitskonzept gestellt – und uns das als Bürgernähe verkauft. Sie wollen eine Polizeiwache auf dem Festivalgelände – und eine anlasslose Bestreifung. Das heißt, dass Polizisten auf dem Gelände ohne besonderen Anlass patrouillieren würden. Das aber ist für uns eine rote Linie – wir haben Kompromisse angeboten. Zum Beispiel, dass die Wache zwar auf dem Flugplatz in Lärz, aber nicht direkt auf dem Festivalgelände selbst aufgebaut werden könnte. So würden Gäste in zehn Minuten dorthin gehen können. Wir haben die Forderungen der Polizei aber von Anfang an mit Skepsis betrachtet. Jetzt merken wir, dass das mehr hinter steckt.

Das klingt so, als wäre der Streit zwischen dem Kulturkosmos und dem Polizeipräsidenten sehr persönlich geworden.

Das ist er auch. Zunächst haben wir mit einer Ebene unter ihm aus der Polizei verhandelt, dann haben wir mit ihm gesprochen. Am 11. April schließlich hatten wir ein dreistündiges Gespräch, bei dem er sich keinen Millimeter von seinen Forderungen weg bewegt hat. Am letzten Freitag warf er unseren Gästen vor, dass Gewaltexzesse bei der Fusion drohen würden. Dabei ist die Fusion eine absolut friedliebende Veranstaltung.

Rund 70.000 Besucher feiern bei der Fusion zu elektronischer Musik. Quelle: imago images/Frank Brexel

Das Fusion-Festival gilt als linksgerichtet. Ist der Konflikt von der Polizeiseite aus politisch motiviert?

Ja, inzwischen müssen wir das so sehen. Wir haben natürlich jedes Jahr Hausaufgaben, was wir am Sicherheitskonzept für das Festival noch ändern müssen. Inzwischen hat das ohne Anhang sogar schon 60 Seiten. Aber in 20 Jahren Festivalgeschichte hatten wir noch nie solche massiven Probleme. Polizeipräsident Hoffmann-Ritterbusch spricht von bundesweiten Standards, die wir nicht erfüllen würden. Doch diese Standards sind Ländersache.

Das Fusion-Festival ist – neben anderen großen Festivals – bekannt dafür, dass dort regelmäßig Drogen konsumiert werden. Will die Polizei vielleicht einfach den Drogenmissbrauch kontrollieren?

Ich weiß nicht, ob der Polizeipräsident den Drogenkonsum regulieren will. Repressive Drogenpolitik ist ein gescheitertes Konzept. Doch dann könnte die Polizei genauso gut in die Schulen einmarschieren.

Was ist die letzte Konsequenz, wenn es keine Einigung zum Sicherheitskonzept gibt?

Wir haben überlegt, das Festival platzen zu lassen. Aber dafür ist es schon zu spät. Die Gäste haben ihre Tickets schon gekauft. Das Festival wegen einem Konflikt mit der Polizei abzusagen, wäre nicht fair. Aber wenn ein Gericht die Auflagen aufzwingt, ist es vorbei.

Warum?

Wir alle machen dieses Festival nicht, weil wir viel Geld damit verdienen. Wir veranstalten das mit Herzblut, ehrenamtlich. Das funktioniert nur mit dem Einsatz von 10.000 Leuten. Wenn wir uns diese Offenheit nicht bewahren können, stellt sich die Frage, für wen wir das Ganze machen.

Wie sieht es mit einem Gerichtsverfahren aus? Sie drohen zu klagen.

Unser Fall würde vor dem Verwaltungsgericht landen. Und es gibt zwei Szenarien. Entweder, das ist uns am liebsten, wir klagen gegen die Auflagen der Polizei. Wenn das Ordnungsamt aber irgendwann nicht die Erlaubnis erteilt, weil die Polizei nicht ihr okay gibt, dann müssen wir gegen die Erlaubnisverweigerung klagen. Und damit würde das ganze Festival in Gefahr sein. Wir hoffen, dass die Auflagen in den nächsten zwei bis drei Wochen formuliert werden können – erst dann können wir klagen.

Was bedeutet die Fusion für Sie?

Ich finde, dass wir es in 20 Jahren Festivalgeschichte geschafft haben, eine Art gesellschaftliche Utopie zu entwickeln. Es geht dort mal nicht um Gewinnmaximierung, es geht um Achtsamkeit. Das ist eine Haltung, die Generationen von Jugendlichen geprägt hat.

Was fordern Sie von der Politik?

Wir fordern, dass sie sich in diesem Streit positionieren. Aber eigentlich muss es eine politische Lösung geben. Der Innenminister muss einen klärenden Druck aufbauen, sodass der Polizeipräsident mit seinen Aktionen zurückgepfiffen wird. Denn wenn die Polizei jetzt anlasslos auf dem Festivalgelände als Streife präsent wäre, würde das auch bedeuten, dass sie zukünftig in jeden Club Wache stehen könnte.

Von Geraldine Oetken/RND