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MV aktuell „Fusion“ in MV: Anarchie und Ferienkommunismus mit Musik und bunten Klamotten
Nachrichten MV aktuell „Fusion“ in MV: Anarchie und Ferienkommunismus mit Musik und bunten Klamotten
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17:28 28.06.2019
Zum Auftaktgig am Donnerstag, 27. Juni, 18 Uhr an der Turmbühne mit dem Berliner DJ-Projekt FJAAK sitzen Tausende Besucher auf den Hangars und hören zu. Quelle: Dietmar Lilienthal
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Lärz

Um 18 Uhr blickt man vom Hangar an der Turmbühne des 23. Fusion-Festivals auf dem alten russischen Militärflughafen in Lärz bei Mirow auf ein Menschenmeer. Bumm, bumm, bumm – der Sound der offiziellen Auftakt-Acts des DJ-Projekts FJAAK aus Berlin-Spandau nimmt Fahrt auf. Die DJs Felix Wagner und Aaron Röbig legen los, bis Januar waren sie zu dritt, jetzt treten sie als Duo auf. Ein Mann, der aussieht wie Catweazle in jungen Jahren, schwenkt eine gut fünf Meter hohe Teleskopstange, an derem Ende eine riesige Zellophanfolie als Fahne über der Masse im Takt schwebt. Seifenblasen steigen auf, Marienkäferluftballons und andere Tiere schweben durch die Luft. „Alter, ist das voll hier“, ruft ein 26-Jähriger aus Köln. „I told you“, antwortet sein Kumpel aus New Hampshire.

70 000 Besucher sind auf der 23. Fusion in Lärz. Vom Outfit ist für jeden Geschmack etwas dabei.

„Akzeptanz, coole Leute, geiles Setting.“

Vor der Bühne steht ein Typ im 60er-Jahre-Look mit schweren Ketten um Hals und Hüfte, dreht einen Pfefferstreuer über seinem Kopf, kaut an einem riesigen Grashalm, tanzt und grinst. Bei Sonnenbrillen und lustigen Kopfbedeckungen scheinen der Kreativität keine Grenzen gesetzt zu sein. Hin und wieder fliegt der Geruch von Hasch, Crêpes, Disconebel vorbei – Hasch auf Platz eins! Ein Mädchen sitzt auf den Schultern eines jungen Mannes und jongliert zur Musik mit drei Bällen. Ein Typ tanzt vor der Bühne traumversunken. Auf seinem T-Shirt steht „U need Hugs?“ Da wird sich bestimmt jemand finden lassen.

Jeder macht, jeder darf, wozu er, sie, es gerade Lust haben. Das Wort „Freiheit“ schwebt gleichberechtigt mit dem Wort „Musik“ über dem Festival. Mala und Pippi-Lotta, zwei 18-jährige Schülerinnen aus Rostock, sind zum ersten Mal auf der Fusion. „Akzeptanz, coole Leute, geiles Setting und alle sind freundlich und lieb zueinander“, rufen sie.

FJAAK ist zwar der offizielle Auftakt-Act am 27. Juni. Aber zeitgleich spielen auf anderen Bühnen, in Hangars, unter Zelten, im Freien Musiker wie Mono & Nikitaman, Lauren Hansom, The Movement, Crackmeier, Analog Africa oder das Transatlantic Club Orchestra. Bereits am Mittwoch, 26. Juni, hat Alltag am Haupttresen losgelegt. Ein Programm aus Elektropop, Ravepunk und Popballermann mit einem alten Synthesizer von Omas Dachboden, bei dem der DJ dem Publikum in Aussicht stellt, während der Show mitgebrachte Wäsche gebügelt zu bekommen. Auch die Rostocker Punkband Feine Sahne Fischfilet tritt in Lärz auf. Fusion ist, wenn Musik und Fantasie die Regler auf deutlich über Zimmerlautstärke hochziehen. Und offizieller Auftakt? Wen interessiert so was. Wenn Musik ist, wird getanzt.

„Wo ist meine Gruppe? Mir ist fürchterlich kalt.“

Am Donnerstag, 27. Juni, ist die 23. Fusion in Lärz nach monatelangem Hickhack mit der Polizei nun doch endlich gestartet. Die Veranstalter vom Kulturkosmos in Lärz und das Neubrandenburger Polizeipräsidium haben sich auf einen Kompromiss in Sachen Sicherheit geeinigt. Eine mobile Polizeiwache ist am Festivalgelände aufgestellt worden. Die Polizeibehörde widersprach Meldungen, dass mehr als 1000 Beamte im Einsatz seien. 2018 seien es 300 Beamte gewesen. Jetzt hat man sich darauf geeinigt, dass Polizeistreifen im Bedarfsfall aufs Gelände dürfen und die Festivalbesucher jederzeit den Kontakt zur Polizei suchen können – was die eher nicht wollen. Was sie von der Anwesenheit der Ordnungshüter halten, machen sie mit einer bunten Polonaise, an deren Spitze ein Pappmaché-Wasserwerfer läuft und bei der alle Beteiligten lustige selbst gebastelte Polizeimützen tragen, klar. Sie singen: „Wo ist meine Gruppe? Mir ist fürchterlich kalt.“ Gestartet sind sie von der „Polizwei-Akademie“ vor dem Gelände.

60 Polizeibeamte kontrollieren an zwei Wachpunkten auf jeder Seite des Festivalgeländes seit anfang der Woche die Anreisenden. Bisher sind 53 000 Besucher auf dem Gelände angekommen, bis zum Wochenende werden es 70 000. Das Programm läuft bis Sonntag. Jeder, der eines der 140 Euro teuren Festivaltickets aus dem Lostopf ergattern konnte, kann bis Mittwoch, 3. Juli, bleiben. 23 Anzeigen wegen Fahrens unter Einfluss von Betäubungsmitteln und 30 Anzeigen wegen des Besitzes unerlaubter Substanzen sind bisher erstattet worden, teilte die Polizei mit.

„Danke für die Solidarität der Menschen aus der Region.“

Wegen des Streits mit der Polizei hat sich der Kulturkosmos entschieden, zum ersten Mal in der Fusion-Geschichte eine Pressekonferenz zu geben. Eigentlich, um sich bei den Menschen in der Region für die Unterstützung zu bedanken. Martin Eulenhaupt vom Fusion-Vorstand sagt: „Die Solidarität der Menschen aus der Region und aus ganz Mecklenburg-Vorpommern in diesem Streit hat sehr viel damit zu tun, dass der Kulturkosmos und die Fusion ein fester Teil in dieser Region geworden sind.“ Mehr als 130 000 Menschen hatten die Petition zur Fortsetzung der Fusion unterschrieben. Und was viele vergessen haben oder die jungen Besucher der Fusion überhaupt nicht wissen: Der Kulturkosmos war ein starker Player im Diskurs um das vor Jahren geplante „Bombodrom“ der Bundeswehr in der Region. Wäre dieser militärische Riesenübungsplatz gekommen, hätte sich der Tourismus im Großraum Müritz wohl etwas anders entwickelt. Vor diesem Hintergrund sei es schon besonders tragisch und auch ein Spur weit Ironie der Geschichte, dass wenige Tage vor dem Fusion-Auftakt der Absturz zweier Eurofighter in der Nähe für Schlagzeilen gesorgt hatte. Susanne von Essen vom Fusion-Vorstand: „Wir hatten die Bundeswehr über die Polizei gebeten, von Überflügen der Militärmaschinen während des Festivals abzusehen. Bisher leider vergeblich.“

„Ich liebe die Anarchie, die Künste und die Kompostklos.“

Auf dem Gelände interessieren diese Diskussionen eher kaum. Hier herrscht Party in bunten Klamotten und lustigen Fahrzeugen. Zwei Frauen fahren mit einem Bagger über das Gelände und besprühen die staubigen Wege mit Wasser, damit es bei der Hitze weniger staubt. Anne (30) aus Berlin und Heiner (30) aus London sitzen in einem alten zum Biotop umgewandelten Autowrack und legen eine Pause ein, bevor es zum nächsten Act geht. Lilly (21) aus Hawaii und ihre Freundin Irina (35) aus den Niederlanden kommen gerade aus der Wartezone und gehen zur nächsten Bar. Lilly sagt: „Fusion? Ich liebe die Anarchie, die Künste und die Kompostklos.“ Benjamin (27) aus Pforzheim, Markus (21) aus Stuttgart und Ria (23), Tänzerin aus Vancouver, verkaufen an der Eisbude Eis. „Ich liebe die Community hier“, sagt Ria. An der Seebühne geht gerade das Programm los. „Ich weiß nicht, ob das schon Musik oder noch Soundcheck ist“, sagt Carl (43) aus Berlin. Weiß man oft nicht.

Fusion ist eine große solidarische linke Szene.“

Es gibt ein Punkkonzert an der Tresenbühne und einen Steinwurf entfernt wird die Drag-Queen-Show vorbereitet. „Das sind Männer in Frauenkleidern, Frauen in Frauenkleidern und irgendwas in irgendwelchen Kleidern. Total lustig,“ sagt einer, für den wir uns einen Fantasienamen ausdenken sollen. Okay, danke Kaspar! Neben ihm übt einer Kopfstand, zwei werfen sich Frisbees zu, eine Frau, die zu ihren Springerstiefeln Strapse trägt und sonst nicht sehr viel, geht vorbei und freut sich. Leila (28) und Rio (27) aus Berlin sind Fusion-Stammgäste, sie zum dritten, er zum achten Mal dabei. Rio sagt: „Die Fusion ist eine große solidarische linke Szene. Es gibt hier alles von Klassik über Theater bis Punk. Aber überwiegend Elektro.“ Leila liebt die kulturelle Vielfalt und die friedliche Atmosphäre. „Das Geile an der Fusion ist, dass es so divers ist. Hier laufen die unterschiedlichsten Typen rum und akzeptieren sich.“

„Hey, was haben denn da wieder ein paar Ameisen Lustiges gemacht.“

An der Longdrink-Bar neben der Seebühne mixen Tina (31) aus Halle, Dennis (27) aus Wetzlar und Ben (30) aus Lübeck Gin-Tonic, Cuba libre und Mojitos. „Einfach, weil es Spaß macht“, sagt Tina. Die Fusion sei wie ein großer, bunter Ameisenhaufen mit lustigen Hüten und geiler Musik. Und manchmal frage man sich: „Hey, was haben denn da wieder ein paar Ameisen Lustiges gemacht.“ Wie gesagt, Fusion ist Anarchie mit Fantasie ohne Grenzen und sehr viel Akzeptanz.

Rein & Raus

70 000 Besucher laufen fünf Tage lang auf dem riesigen Gelände des alten russischen Militärflughafens in Lärz bei Mirow herum. Ein unglaublicher logistischer Aufwand. Zahlen, Daten Fakten über die Unmengen an Lebensmitteln und Getränken, die verarbeitet werden, gibt es nicht, da alles dezentral von einzelnen Grüppchen organisiert wird. Aber: Die Fusion ist nicht vegan, wie oft behauptet wird, sondern vegetarisch. Und das hat eigentlich weniger idealistische als vielmehr rein praktischer Gründe. Ein Mitarbeiter vom Kulturkosmos, der die Fusion mit Hunderten Helfern – sogenannten Supportern – organisiert, sagt: „Wir bereiten hier mitten auf dem Acker Lebensmittel zu. Da ist es schlichtweg einfacher, das vegetarisch zu machen. Es gibt unglaubliche Auflagen und Hürden, wenn man Fleisch verarbeitet. Gemüse und Obst sind da einfach pflegeleichter. Aber wir sind nicht vegan, sondern vegetarisch.“ Auch 36 Ärzte und rund 400 Freiwillige mit Sanitätsausbildung sind auf dem Gelände. Diese arbeiten den Angaben zufolge ohne Bezahlung.

All das, was die 70 000 Menschen zu sich genommen haben, muss aber auch wieder raus. Die Fusion setzt da zum Teil auf Dixi-Klos, die jeder Besucher kostenfrei benutzen kann. An fünf Spots stehen sogenannte „WC royal“ – Toilettencontainer mit Keramikschüsseln und Wasserspülung, die auch gereinigt werden. Kosten: 50 Cent. Zu einem Großteil setzt die Fusion aber auf Kompostklos. Das System soll ausgebaut werden, bis Dixi-Klos überflüssig sind. Das Problem der Dixi-Klos: Die Mengen an flüssigen Ausscheidungen während des Festivals zu entsorgen, ist logistisch gar nicht möglich. Daher gibt es am Ende des Geländes die Duftoase. Dort lagern die Dixi-Klo-Betreiber in einem riesigen Plastiksack bis zum Ende des Festivals mehr als 100 000 Liter Urin und transportieren ihn nach Festivalende ab. Ein Supporter: „Wenn das Ding mal platzt, sind wir am Arsch.“

Ein anderes Problem: Müll. Der Kulturkosmos koppelt die Ticketpreise (140 Euro für das Festival) an Müllsäcke. Wer am Ende des Festivals einen vollen Müllsack zurückgibt, bekommt zehn Euro erstattet. Außerdem sind auf dem gesamten Gelände Regale mit leeren Kisten für Pfandflaschen verteilt, die regelmäßig geleert werden. Das Ergebnis: Das Gelände sieht zwar wild und bunt, für 70 000 Menschen aber unglaublich sauber und ordentlich aus.

Elektrobier: Die Supporter sind mit einem Chip-Armband ausgestattet. An den Bars und Tresen können sie damit ihre Getränke abrechnen. Der Chip wird einfach mit dem Handy von einem Mitarbeiter gescannt und fertig.

Michael Meyer

Ohne Fahrerlaubnis ist ein 34-Jähriger am Donnerstag mit einem nicht zugelassenen Fahrzeug in Altentreptow unterwegs gewesen. Der Mann war zudem betrunken. Ein Atemalkoholtest ergab einen Wert von 2,1 Promille.

28.06.2019

Mittlerweile haben fast alle 70 000 Besucher das Fusion-Festival in Lärz erreicht. Monatelang hat es Diskussionen über die Sicherheit gegeben. Die Polizei hat am Donnerstag 21 Straftaten zur Anzeige gebracht.

28.06.2019

Sechs Wochen Freizeit – die Sommerferien beginnen: Für alle, die zu Hause bleiben, haben wir hier ein paar interessante Ferientipps zusammengestellt – von der Warnemünder Woche bis zur Naturschatzkammer.

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